Streicheln erlaubt, Verantwortung gefordert

Wenn Menschen leichtfertig mit Tieren umgehen, landen Bello & Co. oft auf der Straße. Dann sind engagierte Retter gefragt. Die Herangehensweisen der Tierschützer sind jedoch verschieden. Ein Leipziger Beispiel.

Von Helena Tsiflidis

Emily ist eine junge Hundedame mit blauen Augen und goldenem Fell, eine Mischung aus Schäferhund und Husky. Ihre ursprüngliche Besitzerin hatte keine Zeit mehr für sie, deshalb wohnt Emily jetzt bei Yvonne und Andreas Dietrich-Geißler. Als eine von vielen Pflegestellen unterstützen sie den Tierschutz in Leipzig. Bis Emily ein neues Zuhause gefunden hat, kümmert sich das Paar um die junge Hündin. Sie füttern sie, gehen mit ihr spazieren, bringen ihr kleine Befehle wie „Sitz“ und „Platz“ bei und wie man richtig an der Leine geht.

Michael Sperlich, Geschäftsführer des städtischen Tierheims, sieht das Konzept der Pflegestellen kritisch: „Die Tiere stellen in den Familien starke soziale Bezüge her, aus denen sie früher oder später wieder herausgerissen werden.“ Außerdem gebe es Pflegestellen, die einen Hund als Haustier übernehmen, aber offiziell weiter als Pflegetier ausweisen, um der Hundesteuer zu entgehen. Das Tierheim lehnt deswegen eine Zusammenarbeit mit Pflegestellen ab.

Der privat organisierte Tierschutz ist jedoch auf Pflegefamilien angewiesen. „Wir können die Tiere dadurch viel individueller betreuen als im Tierheim. Mit mehr Zeit und mehr Zuwendung“, meint Katrin Thiemicke, erste Vorsitzende des Vereins Tiernothilfe Leipzig. Noch vor einigen Jahren saß sie im Vorstand des Ersten Freien Tierschutzvereins Leipzig und des städtischen Tierheims, das der Verein seit 1992 betreibt. Der Umgang mit den Tieren war ihr jedoch zu unpersönlich: „Irgendwann ist schließlich Feierabend und das ist gerade für kranke Tiere ein Problem.“ Deswegen gründete sie 2005 die Tiernothilfe. Zur Zeit sind zehn Hunde und Katzen in Pflegefamilien untergebracht. Sie teilen ein ähnliches Schicksal: Menschen unterschätzen die Verantwortung im Umgang mit Tieren und setzen die gerade noch geliebten Gefährten verwahrlost und teils misshandelt am nächsten Waldstück aus. Auch Yvonne Dietrich-Geißler erinnert sich an einen schwierigen Fall: Ihr erster Pflegehund Pascha, ein Dobermann-Welpe, litt unter starken Epilepsie-Schüben und war von seinen Besitzern weggegeben worden. „Wir hatten richtig Angst, dass er es nicht schafft“, erklärt sie. Inzwischen lebt Pascha bei einer neuen Familie und hat seine epileptischen Anfälle überwunden. Aber nicht alle Tiere haben so viel Glück wie er. Bei besonders schlimmen Fällen bleibt manchmal nur noch die Sterbebegleitung.

Das Hauptproblem für den Tierschutz ist, dass viele Menschen die Verantwortung für ein Haustier unterschätzen. „Die Liebe zum Tier reicht leider nicht aus“, so Katrin Thiemicke, „wenn mit einem Haustier Kosten anfallen, fangen meist die Probleme an.“ Das bestätigt auch Michael Sperlich: So gingen Konzepte wie Tafeln für Tiere, bei denen die Tiere gespendetes Futter erhalten, am eigentlichen Problem vorbei. „Die meisten Leute können die Arztkosten nicht bezahlen.“ Dabei stellen die Tiertafeln in vielen deutschen Städten einen Anlaufpunkt dar, für Menschen, die sich trotz Geldsorgen nicht von ihrem Haustier trennen wollen. Das Angebot der Tiertafeln umfasst neben der Ausgabe von Futter- und Sachspenden dabei zum Teil auch die finanzielle Unterstützung bei anfallenden Kosten für Impfungen – allerdings nur, wenn die Spendenkasse ausreichend gefüllt ist.

Nicht immer werden Tiere aber abgegeben, weil der Besitzer es sich nicht mehr leisten kann. Auch Haustiere, die nicht artgerecht gehalten werden oder eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen, kommen in Leipzig über das Veterinäramt ins Tierheim. Als städtische Einrichtung muss das Tierheim die Aufgaben des Tierschutzes wahrnehmen, die gesetzlich für Kommunen festgelegt sind. Derzeit leben etwas mehr als 300 Tiere im Tierheim. Neben Hunden und Katzen sind das Meerschweinchen, Kaninchen, Vögel und Exoten wie Schildkröten oder Schlangen. Der letzte Neuankömmling ist ein erst drei Monate alter Boxer-Welpe, der als Fundtier hierher kam. Der Amtsarzt hat auch schon mal eine fast vier Meter lange Tigerpython mitgebracht. „Die hätte einen Menschen töten können“, so Michael Sperlich.

Veröffentlicht unter: 7. Ausgabe, 29.01.2010, Geschichten, Helena Tsiflidis

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


Cross-Border-Leasing (CBL) ist der ursprünglich englische Ausdruck für ein Steuersparmodell mit Mietkaufcharakter, über Grenzen hinweg. Die Bezeichnung hat sich für ...