Lieber nach Leipzig

Leipzig ist ‘ne geile Stadt. Sagte einst Burkhard Jung, mitten im Wahlkampf zum Oberbürgermeister. Wie wahr dieser Satz ist, hat jetzt auch der Rest der Welt mitbekommen. Und macht Urlaub in Leipzig.

Von Dorothea Hecht, Stephan Ehrig und Claudia Laßlop

Eine Stunde vor Auerbachs Keller. Das bedeutet sechs Mal an Fausts goldenem Fuß reiben, elf Gruppenfotos schießen, drei Mal erklären, wer Mephisto ist und fünf Mal, wo sich das nächste Klo befindet. Nur um mit Touristen ins Gespräch zu kommen. Das Erstaunliche dabei: Es ist kein einziger Ausländer dabei. Trotzdem steht es in der Statistik des Landes Sachsen schwarz auf weiß. 87 182 US-Amerikaner waren im vergangenen Jahr zu Besuch in Leipzig. Auch von den Briten, den Holländern, den Österreichern und den Schweizern kamen je locker über 20 000. Dieses Jahr zeigt sich das gleiche Bild: Allein von Januar bis Juli verirrten sich, mehr oder weniger geplant, schon über eine Million Menschen nach Leipzig, davon 252 000 aus dem Ausland. Woran mag es liegen?

„Leipzig hat Geschichte“, sagt Maria, eine Besucherin um die 40, die mit Stadtplan und Kamera in der Hand aus der Touristinformation kommt. Ein osteuropäischer Akzent schwingt in ihrem flüssigen Deutsch mit. Woher kommt sie? Osterode im Harz, ist die knappe Antwort. Also doch eine der gut 890 000 Deutschen, die dieses Jahr schon in Leipzig übernachtet haben. Immer noch die größte Gruppe unter den Besuchern. „Ich kenne Leipzig als Handelsstadt, die schon in der DDR eine große Rolle gespielt hat“, erzählt Maria weiter. „Jetzt will ich sehen, wie sich die Stadt entwickelt hat.“

Handel, Geschäfte, Messe – ist dieser Faktor als Besucherattraktion nicht längst eingeschlafen? Die Erinnerung ist an eine Pressekonferenz vor zwei Jahren ist noch frisch. Damals gab die Leipziger Messe bekannt, dass die Games Convention, zu dem Zeitpunkt erfolgreichste Computerspielmesse Deutschlands, nicht länger in Leipzig stattfinden würde. Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware sagte seine Unterstützung ab, zog stattdessen nach Köln. Eine bessere Infrastruktur habe man dort, hieß es in der Begründung, ein größeres Gelände. Vor allem aber: mehr Hotels. In Leipzig reichten die Kapazitäten einfach nicht aus.

Krise? Doch keine Krise

Dazu kamen die wirtschaftlich schwachen Jahre 2008 und 2009. Vor allem Geschäftsreisende blieben aus, große Ketten klagten über das sinkende Interesse an ihren Konferenzräumen. Im April vergangenen Jahres brachen die Übernachtungszahlen in Leipzig um 17 Prozent ein.

Gerade als kleinere Betriebe Insolvenzen anmeldeten, begannen die Zahlen wieder zu steigen. Laut Tourismusbarometer des Ostdeutschen Sparkassenverbandes verzeichnete Leipzig in diesem Jahr bisher mit 10,7 Prozent einen stärkeren Zuwachs bei den Übernachtungen als Dresden – bisher zweifellos der Klassenprimus im ostdeutschen Tourismus.

Eine „spürbare Erholung seit März 2010“ nennt Michael Lehmann diesen Trend, seines Zeichens Direktor des Park-Hotels in der Nikolaistraße. Zwar hätten sich die Rückgänge bei etwa acht Prozent und damit in Grenzen gehalten, dennoch machten Geschäftsleute und Messegäste die Hauptbesuchergruppe des Hotels aus. Und auf diese sei man als Hotelbetreiber dann auch angewiesen.

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Nur für betuchte Besucher wird das Hotel Steigenberger zu buchen sein. Der Countdown zur Eröffnung im kommenden April läuft.
Foto: Tobias Keunecke

Zumindest, solange die Gäste nicht einige Meter weiter wandern. Im kommenden Frühjahr eröffnet ein neues Steigenberger-Hotel in Leipzig. Die Kette ist bekannt als Oberklasse deutscher Hotelkategorien und macht schon mit seiner Adresse die Zielgruppe deutlich. Steigenberger hat sich im ehemaligen Handelshof und damit in exklusiver innerstädtischer Lage angesiedelt. Auch wenn die Neu-Leipziger zu ihrem Zuzug derzeit noch nichts sagen wollen, machen sie damit klar, dass es in der Innenstadt Bedarf an anspruchsvollen Unterkünften gibt.

„Gerade die Lage spielt eben eine große Rolle bei den Buchungen“, sagt Andreas Schmidt, Sprecher der Leipziger Tourismus & Marketing GmbH. Innenstadt oder die Nähe zur Messe, beides sei gleichermaßen attraktiv im Bussinessverkehr. Dem Geschäftstourismus, also allem, was mit Kongressen, Tagungen, Messen und Geschäftskontakten zu tun hat, schreibt Schmidt in Leipzig etwa 70 Prozent zu.

Zwischen Komiker und Konzert

Die restlichen 30 Prozent interessieren sich demnach für Kultur, für Geschichte, für Leipzig-Sightseeing eben. Oder für Mario Barth. „Wir waren bei seinem Auftritt am Samstag“, erzählen Katrin und Thomas aus Thüringen. Ende der Woche geht es zum Konzert von Westernhagen. Die Zeit dazwischen ließe sich doch prima für eine ausgiebige Stadtbesichtigung nutzen, dachten sie sich. Und sind auch schon fast „mit allem durch“: Völkerschlachtdenkmal, Auerbachs Keller, Körperwelten-Ausstellung. Gerade kommen sie aus dem Bildermuseum.

Ist es das also, was Touristen an Leipzig reizt? Mal eben vorbeikommen, auf einen Sprung in die Touri-Info, in fünf Tagen das Wichtigste abklappern und wieder fahren. Das passt ins Bild von Leipzig als touristenfreundlichste Stadt des Jahres. Das zumindest ergab eine Studie des Deutschen Instituts für Service-Qualität. Freundlichkeit und Kompetenz bescheinigt sie der Touristinformation, dazu ein breites Angebot an Informationen und Dienstleistungen.

Dabei, so kontern andere Studien, hat Leipzig doch viel mehr zu bieten. Der „Kurier“, eine österreichische Tageszeitung, nahm Leipzig kürzlich in seine Riege der „sieben hippen Städte“ auf. Als einzige deutsche Stadt neben internationalen Namen wie Valencia, Beirut, Tel Aviv, Nizza, Valetta und Stockholm habe Leipzig dieses künstlerische Flair, heißt es.

Auch die New York Times weiß: Leipzig ist einer der „31 Places to Go in 2010“. Bach und Schumann werden genannt, verschwinden aber neben der Lobrede auf die zeitgenössische Kunst- und Musikszene. Die Autorin empfiehlt die Baumwollspinnerei, die Neo-Rauch-Ausstellung und die Musikmesse Pop-up. Dazu die sagenhaften verlassenen Fabrikgelände und alten Häuser, Leipzig sei eben ein bisschen „wie Berlin vor zehn Jahren“.

So gekränkt das Berlin aufgenommen haben mag, so gut hat es Leipzig getan. Besonders Jugendherbergen und Hostels profitieren vom Leipziger Ruf als szenige, junge Stadt. Obwohl es schon seit den 1990er Jahren klassische Backpackerherbergen in der Stadt gibt, das Sleepy Lion in der Käthe-Kollwitz-Straße und das Central Globetrotter Hostel westlich des Hauptbahnhofs zum Beispiel, verzeichnet die Billig-Branche des Übernachtungssegments jüngst einen Aufschwung. Seit vergangenem Jahr befindet sich das HostelBar in der Windmühlenstraße, die Kette A&O eröffnete parallel dazu ihr Haus im ehemaligen Postfuhramt an der Ostseite des Hauptbahnhofs. 500 Betten, Übernachtungen ab 12 Euro, das ist preislich kaum zu unterbieten. Dennoch will es ein weiteres Unternehmen wagen: Im Ranstädter Steinweg wird derzeit ein Bürogebäude zum Hostel umgebaut. Wer es einmal betreiben will, ist nicht zu erfahren.

Hippe Hostels

Versteckt er sich also im Hostel, der junge, hippe Backpacker aus Übersee, der Leipzigs neuem, trendigen Ruf gefolgt ist? Im Gepäck einen leicht vergilbten Ausschnitt des New-York-Times-Artikels, in der Hand sein iPhone, mit einem Klick erreicht er Couchsurfing und Google Maps, in Europa sucht er nach der Szene.

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Die Leipziger Hostel-Szeneboomt seit einem guten Jahr.
Foto: Tobias Keunecke

Nein, sie seien nur übers Wochenende hier, sagen zwei, die von der Karl-Liebknecht-Straße Richtung Innenstadt ziehen und äußerlich perfekt ins Bild passen. Anfang 20 vielleicht, Dreadlocks die eine, einen großen Rucksack der andere. Herkunftsland? Bayern. Grund des Besuchs? „Wohnungssuche, ich fange demnächst an zu studieren.”

Knapp 60 Prozent der Gäste kommen laut internen Statistiken aus Deutschland, bestätigt die „Absteige“ am Floßplatz. 14 Prozent aus Mittel- und Westeuropa, die restliche Welt verirrt sich in eher kleinen Prozentangaben in das kleine Hostel. Und wenn, dann ist sie nicht immer jung und hipp.

„Die Gästestruktur ist ganz unterschiedlich, wir haben Familien, Backpacker, Musiker, Pilger, Schüler- und Studentengruppen, Sportmannschaften, Konzertbesucher, Wohnungssuchende, Sprachschüler und auch den ein oder anderen Junggesellenabschied bei uns zu Gast“, sagt Cindy Heß vom Central Globetrotter Hostel in der Kurt-Schumacher-Straße, zu dem auch das Sleepy Lion gehört. Entsprechend unterschiedlich seien die Altersgruppen. Natürlich dominierten junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren, aber viele Gäste seien auch nicht im „typischen Backpacker-Alter“.

Auch wenn sie es sich leisten könnten, ziehen viele „Ältere“ die billige Unterkunft vor. „Aber auch die Atmosphäre im Hostel zählt, die Möglichkeit mit anderen Reisenden leichter in Kontakt zu kommen als in einer Pension oder einem Hotel“, sagt Cindy Heß. Zudem legten viele Gäste Wert auf Personal, das die Stadt und alle Geheimtipps in- und auswendig kennt. „Man kommt sich manchmal schon so vor wie eine Art Touristinfo-Ersatz.“

Der Einsatz lohnt sich: Egal wer sich an diesem Tag bei Faust, Mephisto und den Studenten Glück holt, würde Leipzig weiterempfehlen. Ältere Gäste erzählen es mündlich, die Wochenendausflügler hinterlassen einen positiven Kommentar auf der Website und die Smartphone-Besitzer drücken noch beim Verlassen des Hostels den Gefällt-mir-Button bei Facebook. Damit auch diejenigen es mitbekommen, die nicht regelmäßig die New York Times lesen: Leipzig ist ‘ne geile Stadt.

Veröffentlicht unter: 26. Ausgabe, 22.10.2010, Claudia Laßlop, Dorothea Hecht, Geschichten · Etiketten: ,

4 Antworten zu "Lieber nach Leipzig"

  1. joerg schmidt sagt:

    Guten Abend,

    was hat es denn mit dem sechsmailgen Fussreiben an Fausts Fuss auf sich? Sicherlich gibt es
    eine Geschichte dazu!?

    Vielen Dank,

    Joerg Schmidt

    1. Dorothea Hecht sagt:

      Hallo Herr Schmidt,

      danke für Ihr Interesse am Artikel.
      Grundsätzlich heißt es in Leipzig, dass es Glück bringe, wenn man am Fuß der Faust-Statue reibt. Ich weiß leider nicht, ob es dafür einen besonderen Grund gibt. Mir scheint es allerdings sehr wahrscheinlich, dass dieser Mythos deshalb entstanden ist, weil Fausts Fuß ein wenig über den Sockel hinausragt und so ein leichtes Ziel für Touristenfinger ist :) Inzwischen ist der Fuß auch schon recht abgerieben und glänzt golden, hier sieht man das ganz gut.
      “Sechsmal” steht lediglich im Text, weil der Fuß in der Zeit, in der ich davor stand, sechsmal gerieben wurde…

      Beste Grüße und bleiben Sie uns treu!

      Dorothea Hecht

  2. B.Hellmuth sagt:

    Vielen Dank für die Nennung von A&O in Ihren tollen Artikel.
    Wer noch ein paar Infos und Bilder über unser Haus in Leipzig wünscht (Die Lobby ist absolut sehenswert!) der findet alles unter: http://www.aohostels.com/de/leipzig/hotel-leipzig/

  3. Ein wirklich toller Artikel.leipzig hat sich,natürlich,auch 2011 weiterentwickelt. Das Prädikat “Touristenfreundlichste Stadt” war Anreiz und Auszeichnung zugleich.Bis Ende 2011 wurden in Leipzig über 2Millionen Übernachtungen registriert.Ein absolut positiver Trend der sich hoffentlich weiter vortsetzen wird.In den meisten Leipziger Hotels steht der Gedanke einer sich ständig verbessernden Servicequalität im Vordergrund.
    Touristisch entwickelt sich Leipzig immer weiter.Ständig gibt es für die Gäste neue Dinge zu entdecken und zu erleben. Beispielhaft sei an dieser Stelle das Gondwanaland im Leipziger Zoo oder das Leipziger Neuseenland genannt.
    Übrigens,das “reiben” am Zeh von Dr.Faustus soll tatsächlich Glück bringen.Da das “Glück” jedoch blind ist,spielt die Anzahl des reibens keine Rolle.

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