„Das Image hat sehr gelitten“

Kabarett ist nur was für nostalgische Sozis im Rentenalter? Nein, sagt dieser Mann. Mathias Tretter ist politischer Kabarettist – und mehr. Im Interview mit weiter erzählt er, was ihn nach Leipzig verschlagen hat, welche Beobachtungen er macht, wenn er durchs Land tingelt, und wie man auch mit Germanistik und Anglistik was werden kann.

Das Gespräch führte Jan Kröger

Wie mittlerweile viele bist du ein Zugereister. Du bist vor vier Jahren nach Leipzig gekommen. Was hat dich hergezogen?
Tatsächlich nur die Stadt. Meine Frau kommt ursprünglich aus Leipzig, aber wir haben uns in Würzburg kennengelernt. Ich war 1991 das erste Mal in Leipzig und mir hat es damals schon gut gefallen, aber ich hatte nicht den Mut, hier zu studieren. Durch meine Frau sind wir dann öfter hier gewesen, weil sie eine Schwester hier hat. Ich wollte schon lange wegziehen aus Würzburg, weil es mir viel zu klein war. Und mit meinem Job ist es vollkommen egal, wo ich wohne in Deutschland – wenn’s jetzt nicht komplett am Rand ist: In Rostock wohnen wäre ein bisschen unschön.

Wo findet dein Job denn statt?
Ich spiel sehr viel in Süddeutschland, sehr viel ganz im Westen: Köln, Düsseldorf, Ruhrgebiet. Da ist jetzt Leipzig auch schon ein ganzes Stück weit weg, aber Berlin wäre noch eine Stunde weiter weg gewesen.

Du bist unterwegs als politischer Kabarettist. Inwiefern ist Leipzig denn kabarettistisch eine gute Stadt oder auch Inspirationsquelle?
Es gibt in Deutschland keine Stadt, die so eine Dichte hat an Kabarettläden: vier Läden mit festem Ensemble, das ist ja so viel, wie es im Rest von Deutschland zusammen noch gibt. Aber wenn man Themen sucht, ist man überall gleich gut aufgehoben. Bei mir hat sich aber etwas das Ost-West-Thema eingeschlichen.

Wie baust du das ein in dein Programm?
Ich erzähle über Ostdeutschland, meinen Umzug und mein Befremden, wie mir gegenüber damit umgegangen wurde, als ich von Westdeutschland hierher gezogen bin. Dass Leute dachten, ich hätte ein Rad ab – und gar noch nicht hier waren.

Wie bist du damit umgegangen?
Ich hab mich amüsiert. Wenn jemand so borniert daherkommt, dann hab ich auch keine große Lust, dem das jetzt auszureden. Ich hab halt meinen Freunden erzählt, dass es großartig ist. Und es ist tatsächlich so, dass alle Leute, die uns besuchen, hier Anwandlungen bekommen: Hier könnte man doch auch was machen.

Zu deinem Job gehören rund 200 Auftritte im Jahr – ist das Rumtingeln, oder siehst du dich als Dienstleister?
Letztlich sind wir Humordienstleister. Aber ja, es ist ein Tingeln. So eine Tour, das sind meistens vier, fünf Tage am Stück, fast jede Woche. Mittlerweile ist es so, dass meine Agentur es so planen kann, dass ich meinetwegen im Ruhrgebiet drei Tage unterwegs bin – und nicht den einen Tag München, den nächsten Düsseldorf und den übernächsten Nürnberg. Das war am Anfang so, weil man da nimmt, was man kriegen kann.

Ich bin ja eben schon deinem neunwöchigen Sohn begegnet. Wie lässt sich das familiär vereinbaren?
Es ist im ersten Moment natürlich schwierig, aber es hat den riesigen Vorteil, dass es mich dann auch ganze Tage am Stück gibt. Ich bin drei, vier oder fünf Tage weg, aber dann bin ich auch drei Tage oder länger ganz da.

Lernst du bei diesem Rumtingeln das Land kennen – oder siehst du hauptsächlich Bahnhöfe?
Ja, so ist es mehr. Es bleibt oft sehr wenig Zeit. Und es bleibt auch sehr wenig Energie: Wenn man abends spielt, dann ist man nicht richtig entspannt. Ich geh ab und zu ins Museum, ich schau mir gerne Ausstellungen an. Aber sonst: Man sieht die Kulissen. Und das ist schon interessant. Ich war neulich im Ruhrgebiet – da ist ja in Teilen mehr DDR als hier. Ich bin da durchgegangen und dachte: Ist ja irre. Straßenzeilen, die leer stehen. Ich hab natürlich nur einen Ausschnitt gesehen – und das Publikum war großartig.

Du hast das Publikum angesprochen. Stimmt es eigentlich, dass ein Leipziger anders lacht als zum Beispiel ein Franke oder aus dem Ruhrgebiet?
Grundsätzlich ist es so, dass im Osten besser zugehört wird. Ich denke, aus der Tradition heraus, weil die Leute früher gezwungen waren, zwischen den Zeilen zu hören und zu lesen. Draufhau-Pointen, die werden hier eher erschreckt quittiert mit: Oh, kann man das sagen? Ich mach ja schon manchmal düstere Witze und bewusst Geschmacklosigkeiten. Ansonsten gibt es höchstens Tendenzen. Ich hatte in Norddeutschland Leute, da war die Stimmung an der Decke, und ich hatte in Köln oder auch im Bierzelt schon furchtbar lahme Abende.

Mit Ende 30 giltst du immer noch als Nachwuchs im Kabarett. Ist das Kabarett alt?
Da ist natürlich eine Überalterung. Auf der Bühne weniger, aber vor allem bei den Zuschauern. Es ist viel Porzellan zerschlagen worden, das Image hat sehr gelitten.

Inwiefern?
Das war eine ganze Zeit lang etwas sehr Humorloses, Gutmenschenhaftes. Man hat den Inhalt vor die Form, vor die Unterhaltung gestellt. Es gab eine Zeit, da war Kabarett hauptsächlich Belehrung. Und man hat darüber vergessen, dass es darum geht, Leute zu unterhalten und Komik zu bieten.

Wie kannst du denn junge Leute gewinnen?
Überlegen braucht man das nicht. Sich zu überlegen: Ich mach jetzt was für Junge – das geht in die Hose. Ich mach meinen Stil und mein Stil unterscheidet sich signifikant von Kollegen wie Volker Pispers oder Georg Schramm. Man muss auch mehr mit Medien wie YouTube arbeiten. Es gibt wirklich ein paar Phänomene in der Kabarettszene in den letzten paar Jahren, die nur durch YouTube bekannt geworden sind. René Marik zum Beispiel: Da waren die Läden gebucht, und dann wurde er in kurzer Zeit so bekannt, dass die die Bühnen umbuchen mussten. Ich hatte von dem nie gehört – und dann hör‘ ich von ihm und er hat schon vor 1000 Leuten gespielt.

Wie bist du eigentlich Kabarettist geworden?
Reingerutscht. Mich hat ein Freund gefragt, ob ich in Würzburg bei einer Veranstaltung mitmache, eine Comedy-Show. Weil der wusste, dass ich bei Partys den Ranicki rausgelassen hab – das ging damals noch, das fanden die Leute damals noch lustig. Das lief dann jeden Monat, ich musste jedes Mal was dafür schreiben. Und irgendwann saß meine Agentin im Publikum. Die hat gefragt, ob sie mal Auftritte für mich organisieren soll. Das geht dann langsam los, kennt einen ja keiner. Dann kriegt man mal einen Preis, dann wird man mal dahin und mal dahin eingeladen und dann muss man richtig arbeiten.

Machst du dir noch Gedanken drüber, was sonst aus dir geworden wäre?
Ich weiß, es wäre ein Desaster, wenn ich in einer normalen bürgerlichen Laufbahn gelandet wäre. Deswegen hab ich auch so lange studiert …

Elf Jahre lang – so steht’s auf deiner Internetseite …
Das stimmt nicht ganz, weil ich auch drei Jahre lang gearbeitet hab und dann nur eingeschrieben war. Damals ging es noch, man ist nicht rausgeflogen oder musste Studiengebühren zahlen. Da hab ich drei Jahre an einer Dolmetscherschule gearbeitet, dann Kabarett –
ich hatte aber alle Scheine, und dann hab ich den Magister eben noch gemacht. Aber das hatte auch damit zu tun, dass ich gar nicht wusste, was ich eigentlich machen soll. Ich hab Germanistik und Anglistik studiert – und es war unglaublich enttäuschend, als ich an die Uni gekommen bin. Ich hab für dieses Thema gebrannt, aber damals war’s halt so: Da waren halt 80 Prozent der Leute, denen es vollkommen scheißegal war. Die Kurse waren überfüllt mit Leuten, die kein Interesse haben. Ich hab nichts gelernt, gar nichts.

Germanistik und Anglistik gelten auch heute als Fächer, bei denen man hinterher schauen muss, was man damit anfängt. Was rätst du Leuten, die jetzt in dieser Situation sind?
Ich glaub, man sollte sich nicht von außen reinreden lassen – weil ich das sehr lange gemacht habe. Es ging schon damit los, dass ich Lehramt studierte, obwohl ich nie Lehrer werden wollte. Weil mir die Studienberatung ein Horrorgemälde vor Augen gestellt hat, was mit Magister passieren würde: nämlich gar nichts. Ich hatte alle Scheine, und bei der Anmeldung fürs Staatsexamen hab ich mein Studium geschmissen. Als ich gelesen hab, welche Prüfungen ich da machen soll: Schulpädagogik und sowas. Da hab ich gesagt: Das ist Quatsch, ich will das nicht. Also: nie reinreden lassen und gleichzeitig sich nicht vorstellen, die Welt hat auf einen gewartet.

Nun hast du sogar dein eigenes Theater. Wirst du auch mal hier auftreten?
Ja, aber nicht als Kabarettist. Ich würd schon mal gern im Stück mitspielen, inszenieren oder bei einer Lesung moderieren. Wenn wir hier eine Lesung machen, dann wollen wir nicht: Tisch, Stuhl, Lampe und ein Autor präsentiert da seinen Text – was viele Autoren sehr mittelmäßig machen, denn sie kommen vom Schreiben, nicht von der Bühne. Ich bin ja früher oft zu Lesungen gegangen, dann war der Autor fertig – dann kam das „Gibt’s noch Fragen?“ und dann folgt erstmal zwei Minuten betretenes Schweigen. Dann kommt eine ältere Frau, die einen Zettel vorbereitet hat. Sowas wollen wir nicht machen. Man muss Leute einfach unterhalten – und das muss nicht immer mit Humor sein. Was man tut, tut man für Zuschauer und nicht für seine kleine esoterische Ich-Obsession.

Veröffentlicht unter: 26. Ausgabe, 22.10.2010, Gespräche, Jan Kröger · Etiketten: , , , , , , , , , , , , ,

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