„Wer nichts weiß, kann nichts bewegen“

Steve Hauswald gründete vor einige Wochen die „Leipzig School of Design“. Dort sollen Interessierte per Vorstudium in alle Facetten des Gestaltens hineinschnuppern – eine für Deutschland ungewöhnliche Sache. Ein Gespräch über Design, den Wert von Bildung und das Bild Leipzigs im Ausland.

Das Gespräch führte Jonathan Fasel

Steve, wie schreibt man deinen Nachnamen denn nun? Ich habe hier eine Visitenkarte mit der englischen Schreibweise „Housewald“ …
(lacht) Das kommt aus meiner Zeit in den USA. Ich habe weltweit als Techniker gearbeitet, unter anderem auch in den Vereinigten Staaten. Dort wollte ich in Chicago Industriedesign studieren – das war aber zu teuer. Dafür habe ich aber fast drei Jahre in verschiedenen Klassen als Gaststudent verbracht – in Kunst, Fotografie und Grafikdesign. So habe ich mich auf mein Studium in Deutschland vorbereitet. Nebenbei habe ich ab und zu als DJ Partys organisiert. Immer wieder haben Menschen meinen Namen falsch geschrieben, also habe ich ihn irgendwann einfach so akzeptiert. Heute ist das so etwas wie mein Markenzeichen.

Steve Hauswald

Steve Hauswald will das
kreative Wissen Leipzigs nutzen, um seine Schule mit Inhalt zu füllen.
Foto: Tobias Keunecke

Bleiben wir doch gleich mal beim Ausland. Hat die Zeit in den USA deine Sicht auf Deutschland verändert?
Eigentlich nicht so sehr. Ich war nur überrascht, dass ich im Ausland viel mehr über Leipzig gelernt habe als in der Zeit, die ich hier war. Leipzig wird als sehr schöne Studienstadt wahrgenommen. Klar: Auch die Wende, Johann Sebastian Bach und die Malerei der Leipziger Schule bestimmen das Bild. Aber derzeit wird Leipzig vor allem als cooler und Innovativer Geheimtipp gesehen.

Trotz des kühlen Spätsommermorgens trägt er ein Hemd, den Kragen weit offen. Immer wieder bimmelt sein iPhone, das er nie aus dem Blick verliert. Zwischendurch macht er mich auf einen Milchbart aufmerksam.

Was ist die Idee der „Leipzig School of Design“?
Wer hierzulande Design, egal welcher Art, studieren will, hat zur Vorbereitung nur die Mappenschulen. Das ist der einzige Selbstschutz der Hochschulen vor den falschen Interessenten. Da weiß man aber schließlich immer noch nicht, ob man das Fach wirklich studieren will. In vielen Ländern ist das anders – dort ist ein halbes Jahr Vorstudium oft Pflicht. Das bieten wir hier seit Anfang August im Dreimonatstakt an, und das ist einer der zwei Pfeiler der School of Design.

Und der andere?
Der befindet sich noch im Aufbau. Es geht darum, bereits gelernten Designern in ganz bestimmten Teilbereichen kompakte Meisterklassen von vier bis sechs Wochen Dauer anzubieten. Dort erlernen sie von absoluten Profis und zum Teil von Entwicklern selbst die letzten Kniffe, quasi den Feinschliff.

Gerade Design ist etwas, bei dem sich ein eigener subjektiver Stil ausprägen soll. Wie weit geht ihr in den Vorbereitungskursen?
Wir wollen auf keinen Fall vorprägen oder prägen, sondern nur Einblicke ins Fach gewähren, Entscheidungshilfe geben und erstes Handwerkszeug vermitteln. Dieses Handwerkszeug ist sehr technisch und reicht von InDesign und Flash über CAD bis hin zu 3D-Druck.

Was ist Design?
Oft wird Design nur darüber wahrgenommen, wie etwas aussieht. Dabei geht es eher darum, wie etwas funktioniert.

Steve Hauswald 2

Steve Hauswald arbeitet gerne mit Kollegen zusammen – auch wenn diese manchmal Konkurrenten sind.
Foto: Tobias Keunecke

Woher kommen eure Referenten?
Die meisten Menschen kommen direkt von hier. Leipzig hat so viel Wissen zu bieten. Das wollen wir für die Schule nutzen. Das hat Vorteile für die Kurse: Die Referenten springen nicht abgehetzt aus dem Zug und sind während des Seminars schon wieder mit dem Kopf in der nächsten Stadt.

Was macht Leipzig aus? Was macht Leipzig unter den deutschen Städten so besonders?
Das Tempo der Stadt ist hoch, aber nicht zu hoch. Leipzig wächst natürlicher, gesünder. Berlin ist viel unentspannter. Dort musst Du in der Szene vernetzt und anerkannt sein, und bist Du es nicht, kannst Du es vergessen. Das ist hier nicht so.

Ist das der Grund, warum ihr euch für Leipzig als Standort entschieden habt?
Klar könnten wir nach Hamburg oder Berlin gehen. Aber ich kannte Leipzig von früher, ich komme ursprünglich aus Zwickau. Außerdem gibt’s hier vor Ort gleich neun Hochschulen mit Design-Profilen. Die können von uns die perfekten Bewerber bekommen. Abgesehen davon: Mit dem, was wir vorhaben, ist es egal, wo du deinen Sitz hast – solange du es gut machst.

Was fehlt dir in Leipzig?
Die Zusammenarbeit, die Vernetzung. Das tun schon eine Menge Leute hier, aber noch nicht genug. Ich versuche, mit Menschen aus demselben Metier so viel wie möglich zusammenzuarbeiten, auch bei Aufträgen. Die sind dann häufig überrascht, weil sie denken, dass wir eigentlich Konkurrenten sein sollten. Ich sehe das eher so, dass wir unsere Stärken miteinander kombinieren und gemeinsam den Auftraggeber besser überzeugen können.

Wie verlief die Gründung?
Wir haben rund zweieinhalb Jahre an der Idee und am Konzept gefeilt. Es war manchmal verdammt schwierig, die Banken von unserer Idee zu überzeugen. Es war eine Herausforderung, das Besondere der Idee so in Worte zu fassen, dass sie jeder versteht. Ich mag es lieber, Dinge anzupacken. Handeln kommt schließlich vom Wort „Hand“, nicht von „Mund“.

In Deutschland gibt es Schulen und Universitäten – warum braucht es dann noch private Schulen, die ein Vorstudium und Meisterklassen anbieten?
Bildung wird in Deutschland – immer noch – unterschätzt. Die Ausbildung ist eine der wichtigsten Etappen im Leben. Aber die meisten Menschen verbringen mehr Zeit für die Planung ihres Urlaubs als für die Planung ihres Lebens. Meiner Meinung nach ist Bildung eines der Investments mit der höchsten Rendite, denn Bildung befähigt Menschen, Dinge zu tun. Wer nichts weiß, kann nichts bewegen.

Veröffentlicht unter: 24. Ausgabe, 24.09.2010, Gespräche, Jonathan Fasel · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Eine Antwort zu "„Wer nichts weiß, kann nichts bewegen“"

  1. HS MD sagt:

    Steve ist cool, er hat gerafft, worum es im Designeralltag geht. Ein sehr angenehmer Mensch, der auch einen Plan vom Pragmatismus im Leben hat! Er hat Biss und seine Vision verwirklicht. Daran glauben und einfach machen. Much success and all the best, take care!

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