Herbert und die Äpfel

Es begann mit einem Stück Pflaumenkuchen. Genauer gesagt: dem gefühlten 93. Stück, seit die Pflaumenbäume bei meiner Oma voll hängen. Dagegen Apfelkuchen? Ich hatte dieses Jahr noch kein Stück gegessen.

Von Franziska Gaube

Herbert, die kleine Raupe, macht es sich gemütlich. Genüsslich mampft sie ein Krümelchen Apfel. Endlich eine Behausung. Und dabei ist es so frisch draußen: Wind, Regen, alles sehr unangenehm für Klein-Herbert. Die Auswahl eines Eigenheims stellte ihn dieses Jahr vor große Probleme. Keine Äpfel an den Bäumen, und wenn, dann waren die Immobilien in schlechtem Zustand. Kopfschüttelnd murmelte er nur: „Zeiten sind das …“

Die Apfelernte war gering dieses Jahr: in Europa elf Prozent weniger als 2009, laut der Internetseite fruitportal.de. Der Apfelkuchen meiner Oma interessiert sich nicht für Europas Erntestatistik. Der wird aus Äpfeln Leipziger Streuobstwiesen gemacht. Auch hier hängen kaum Äpfel in den Bäumen.

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Die Apfelernte war gering dieses Jahr.
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„Dieses Jahr gibt es auch auf unseren Streuobstwiesen keine Ernte“, sagt Tobias Rieprecht vom Umweltverein „Ökolöwe“. „Wir haben zwar über 500 Apfelbäume in Pönitz stehen, aber mehr als einmal Apfelkuchen und eine Schüssel Apfelmus wird es wohl nicht werden.“

Der Täter ist weder Herbert noch ein kleiner Junge mit Mordshunger. Zwei Faktoren fallen zusammen. Erstens: Der Frühling war lange kalt und nass, das scheint Apfelbäumen nicht gut zu bekommen. Zweitens: die Alternanz, die zyklische und natürliche Schwankung des Fruchtertrags. „Letztes Jahr hingen die Äpfel an den Bäumen wie Weintrauben an einer Rebe. Dieses Jahr mussten wir die Ernte absagen“, sagt Tobias Rieprecht.

Das zieht Probleme nach sich. Aus den Äpfeln des Ökolöwen wird Apfelsaft gemacht, dieser wird verkauft und nun wird es dieses Jahr keinen Apfelsaft geben. Ein wirtschaftliches Standbein bricht weg. „Wir müssen uns nun schon einschränken. Das Geld, das wir vom Apfelsaft bekommen, legen wir ja nicht für die nächste Büroparty weg.“
Streuobstwiesen sind trotz niedriger wirtschaftlicher Bedeutung in diesem Jahr von großer ökologischer Bedeutung. Schon allein wegen Herbert, der kleinen Raupe.

In Leipzig und Umland gibt es Schätzungsweise um die 50 Streuobstwiesen. Manche gehören Vereinen, manche Privatpersonen. Hier wachsen Kirschen, Pflaumen, Walnüsse, Mirabellen und Äpfel. Hauptsache einheimisch. Das ist wichtig. Auf einer Apfelwiese wachsen verschiedene Sorten: Danziger Kantapfel, Edler von Leipzig, Gräfin von Paris und wie sie alle heißen. Darunter auch sehr seltene oder sehr alte.

Zweimal im Jahr muss die Streuobstwiese gemäht werden, bevor es an die Ernte gehen kann. Für eine 0,7 Hektar große Wiese mit zehn bis 15 Arbeitern sind mehrere Tage nötig. Der Ökolöwe rekrutiert hierzu Freiwillige.

„Wirtschaftlich lohnt es sich für uns als Nebenerwerb, ob man ganz Leipzig über das Jahr mit Äpfel von den eigenen Streuobstwiesen versorgen kann, weiß ich nicht“, sagt Tobias Rieprecht.

Streuobstwiesen werden extensiv bewirtschaftet. Auf deutsch: die Wiese wird in Ruhe gelassen und man erwartet sich keinen hohen wirtschaftlichen Erfolg. Im Gegensatz zur Plantagenwirtschaft, deren Ziel der größtmögliche Ertrag ist.

Aber warum das Ganze? So viel Arbeit, so wenig Nutzen?

Falsch. Auf einer Streuobstwiese können sich bis zu 5 000 Tier- und Pflanzenarten finden. „Biodiversität, die Artenvielfalt und ihren Erhalt. Darum geht es“, sagt Tobias Rieprecht. „Noch dazu kann man durch die Verbindung zum Apfel Menschen für das Obst und vielleicht, im Endeffekt, dann für die Erhaltung der Natur begeistern. Letztendlich macht es auch Spaß zu ernten, das ist nicht nur Arbeit, man kann einfach mal abschalten.“

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: 24. Ausgabe, 24.09.2010, Franziska Gaube, Geschichten

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