… Kontrolle ist besser.

Wieviele Prostituierte gibt es in Leipzig? Rund 500, sagt die Stadtverwaltung – davon ein kappes Dutzend illegal. Ganz sicher ist man sich aber nicht. Denn trotz der Legalisierung des Berufes im Jahr 2001 bleibt in Leipzig ein großer Graubereich – weil man auf Prepression statt Kooperation setzt.

Von Claudia Laßlop, Franziska Gaube und Jonathan Fasel

Die illegale Prostitution in Leipzig ist zu vernachlässigen – dennoch stehen dahinter immer Menschen mit Schicksalen. So lautet die mehr oder minder offizielle Verlautbarung seitens der städtischen Ämter. Es ist eine kleine Welt für sich, die wahrscheinlich nur eine Handvoll Leipziger kennen. Und dennoch ist sie ziemlich spannend und recht undurchsichtig. 450 bis 500 gemeldete Prostituierte gibt es in Leipzig, die nach dem Prostitutionsgesetz von 2001 in geregelten Bahnen ihrem Beruf nachgehen. Sie arbeiten in entsprechenden Etablissements: in zwei Häusern, in diversen kleinen Clubs und – in Wohnungen.

Dort, im Privaten, beginnt auch der Graubereich, der in die illegale Seite der Branche führt. Noch bis vor zehn, 15 Jahren war sie komplett sittenwidrig und damit nicht nur verpönt, sondern tatsächlich Gesetzesbruch. Heute sei der schmuddelige Teil des Gewerbes im Stadtgebiet überschaubar. Doch ist das wahr, in Zeiten von Handy und Internet?

AnnaO

Das Team von Anna O. kennt die Szene.
Foto: Claudia Laßlop

Wenn jemand in Leipzig die Szene kennt, ist es das Sozialarbeiter-Team von Anna O. Ein Name mit Geschichte: Bertha Pappenheim gründete nach 1907 in Neu-Isenburg ein Wohnheim für junge Prostituierte, zur Bekämpfung von Mädchenhandel. Wegen einer hysterischen Erkrankung war sie in Behandlung bei Josef Breuer, der ihr das Synonym Anna O. gab. In Leipzig steht Anna O. seit 2002 für ein Streetwork-Team des Jugendamtes, das sich um Mädchen und Frauen bis 27 Jahre kümmert.

Das Arbeitsgebiet von Heike Strobel und Cornelia Ziehn schließt die Leipziger Nordstraße ein – Leipzigs erste Adresse für illegale Prostitution: „Das war schon immer so, auch zu DDR-Zeiten. Und die Tradition hat sich fortgesetzt. Das hat sicher  auch mit Weitergabe von Informationen zu tun“, schätzt Heike Strobel, die seit zwei Jahren im Büro in der Humboldstraße arbeitet.

Allerdings habe aufgrund von verstärkten Kontrollen und der ständigen Anwesenheit von Ordnungsamt und Polizei nicht nur eine Eindämmung, sondern auch eine Verlagerung stattgefunden – und das nicht primär in andere Stadtgebiete: „Die Frauen verabreden sich jetzt zum einen größtenteils per Handy, auch außerhalb des Sperrbezirks und auch in privaten Räumen. Sie müssen sich verstecken und damit ist die Unsicherheit auch gestiegen. So sieht aber auch niemand mehr, bei wem sie vielleicht einsteigen.“ Gerade in Fällen von Vergewaltigung erschwert sich die Nachverfolgung und damit die Chance einer erfolgreichen Anzeige.

Jenseits vom Klischee der Lackstiefel und kurzen Röcke treffen die beiden Streetworkerinnen auf der Nordstraße vor allem auf Mädchen und Frauen, die aussehen „als kämen sie gerade aus der Schule“ – Jeans, Turnschuhe und Kapuzenpulli, ganz normal eben. „Aber mit der Zeit hat man schon einen Blick dafür, wie die Leute gehen, welchen Eindruck sie machen.“ Und sie gilt es anzusprechen, Hilfe anzubieten. Schnell wird klar – diese Arbeit basiert nicht auf Verurteilung, Vorhaltungen oder einer Art Bekehrungsgedanken, sondern bietet konkrete Hilfe für die Probleme, die illegale Prostitution und Drogenabhängigkeit fast zwangsläufig mit sich bringen. In den Büroräumen von Anna O. können Frauen Wäsche waschen, duschen, etwas essen oder sich einfach für eine Weile ausruhen, aber auch Vermittlung finden zu Therapeuten, Psychologen oder auch anderen Stellen. „Wir helfen auch mal bei einem Umzug oder beim Aufräumen, malern die Wohnung mit“, beschreibt Cornelia Ziehn die mitunter sehr praktische Begleitung im Alltag. An einer Pinnwand im Büroflur können die Frauen zudem stichwortartig Erfahrungen austauschen – und sich so bestenfalls gegenseitig vor gewalttätigen Freiern warnen.

Nicht nur in der Statistik gehören illegale Prostitution und Drogenabhängigkeit eng zusammen – fast immer geht es um Beschaffungsprostitution. Heike Strobel und Cornelia Ziehn sind bei ihren Touren dementsprechend ausgerüstet: „In unseren Rucksäcken haben wir alles dabei – alle Utensilien für den Spritzentausch, Kondome, aber auch etwas zu Essen oder je nachdem, was die Frauen brauchen.“ Ein Spritzentausch hat nicht nur den Vorteil, dass alte Spritzen nach Verwendung nicht irgendwo herum liegen, sondern der Konsum durch sauberes Besteck sicherer wird. Diese vergleichsweise geringe Investition steht den Kosten einer Behandlung einer HIV-Infizierung oder Hepatitis gegenüber: „Und wenn sich eine Frau dann doch noch für ein drogenfreies Leben entscheidet, wäre es schön, wenn sie nicht unter allen Begleiterscheinungen leiden müsste, die dann nicht mehr heilbar sind. Man hat dann eher die Chance, ein neues Leben zu beginnen.“
Nicht so nah an den Schicksalen, aber dennoch nah am Thema sind zwei Leipziger Forscher. Die Politikwissenschaftler Rebecca Pates und Daniel Schmidt schrieben 2009 über die „Verwaltung der Prostitution“. In ihrem Buch verglichen sie, wie Kommunen in Deutschland, Polen und Tschechien mit käuflichem Sex umgehen. Denn neben moralischen und rechtlichen Problemen gibt es auch ganz alltägliche: Wie sorgt man für die Sicherheit der Prostituierten, wie für ihre Hygiene – und wie verhindert man Menschenhandel? Pates und Schmidt stellen fest, dass vor allem deutsche Kommunen Kontrolle ausüben, „von Staats wegen regulieren“ wollen. Die Prostitution wird zum Verwaltungsproblem und deswegen zum Problem für die Verwaltung.

Dafür gab die rot-grüne Bundesregierung zumindest teilweise ein geeignetes Handwerkszeug. 2001 trat das Prostitutionsgesetz in Kraft, das den Handel mit Sex zumindest in legale Bahnen lenkte. Die Frauen im Gewerbe konnten sich zum ersten Mal in Deutschland sozial absichern – und auf eine gewisse Rechtssicherheit klopfen. Sex war nun als Dienstleistung anerkannt.

Spannend: Wie der Staat in der Umsetzung vorgeht, hängt maßgeblich von der regierenden Partei im jeweiligen Bundesland ab. Während konservativ geführte Länder die Umsetzung des Prostitutionsgesetzes offiziell verweigerten, erfreuten sich rot gefärbte Länder am Regelwerk. Bei ihnen entstand eine Fülle von eher fürsorglichen Instrumenten zur Verwaltung der Prostitution.

Kritik am Gesetz kommt von Konservativen wie Emanzipierten. Die Regelung legalisiere den Menschenhandel, tönt es von rechts. Und was sei mit Zuhälterei und Abhängigkeit der Prostituierten, kritisieren vor allem Feministen. Fakt ist: Das Gesetz holte große Teile der Sexindustrie ins Legale. Mit allen Vorteilen: Rechtssicherheit für Angestellte und Freiberufler. Krankenversicherung und soziale Absicherung für die im Gewerbe tätigen Frauen. Und: Gesundheitschecks in Zusammenarbeit mit den Ämtern.

Trotzdem setzt Leipzig eher auf Kontrolle statt Kooperation. Und gibt selbstsicher die Antwort auf die Frage nach illegaler Prostitution: Die ist vernachlässigbar. Wirklich?

Veröffentlicht unter: 25. Ausgabe, 08.10.2010, Claudia Laßlop, Franziska Gaube, Geschichten, Jonathan Fasel · Etiketten: ,

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