Gegen die Norm: Darf ich bitten?

weiter lädt zum Abschlussball vor dem Gewandhaus. Und alle tanzen mit. Naja, fast alle. Geht ja auch ein wenig gegen die Norm.

Von Dorothea Hecht

Und eins-zwei-drei, eins-zwei-drei, eins-zwei-drei. Linkes Bein zurück, rechtes Bein zurück, anstellen, nach vorne, nach links, rechts, rüber, vor … äh, hinter, rechts, ran, äh … links. Oder rechts? Schon bei der Generalprobe geht alles schief. Walzer? Das letzte Mal beim Tanzkurs in der Schule. Alle kommen aus dem Takt. Oder gar nicht erst rein. Die Hände der Pärchen lösen sich. Ob das was wird.

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Lockermachen! Im Rücken glotzen die ersten Zuschauer, gegenüber wartet schon das Damenpack (nicht im Bild) auf einen zünftigen Walzer. Foto: Christian Nitsche

Abschlussball für die vorerst letzte gedruckte weiter-Ausgabe. Walzer tanzen in der Musikvorhölle zwischen Oper und Gewandhaus. Mit Wiener Charme und Schmäh die Menschen zum Mittanzen animieren. Es ist wie immer: Die Idee klingt erstmal toll. Total gegen die Norm, total weiter. Dann, kurz bevor die Aktion losgeht, kommt er, immer wieder der gleiche Gedanke: Was zum Teufel machst du hier eigentlich? Und ebenfalls wie immer bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken: Noch völlig benebelt von schwingenden Tönen schweben die ersten Musikverliebten aus dem Gewandhaus.

Ute dreht am Lautstärkeregler des Ghettoblasters. Das Mixtape schickt ein Knistern durch die Lautsprecher. Wiener Walzer auf Anschlag. Ein Blick auf die Paare links, dann auf Jan gegenüber. Schick in Anzug und Krawatte natürlich. Oranges Licht strahlt aus den Fenstern des Gewandhauses. Fand irgendjemand diese Architektur tatsächlich mal schön…? Eine Besuchergruppe tritt durch die Türen. Zehn nach zehn. Die ersten Streicherklänge tönen aus dem Ghettoblaster. „Darf ich bitten?“, fragt Jan. Er darf.

Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei, eins-zwei-drei. Gar nicht holprig diesmal. Glatt läuft es, geschmeidig, geradezu glamourös fühlt sich der Tanz an. Au, Genickstarre. Ist bei diesem Größenunterschied unvermeidlich. Trotzdem. Genial.

Und wieder kommt ein bekanntes Gefühl. Der Rausch. Dieses Drin-Sein. Das Erleben. Jetzt ist Aufhören unmöglich geworden. Alle müssen mitziehen, ob sie wollen oder nicht. Jonathan, zum Beispiel. Von wegen ihm sei schon schlecht. Auf zur nächsten Runde. Eins-zwei-drei läuft die noch besser als die erste. Zwei Jahre Tanzschule, gibt Jonathan zu. Ah ja.

Die Füße tanzen wie von selbst. Brauchen keine Beachtung mehr, kein Zählen. Ein Blick in die Runde. Sie gucken. Sie gucken, die Zuschauer! Dem Augenschein nach vor allem Rentner. Ob sich Florian Silbereisen beim Herbstfest der Volksmusik auch so großartig fühlt? Ein älterer Herr neigt seinen Kopf zu Claudia, die am Rand steht und zuschaut. „Entschuldigung“, sagt er deutlich hörbar, „können Sie mir sagen, was das hier ist? Ich bin nicht aus Leipzig.“

Ein jüngerer Mann neben ihm grinst. Jetzt oder nie: Damenwahl. Ein Knicks, ein freundliches „Darf ich bitten“. Schon geht es los, eins-zwei-drei zum Mendebrunnen.

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Winterglanz beim Wiener Walzer – die Gewandhaus Beleuchtung macht's möglich. Foto: Christian Nitsche

Vorbei an Stephan, der einer älteren Dame aus dem Weg tanzt. Mit griesgrämiger Grimasse und abwehrbereitem Regenschirm bahnt sie sich einen Weg durch die tanzenden Paare, schiebt Jan und Jonathan förmlich zur Seite. „Ein Bild für den Giftschrank“, flüstert Dirk, während Jans Gedanken wie im Comic über ihm zu schweben scheinen: Woher kann Jonathan Frauentanzschritte und warum ist hier keine Frau in meiner Größe? Diese Fotos landen auf Facebook – ganz sicher.

Noch ein paar Minuten, bevor sich die Konzertbesucher auf den Heimweg machen. Yvonne und ihr Freund haben ihren Eins-zwei-drei-Crashkurs fast hinter sich. Franzi hat sich Stephan geschnappt und Claudia und Isa, unsere Unterstützer von der Jugendpresse, sind ebenfalls im Takt. Zum letzten Walzer bittet mich ein grauer Lockenkopf. Baujahr etwa 40 Jahre vor meiner Zeit. Tanzvermögen etwa 140 Prozent über meinem. Eins-zwei-drei. Im Sauseschritt diesmal.

Ein letztes Wippen, eine Drehung, ein Knicks, ein Strahlen in die Runde. Applaus. Der Vorhang fällt. Auf zum nächsten Akt.

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: 27. Ausgabe, 05.11.2010, Dorothea Hecht, newsletter

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