Der Mann, den sie Pferd nannten

Das Leipziger Messehighlight der vergangenen Wochen war: die „Partner Pferd“ – ein eher trockenes Vergnügen. Oder doch nicht? Am Rande der Ausstellung hüpften vier junge Männer durch die Manege und machten den Vierbeinern Konkurrenz. Unter ihnen: Evan Leuret, der Meister unter den Pferdemenschen.

Von Jonathan Fasel

„Ich bin ein bisschen schüchtern.“ Evan Leuret grinst. Sein pinker Mannschaftspulli spannt etwas. Ein schüchterner Europameister?

Leuret, 23, ist amtierender Weltmeister im „Horsemen“; dem menschlichen Hochsprung in Pferdemanier. Die Springer imitieren die Tiere, galoppieren beim Anlauf und bewegen ihre Beine beim Sprung genauso wie die Tiere.

Mit einem Unterschied: Die „Horsemen“ springen höher. Bei 1,85 Meter liegt der Rekord, gehalten eben von Evan Leuret. Der studiert nebenbei noch Seerecht im französischen Aix-en-Provence. Er lacht gerne, spricht leise, aber viel. Und versucht dabei, seinem Sport wenigstens einen Anstrich von Ernsthaftigkeit zu geben.

Doch das fällt schwer, wenn man die jungen Männer in Aktion sieht. Fesch mit Anzug hüpfen sie dann über die Hindernisse. „Es geht auch darum, die Zuschauer zu unterhalten“, räumt Leuret ein, „wir unterscheiden aber zwischen Shows, wie hier auf der Messe, und echten Wettkämpfen.“ Etwa die Europameisterschaften: Die finden alljährlich in der Gegend von Genf statt, rund zwei Dutzend Horse-Männer aus ganz Europa messen dort ihre Kräfte. „Es gibt einige Teams aus anderen europäischen Ländern. Man kennt sich, teilt sich den Showmarkt und trifft sich ein, zwei Mal im Jahr“, erklärt Leuret. Er gehört zum ältesten Team, stieß aber erst vor fünf Jahren dazu. Die Geschichte der „Horsemen“ geht so: Reiter wärmten sich auf, merkten, dass das Springen Spaß macht. So läuft das meistens – auch bei Leuret, der früher mal Reitsport betrieb.

Eigentlich lebt Evan Leuret zwei Leben. Für ihn gibt es die Uni, den Studentenalltag in der Kleinstadt Aix. Und dann ist da die Welt der „Horsemen“, mit dem Jubel und Gelächter der Zuschauer, den Reisen durch ganz Europa und den Hotels, die die Sponsoren bezahlen. „Ich brauche immer zwei, drei Tage, um danach runterzukommen.“

Er muss diese Spannung aufbauen, um springen zu können. „Sag mir jetzt, ich solle über diesen Tisch hüpfen: Dann kann ich das nicht“, sagt Leuret. Er habe sein Ritual, sich vorzubereiten, sich in Schale zu werfen, sich warmzutraben. „Erst dann kann ich springen. Ich brauche die Manege, die Atmosphäre, die Kleidung, die Anspannung.“

Einmal, da war er auf dem Titel der Tageszeitung „Corse Matin“ zu sehen, ganz groß. Und klein daneben ein Foto vom Schauspieler Gérard Depardieu, einer Ikone in Frankreich. Großer Evan, kleiner Gérard. „Meine Eltern fanden das ganz toll“, sagt Leuret und grinst wieder.

Schüchtern, dieser junge Mann? Niemals. Doch – vielleicht im anderen Leben. Dem im kleinen Aix.

Veröffentlicht unter: 7. Ausgabe, 29.01.2010, Geschichten, Jonathan Fasel · Etiketten: , , , , , , , , , ,

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