Aufhören? Nein!

Es gibt Menschen, die ziehen ihr Ding durch, stoisch. Sie machen weiter. In aller Seelenruhe und zum Teil seit Jahren. Wir haben ein paar getroffen. Lernen Sie Heidi Voigt und Horst Goldschmidt, Familie Göbecke und Jens-Thomas Nagel kennen.

Von Ute König, Franziska Gaube und Jonathan Fasel

1 — Auffälligkeit am Dittrichring: Eine eingeworfene Schaufensterscheibe. Das bleibt nicht unentdeckt von Heidi Voigt und Horst Goldschmidt. Sofort wird das Notizbuch gezückt, notiert, fotografiert, der Fall genau dokumentiert. Später wird eine Meldung an die Polizei folgen.

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Horst Goldschmidt und Heidi Voigt dokumentieren im Einsatz für den Bürgerdienst LE Schäden und Auffälliges. Foto: Ute König

Heidi Voigt und Horst Goldschmidt gehören zu denen, die stets zu zweit und stets mit wachsamen Augen durch die Leipziger Straßen ziehen. Ihre dunkelblauen Jacken mit weiß-gelber Aufschrift verraten: Sie arbeiten für den Bürgerdienst LE. Böse Zungen behaupten: „Die laufen doch den ganzen Tag nur spazieren!“ Doch es steckt mehr dahinter.

Wer beim Bürgerdienst arbeitet, war längere Zeit arbeitslos, bezog Arbeitslosengeld II. Mit einem durch öffentliche Mittel geförderten Arbeitsplatz soll den Mitarbeitern eine Chance für einen Wiedereinstieg ins Berufsleben gegeben werden.

Ein guter Weg, mein Horst Goldschmidt. Er gehört zu den Bürgerdienstlern der ersten Stunde und war schon bei den ersten Einsätzen während der Fußball WM 2006 dabei. Davor war er zwei Jahre ohne Arbeit, nahm währenddessen an einer Qualifizierungsmaßnahme zum Verkäufer teil. Nach einem Praktikum folgte nichts. „Das machte alles keinen Sinn und motivierend war es auch nicht.“ Im Bürgerdienst fand er schließlich doch wieder eine sinnvolle Tätigkeit. Vier Jahre später ist Horst Goldschmidt Vorarbeiter und zuständig für die Teams in der Innenstadt.

2006 informierten er und seine Kollegen noch Touristen und Bürger im Leipziger Zentrum. Heute ist der Bürgerdienst als Leipziger Ortschafts-Service auch außerhalb des Stadtgebiets in den 14 Ortschaften aktiv und seine Aufgaben haben sich auf eine lange Liste erweitert: Das größte laufende Projekt ist die Registrierung sämtlicher Fahrräder. Zudem machen die  Mitarbeiter nächtliche Rundgänge in Gartenanlagen und sind bei Großveranstaltungen wie dem Lichtfest präsent. Tagtäglich laufen sie durch die Straßen, halten nach Graffitis, beschädigten Verkehrsschildern oder nach anderem Unschönen Ausschau.

Was gesehen wird, wird dokumentiert und an die entsprechende Stelle bei Stadt oder Polizei weitergeleitet. Eigene Handlungskompetenzen besitzt der Bürgerdienst nicht. „Ist allerdings mal ein Bauzaun umgekippt, stellen wir den auch direkt auf“, erklärt Horst Goldschmidt. „Das zu melden, wäre zu umständlich.“

Ein Polizeiauto kreuzt den Weg der beiden: Man grüßt sich. „Die Polizei und das Ordnungsamt sind schon froh, dass es uns gibt“, sagt Heidi Voigt. „Sie können wegen der Personallage nicht überall sein und sind dankbar über jeden Hinweis. Da merkt man, dass unsere Arbeit nicht nutzlos ist.“

Auch von den Bürgern kommt positive Resonanz. „Oftmals gibt es in den Ortschaften keine direkten Ansprechpartner“, erklärt Horst Goldschmidt. „Wir haben jedoch die Zeit zuzuhören,  Probleme aufzunehmen und weiterzuleiten.“

Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist ein entscheidender Faktor bei Projekten, wie dem Bürgerdienst. „Viele Arbeitslose führen ein recht isoliertes Leben“, sagt Projektkoordinator Peter Lindner. „Beim Bürgerdienst haben sie nach langer Zeit wieder das Gefühl, etwas nützliches zu leisten. Bei vielen kann man deutlich  beobachten, wie sie offener und kommunikativer werden.“

So war es auch bei Heidi Voigt. Der Bürgerdienst war ihre Rettung aus der Krise. Sie war selbständige Kosmetikvertreterin – bis sie schwer erkrankte. Dann starb auch noch ihr Ehemann. „Ich sah keinen Sinn mehr im Leben.“ Ihr damaliger Betreuer bei der Agentur für Arbeit hatte Verständnis für ihre Situation, ermutigte sie, durchzuhalten. Er bot ihr schließlich einen „1-Euro-Job“ beim Bürgerdienst an. Zunächst für eine Jahr: Flyer verteilen. Keine anspruchsvolle Arbeit, aber sie hatte endlich wieder das Gefühl, gebraucht zu werden. „Ich fühlte mich wie Phönix aus der Asche. Die Arbeit hat mir sehr gut getan“, sagt die 60-Jährige. Es ging gesundheitlich bergauf, sie fasste neuen Lebens- und Arbeitsmut. Inzwischen ist auch sie Vorarbeiterin.

Doch die geförderten Arbeitsplätze sind zeitlich befristet. Einige Mitarbeiter haben aus dem Bürgerdienst heraus einen festen Job gefunden. Für den Großteil bleibt der Einstieg in den richtigen Arbeitsmarkt jedoch eine unüberwindbare Hürde. „Glauben wir unserer Regierung, werden Leute ab 60 bald händeringend gesucht“, sagt Horst Goldschmidt. Sein Grinsen verrät: Er glaubt es nicht wirklich. Dennoch bleiben er und Heidi Voigt optimistisch. „Von der Agentur für Arbeit wurde ich sogar schon gefragt, ob ich in Rente gehen möchte“, erzählt die 60-Jährige. Für sie momentan keine Option. „Offiziell sollen wir bis 67 arbeiten. Ich kann und möchte noch arbeiten. Warum soll ich dann in Rente gehen?“

Die Verträge der Vorarbeiter laufen noch bis 2011. Dann wird neu über die Stellen entschieden. Die Stadt Leipzig versichert, sich immer wieder für eine Fortführung des Projekts einzusetzen: „Es wird mit hoher Priorität eingeschätzt“, so Heike von der Bruck, Leiterin Referat Beschäftigungspolitik. „Letztendlich wird aber entscheidend sein, welche finanziellen Mittel zur Verfügung stehen.“

Heidi Voigt und Horst Goldschmidt können nur hoffen, dass es im nächsten Jahr weiter geht – sei es erneut beim Bürgerdienst oder sogar im richtigen Arbeitsmarkt. Falls es nicht klappt, sagen sie trotzdem: „Wir werden weiterkämpfen!“

2 — 1912. In diesem Jahr ist die Titanic untergegangen, Karl May gestorben und in Leipzig wurde noch am Hauptbahnhof gebaut. Ein paar hundert Meter weiter gründete Hugo Köhler die heutige Bäckerei Göbecke. Es folgten der erste Weltkrieg, der zweite Weltkrieg, das DDR-Regime.

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Seit beinahe hundert Jahren ist die Bäckerei Göbecke in Familienhand. Foto:Franziska Gaube

2010, 98 Jahre später, steht eine lange Schlange in der Bäckerei. „Guten Morgen!“ „Ich hätte gerne sieben Brötchen und einen von den leckeren Muffins.“ „Kommt noch etwas hinzu? Vielen Dank, bis nächste Woche!“

Die Maschinen und die Bäcker rotieren, kneten, rollen, schneiden. Der Boden ist mit Mehl bestreut. Zwischen Kuchen, Teig, Brötchen, Torten, Bäcker und Konditoren.

Peter Göbecke ist die dritte Generation der Bäckerei.

Wache, sanfte Augen, krauses, graues Haar, ein freundliches Lachen, ein weicher Händedruck. Neben ihm: Matthias Göbecke. Die vierte Generation. Die selbe Nase, der selbe Mund. Er trägt Arbeitskleidung, hat keine Zeit. Christine Göbecke bleibt, seine Schwester. Die gleiche Nase, der gleiche Mund, die gleiche hohe Stirn und ein sympathisches Lächeln. Auf ihrem Arm: Elias Göbecke. Die vielleicht fünfte Generation. Sieben Wochen alt. Die Nase, die hat er vom Opa.

Seit 2004 führen Christine und Matthias Göbecke die Bäckerei. Vorher Peter Göbecke, seit 1971. Er ist 69. Eigentlich wollte er Sportler werden, ging sogar auf die Sportschule. Aber seine Eltern galten als Kapitalisten, keine Chance. Er machte seinen Bäckermeister und lernte Konditor und übernahm schließlich die Bäckerei seiner Eltern. Der Sohn Matthias war erfolgreicher Geräteturner und sollte sogar in den Olympiakader. Doch dann kam die Wende.

Alles lief durcheinander, man sorgte sich um Geld, Grundstücke und ums Fortbestehen. Der Sohn blieb und machte seinen Bäckermeister. Christine Göbecke studierte BWL. „Ich wollte erst einmal in die Welt hinausschnüffeln. Mich ausprobieren.“ Danach lernte sie Konditor. Gerade trägt sie keine Arbeitskleidung, weil ihr drittes Kind auf ihrem Arm schläft.

„Früher war hier alles sehr dicht besiedelt. Man rechnete irgendwann mit zwei Millionen Einwohnern.“ Peter Göbecke weist auf die freie Fläche neben dem Gebäude.

„Nach der Wende, als die Häuser keine Mieter mehr hatten, rissen wir sie ab und bauten an.“ Er hatte sich bewusst dafür entschieden, nicht auf der „grünen Wiese“ zu produzieren, obwohl ihm alle dazu rieten: „Der hohe Bodenpreis und so, aber heute klopfen mir meine Kinder auf die Schulter, weil ich das so gut gemacht habe.“ In seinen Augen blitzt Stolz. Auf der grünen Wiese zu produzieren, das bedeutet, seine Bäckerei in einem Gewerbegebiet zu bauen und jeden Tag in die Filialen in der Stadt zu liefern.

Doch für Peter Göbecke hat es eindeutige Vorteile, genau das nicht zu tun. Zum einen kurze Wege, zum anderen kann die Bäckerei flexibel auf die Nachfragen des Tages reagieren. „Ein Teil meiner Philosophie sind die menschlichen Arbeitszeiten. Unser Frühstarter, der Steffen, fängt erst um zwei an, wo andere Bäcker schon seit zwei Stunden in der Backstube stehen. Um vier beginnt der Rest.“ Das ist nur durch die kurzen Wege möglich.

Allgemein geht es menschlich zu bei den Göbeckes. Ein freundliches Hallo von jedem Arbeiter fliegt uns entgegen. An der Wand zu den Pausenräumen hängen Bilder von gemeinsamen Unternehmungen: Wildwasserrafting, Porsche-Besichtigung, Weihnachtsfeier. Über dem Schneidbrett hinter dem Verkaufsraum hängen Babyfotos. Viele Babyfotos. „Acht Babys in den letzten sechs Jahren in der gesamten Belegschaft“, sagt Christine Göbecke und lacht. 20 Angestellte werden hier beschäftigt und es hängen mehr als acht Fotos an der Wand.

Es hat sich einiges verändert, seit es die Bäckerei gibt. Jede Generation hat angebaut oder umgebaut. In der zu dieser Jahreszeit bereits klirrend kalten Durchfahrt war früher der Verkauf. Heute befindet sich dieser in einem geheizten Raum nebenan, dort wo ein Urgöbecke früher lebte. Seit zehn Jahren führen die Göbeckes nebenan auch ein Bistro, wo früher ein Gemüseladen war.

„Die Leute nehmen ihr Essen nicht mehr mit auf die Arbeit, auch Firmenkantinen gibt es immer weniger. So kommen sie früh, holen Brötchen und Kaffee. In der Mittagspause kommen sie wieder für einen Snack.“

Wo früher ein Schuster Schuhe klebte, komponiert man heute Torten. In die Zukunft blickt die vierte Generation optimistisch. „Was wir uns wünschen? Dass wir die Arbeitsplätze erhalten können, die Kunden weiterhin gern herkommen, dass sie glücklich in unsere Brötchen beißen. Für uns persönlich: Dass wir weiter das Unternehmen fortführen können. Wir haben schon ein paar Ideen wie es weitergehen kann, sodass wir unsere eigene Spur legen, aber trotzdem noch das Erbe erhalten“, sagt Christine Göbecke.

Ein Plan ist eine Filiale am Bayerischen Bahnhof. „Aber das ist wirklich Zukunftsmusik“. Sie lacht, das Baby auf ihrem Arm schlummert noch immer tief.

Vielleicht macht er oder einer seiner Brüder eines Tages weiter.

3 – Aufhören? Nein. Er schüttelt den Kopf und lächelt verlegen. Aufhören, das kommt Jens-Thomas Nagel gar nicht erst in den Sinn. Lieber begrüßt er jeden seiner Gäste im „Weißen Ross“ persönlich. Auch wenn sie weniger und weniger werden.

Jens-Thomas Nagel

Jens-Thomas Nagel: Freundlich, urig, aufmerksam. Foto: Karoline Marie Keybe

Wer eine kleine Zeitreise machen möchte, kommt zu Thomas. Hier ist die Welt ganz klar und ganz klein, hier kostet das Bier zwei Euro fünfzehn. Bauer Bier, aus Leipzig, natürlich. Kein Tisch gleicht dem anderen. Dielen knarren.

Thomas ist Anfang 50, gelernter Maschinist. Seit fast 20 Jahren führt er hier, ganz nah am Stadtkern Leipzigs in der Auguste-Schmidt-Straße, die Pension und Gaststätte. Anfangs noch zusammen mit seiner Mutter. Jetzt ist er alleine.

Früher waren sie nicht nur zu zweit hinter dem Tresen, sondern auch erheblich mehr davor. „Die Menschen kamen nach der Arbeit hierher und tranken um vier, halb fünf ihr Bier“, sagt Thomas langsam und leise. Um sieben wurde es leerer; um zehn Uhr war Schicht im „Weißen Ross“. Das war 1993.

Irgendwann hatten weniger Menschen Arbeit, und weniger Menschen kamen zu Thomas. Sein Gastraum ist so etwas wie ein Stimmungsbarometer des Leipziger Arbeitsmarktes für die Generation 50plus. Wer zu Thomas kommt, hat es geschafft.

Seine Mutter brachte ihn vor Jahrzehnten hinter den Tresen. Gemeinsam arbeiteten sie in einer Gartensparte in Paunsdorf. Mit dem „Weißen Ross“ erfüllten sie sich dann nach der Wende ihren Traum von der eigenen Kneipe.

Alles, was Thomas, der Maschinist und Gastwirt, kann, hat er von seinem Stiefvater gelernt. Noch heute zollt er ihm Tribut, das hört man, wenn Thomas über seinen Mentor spricht. „Jeder kannte Manfred. Er war die Ruhe in Person“, sagt Thomas. Dass er nun das „Weiße Ross“ führt, war auch Manfreds Wille.

Das „Weiße Ross“ ist seine große Liebe. Seit Jahren sammelt er Geschichte und Geschichten des „Weißen Rosses“. Fotos hängen an einer Wand, man sieht Spitzendecken, Kronleuchter, ein bisschen Wiener Flair. Der ist irgendwo zwischen zwei Diktaturen und Kneipenqualm verloren gegangen. Thomas verschwindet nach hinten, um noch mehr zu holen.

Dort hinten, wo die Fotos schlummern, stapeln sich Getränkekästen, Kartons stehen herum und ein Schreibtisch. In einer Ecke steht ein Grammophon. Das ist Thomas‘ zweite Leidenschaft: alte Schallplatten. Rund 200 bis 300 Stück hat er gesammelt. Wenn Thomas in Stimmung ist, holt er das Uralt-Gerät hervor und gibt eine Kostprobe. Nachbarn haben es ihm verkauft, als sie wegzogen.

Nein, wirklich: Aufhören, das könnte Thomas nicht. Dafür liebt er zu sehr das „Weiße Ross“, das Haus, die Räume, seine Gäste. „Mit der Pension kann ich mich über Wasser halten. Wenn ich aufhören würde, was bliebe mir dann noch?“, fragt er und schaut sich um. „Nicht Hartz IV“, sagt er energisch. Er will den Kopf oben halten können, alleine.

Doch Thomas weiß, dass die Zeit nicht stehenbleibt. Dass die Menschen nicht mehr Bier nach der Arbeit trinken – wenn sie denn Arbeit haben. „Heute ist es anrüchig, wenn man in die Gaststätte geht“, sagt Thomas. Dann lacht er, kurz und laut.

Wir denken nicht, dass Gaststätten anrüchig sind. Wir feiern deswegen das Einjährige von Weiter am Samstag, 6. November 2010, ab 20 Uhr – im „Weißen Ross“. Sie sind herzlich eingeladen!

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: 27. Ausgabe, 05.11.2010, Franziska Gaube, Geschichten, Jonathan Fasel, Ute König · Etiketten: , , , , , , , ,

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