„Ich habe mich nie mehr so frei gefühlt“

Susanne Rummel hat nicht immer beim Radio gearbeitet. 1990 und 1991 war sie Redakteurin der DAZ („Die Leipziger Andere Zeitung“). Im Interview erinnert sie sich an die erste unabhängige Wochenzeitung der DDR – und besonders an das Gefühl von Freiheit.

Von Claudia Laßlop und Ute König

Sie gehörten zu der Gruppe, die im November 1989 „Die Andere Zeitung“ gegründet haben. Was war denn anders?
Sie hieß ursprünglich Leipziger Andere Zeitung, weil es auch in Berlin eine Andere Zeitung gab. Wir dachten aber mehr an die TAZ, es sollte eine Art Alliteration sein. Wir wollten genauso unabhängig sein wie die TAZ, organisatorisch selbstständig und auch vom Neuen Forum nicht parteipolitisch beeinflusst werden. Und anders als alle bislang gedruckten Zeitungen. Wir wollten die Dinge völlig anders angehen und dachten uns – wenn wir schon in Sachsen sind – das wird hier jeder verstehen.

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Susanne Rummel:

Wie hat sich die Gruppe gefunden?
Wir haben uns über das Neue Forum gefunden und sicherlich wurde da auch die Idee geboren, dass man die Meinung der Menschen ein wenig beeinflussen und um Meinungsführerschaft kämpfen sollte. Und dazu gehörte schlicht und ergreifend eine Zeitung. Im Dezember 1989 fanden wir uns konspirativ zusammen und redeten über die ersten Ideen: ein Verlag, in dem eine Zeitung und ein Buch erscheinen sollten. 1990 – in dieser Zeit war alles ungeklärt, deshalb konnten wir auch alles denken und alle Möglichkeiten ergreifen, die sich anboten.

Wie gefährlich war das zu der Zeit noch?
Das kann ich nicht einschätzen. Der 9. Oktober war wirklich fies, eine rein körperliche, eine physische Angst. Die Tage danach waren seltsam. Am 16. Oktober lagen zum Beispiel auf dem Bürgersteig vor der Runden Ecke kleine Pflastersteine, die sonst nie da gelegen hatten. Etliche Leute haben die genommen und diskret in irgendwelche weit entfernten Papierkörbe geworfen. Denn irgendwie war das nicht koscher. Wir dachten, vielleicht liegen die da, damit irgendjemand danach greift und auf die Stasi wirft. Damit sie einen Grund haben, sich zu verteidigen. Eine seltsame Geschichte. Dann kam die Meldung vom Rücktritt Honeckers und die Montage liefen immer weiter.

Und die Montagsdemonstrationen fanden weiterhin regelmäßig statt.
Wir haben angefangen, Flugblätter zu drucken. Als Information für die Leute, die dort mitmarschierten. Auch als Kampagne, um für das Neue Forum zu werben. Als der 9. November kam, war ich um 17 Uhr gerade beim Friedensgebet und wir sind zur Erinnerung an die Pogromnacht in einem Schweigemarsch zur Synagoge gegangen. Dort bekamen wir von hinten Informationen, dass die Mauer auf ist. Als ich zu Hause war, habe ich es auch in den Tagesthemen gesehen, aber ich habe das nicht verstanden und bin erstmal ins Bett gegangen. Am nächsten Tag dachte ich „So ein Mist, warum musste das ausgerechnet jetzt passieren?“

Warum „so ein Mist“?
Wir hatten gedacht, dass die DDR jetzt eigentlich nicht mehr bestehen kann, dass ihre Weiter-Existenz keinen Sinn macht. Aber in unseren Köpfe hatte sich die Idee eingepflanzt, dass man dann wenigstens so ordentlich wie möglich in einen neuen Zustand gehen muss – wie der aussieht, wussten wir nicht. Wir wollten auf jeden Fall hoch erhobenen Hauptes in dieses neue Ding reingehen, das sich da auftat. Und aus dem Grund dachten wir: Zeitung, Verlag, andere Bücher, andere und frische Meinung. Die Zeit lief möglicherweise auch an uns vorbei. Das war so wunderbar anarchisch, die so genannten Organe schalteten sich alle selber ab. Jeden Tag wachtest du mit einer frischen Meldung auf, in neuen Konstellationen. Wir haben uns kaum umgedreht, wir mussten vorwärts denken.

Ohne zu zweifeln?
Ja. Der Sinn stand von vornherein fest. Das gehörte zum Erneuerungsprozess. Wen oder was wir da erneuern wollten, wussten wir auch nicht so genau.

Würden Sie es heute anders machen?
Gar nicht. Das war ein wildes Abenteuer. Die einen bekamen die Möglichkeit, sich frei zu schreiben. Andere, überhaupt erstmal zu schreiben. Wir haben Politik kommentiert, Veränderungen begleitet – das war die Grundlage für unser weiteres journalistisches Arbeiten. Den Kopf frei zu bekommen, zu merken, wie man den DDR-Bürger wirklich aus sich raus pressen muss. Immer wieder musste man sich fragen: „Ist das das, was ich denke oder das, was noch übrig ist?“ Wir sind immer sehr kritisch mit uns selbst gewesen, haben uns die Sache nie leicht gemacht.

Wie viele Leute haben eigentlich bei der DAZ mitgearbeitet und wie verlief die Produktion?
Bestürzend wenig, wenn man sich das Impressum anschaut. Aber man kann sich das gar nicht mehr vorstellen – ehe wir das Fax zum Laufen brachten und überhaupt zwei Telefonleitungen bekamen in der Bruchbude, die wir hatten – in Plagwitz, in einem Abbruchhaus. Toilette über dem Flur, eiskalt. Es gab ganz normale Schreibcomputer und einen, an dem einer das Layout basteln konnte. Die fertigen Seiten haben wir zum Druck in die LVZ gebracht. Jemand anders hat Papier organisiert oder die Druckgenehmigung eingeholt. Die musste ja immer noch vom Rat der Stadt erteilt werden. Der arbeitete ja fast nicht mehr richtig und es war nicht so einfach, eine Druckgenehmigung zu bekommen. Manche dachten „Was, die wollen eine eigene Zeitung machen? Dürfen die das?“ Zur gleichen Zeit wurde noch das Buch „Jetzt oder nie Demokratie“ zusammengestückelt, Fotos aus Archiven besorgt und ich selbst habe noch ein Interview mit einem Kampfgruppenkommandeur geführt und Erinnerungen aus der Nikolaikirche reingeschrieben.

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DAZ - Das erste Logo.

Gab es ein „nebenbei“ – neben Zeitung und Buch?
Überhaupt nicht. Wir hatten ja auch keinen Nachrichtendienst. Das Handwerkszeug von heute gab es nicht, wir konnten nur die Zeitungen lesen, die wir bekamen und uns in der Stadt informieren, was los ist.

Wie war das Verhältnis zur LVZ?
Es gab keins. Die haben sich zu der Zeit noch mit sich selbst herumgeschlagen, mit ihrer eigenen Vergangenheit. Wir hatten ja keine – wir hatten nur eine Zukunft. Wie lang die dauert, wussten wir auch nicht, aber mit dem Wissen von heute war es natürlich ein Riesenabenteuer – keine Ahnung von Finanzierung, von Vertrieb, kein Kapital und dann losmachen, wie der Sachse sagt.

Wie ging es mit der DAZ zu Ende?
Sie geriet einfach in große Geldschwierigkeiten. Das war von Anfang an die Achillesferse. Diese Sehne wurde immer spröder, riss und aus war’s. Überlebt hat aber der Kreuzer. Den Connewitzer Kreuzer gab es erst als Beilage zur DAZ, die passten zusammen und als das in den Forum-Verlag überging, wurden sie juristisch getrennt. Die Zeitung ging pleite, der Verlag ging später in einen anderen über, der Kreuzer wurde neu geboren. Björn Achenbach, der ehemalige Chefredakteur, gehörte ja auch zur Ausgangsredaktion der DAZ.

Und war die DAZ auch rückblickend noch anders?
Ja. Und es war eine tolle Zeit, in der man viel über sich selbst erfahren hat, wie eine Redaktion funktioniert oder was man nicht machen darf. Ich würde heutzutage keinem unbedingt raten, eine Zeitung aufzumachen. Aber es war gelebter Unterricht und wir hatten interessante Themen. Eine der besten Erfahrungen, die ich gemacht habe. Man konnte in der Zeit wirklich mitmachen und hatte nicht das Gefühl, fremdgesteuert zu sein, sondern dass man beim Steuern dabei ist, wenn man die Prozesse begleitet, Denkrichtungen anregt und sich selbst mittendrin befindet und nicht von außen zuschaut. Ich hatte in dieser Zeit das Gefühl, ich bin nur am Rennen. Ständig mit neuen Dingen beschäftigt und komme überhaupt nicht zum Innehalten. Wir waren todmüde, haben alle angefangen zu rauchen, Selbstausbeutung betrieben.

Kommentar unter dem Pseudonym "Lucie Brunner" (DAZ 22.2.1990, 4. Ausgabe)

Kommentar von Susanne Rummel, veröffentlicht unter dem Pseudonym "Lucie Brunner". (Die Andere Zeitung, 22.02.1990, 4. Ausgabe)

Wie nehmen Sie Journalismus heute wahr im Vergleich zu der Arbeit damals?
Ich war nie so frei wie in der Zeit der DAZ. Vielleicht war es auch eine Gefühlsfrage – ich habe mich nie mehr so frei gefühlt wie damals. Ich habe beim Rundfunk gemerkt, wenn ich kommentiert habe, dass man in einem hierarchischen System, das noch dazu öffentlich-rechtlich ist, nicht einfach so daherpoltern kann. Öffentlich-rechtlich ist etwas anderes als eine unabhängige Zeitung. Du bist verpflichtet, jeder Meinung einen Platz einzuräumen. Ich bin demokratisch so gefestigt, das zu akzeptieren, auch wenn mir das manchmal nicht gefällt. Damals habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht – weder wie ich etwas sage, noch ob ich das jetzt so sagen kann. Schon gar nicht „ob“. Wir haben nie darauf bestanden, dass unsere Meinung die richtige ist, aber wir haben sie dargestellt und vertreten.

Von der journalistischen Trennung zwischen Nachricht und Meinung hatten Sie  wahrscheinlich eine andere Vorstellung.
Absolut. Das Ideal ist immer noch das Britische – die saubere Trennung von Nachricht und Kommentar. Aber das kann total nerven. Mir hat das schon beim Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst nicht gefallen, in tiefster DDR-Zeit. Ich bin lieber etwas feuilletonistisch.

 

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

Veröffentlicht unter: 25. Ausgabe, 08.10.2010, Claudia Laßlop, Featured, Gespräche, Ute König · Etiketten: , , ,

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