74 Jahre Apfelsaft

Ein saftiges Geschäft: In einer Lohnmosterei bringen Laubenpieper und Häuslebauer ihre überzähligen Früchte vorbei und bekommen für recht kleines Geld naturbelassene Säfte zurück. Ein traditionsreiches Haus in Holzhausen existiert noch immer – trotz Bürokratie und Ernteausfällen. Ein Besuch.

Von Dirk Stascheit und Franziska Gaube

Ein einfaches Einfamilienhaus in Holzhausen. Am Zaun ein Schild, das kaum auffällt. „Lohnmosterei Bunge“ steht darauf geschrieben. Im Hof türmen sich Apfelkisten unter einem Baum. Zwei Arbeiter schieben einen Wagen mit dampfenden Flaschen über die Steine. Es riecht ein bisschen nach warmem Apfelmus, oder auch nach Bratäpfeln.

„Meine Mutter war Stenografin. Und spielte Klavier. Ihr Klavierlehrer war blind und sie hat gedacht, dem Mann musst du helfen.“ Also hat sie ihn geheiratet. „Das war mein Vater. Er ist leider mit 74 gestorben. Meine Mutter stand allein mit ihren Kinder da. Sie musste sich was überlegen“, und da hat sie die Mosterei in Holzhausen gegründet. 1936 war das.

Die Entstehungsgeschichte der Lohnmosterei erzählt Harald Bunge in einem kleinen Büro, das gleichzeitig auch als Verkaufsraum dient. Er ist der Sohn von Martha Bunge, der Gründerin und heute 82 Jahre alt. Seit 1945 ist er gelernter Süßmoster. Um seine erfahrenen Augen krausen sich ausgeprägte Lachfalten. Auf seiner Stirn furchen die Sorgenfalten nicht minder tief.

Als Weiter kommt, kommt er gerade aus dem Lagerraum. „Räumt die Kiste weg und macht für heute Schluss”, ruft er seinen zwei Arbeitern zu. Er trägt eine große Brille, in silbernem Rahmen eingefasst und eine blaue Arbeitshose.

„Sie müssen ein bisschen lauter sprechen!“, bittet er. Dann klingelt das Telefon. „Ja, kommen Sie vorbei.“ sagt er. Heute, Montag Nachmittag, nimmt er auch zwischen 17 und 18 Uhr Obst an. „Für die Leute die noch Arbeit haben, soll ja noch welche geben.“

Er legt auf und wendet sich wieder uns zu. „Gründung 1936, seitdem kämpfen wir.“ Gegen die Konkurrenz, die Behörden, die Politik … „Ich kenne nun schon den Nationalsozialismus, den Sozialismus und jetzt lerne ich den Turbokapitalismus kennen.“ Die Schatten um die Sorgenfalten wachsen. Dieses Jahr ist die Ernte schlecht, für einen Großteil der sonst üblichen Saftmengen fehlt das Obst.

In einer Lohnmosterei können Menschen ihr Obst abgeben und erhalten als Gegenwert gepressten Saft und Nektar. Dafür zahlen sie die lediglich die Verarbeitung und die Pfandflaschen. Eine traditionelle Alternative, denn spätestens nach dem Zubereiten von 20 Apfelkuchen und eingekellertem Kirschkompott für ein Jahr verlieren viele Menschen das Interesse an ihren Bäumen. Das gesaftete Obst verrottet nicht.

In den zwanziger Jahren hatten viele einen Anreiz, im Garten anzubauen: Hunger. Heute werden immer mehr Obstbäume aus den Gärten entfernt, sie machen zu viel Arbeit.

Die Bunges saften und mosten seit 74 Jahren. Früher stand man, zum Kirschen wegbringen, gut und gern ein paar Stunden schlange, erzählte mir meine Mutter. An diesem Montag steht eine kurze Schlange im Hof.

Ein Frau, die nach eigenen Angaben bereits seit Kindesbeinen Äpfel zu Bunges schleppt, erzählt von geschätzt höchstens 400 Kilo Äpfeln, die dieses Jahr aus ihrem Garten kommen. Im vergangenen Jahr waren es noch fast 900 Kilo.

Doktor Heinze bringt zwar zum ersten Mal Äpfel vorbei, weiß aber „schon immer“, wo die Lohnmosterei zu finden ist. Er hat in diesem Jahr als einer von Wenigen tatsächlich Äpfel übrig. Möglicherweise liegt das darin, dass er eine alte Sorte pflegt – den guten Herrnhuter.

Neben Säften und Mosten keltern die Bunges Fruchtweine und brennen Obstbrände. 33 verschiedene Produkte stehen insgesamt im Regal – Apfelsaft, Kirschnektar und Nektar aus Beeren… Stachelbeernektar gibt es gar nicht mehr. „Niemand baut mehr Stachelbeeren an“, sagt Harald Bunge.

Noch immer nutzt er die Flaschen aus DDR-Produktion für seinen Saft. Er hat noch genug, sagt er. Trotzdem täte man ihm einen Gefallen, brächte man all die Bunge-Flaschen zurück. Denn neue Flaschen will er nicht einführen. „Da müsste ich einem Flaschenpool beitreten. Dann bestimmen die über mich, das muss ich unbedingt vermeiden.“ Die Monopole seien nicht weniger gefährlich als früher die Kommunisten, sagt er. Fünf Prozent seiner Flaschen gehen jedes Jahr verloren. Kein großer Verlust. „Ich bin 82, da mach ich mir keinen großen Kopf mehr.“ Es sei denn, er muss. Nach einem kurzen, aber heftigen bürokratischen Scharmützel musste er Edelstahltanks beschaffen, da er seine Aluminiumtanks nicht mehr nutzen durfte.  Ein großer Aufwand, mit nicht unbeträchtlichen Geldmengen verbunden. Das ärgert ihn.

Harald Bunge führt den Betrieb seit 1972. Vielleicht führt sein Sohn den Betrieb weiter. „Wenn das in dieser Bürokratie noch einen Sinn hat! Vor lauter Bürokratie kann man ja kaum noch arbeiten.“

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: 26. Ausgabe, 22.10.2010, Dirk Stascheit, Franziska Gaube, Geschichten

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