„Wir brauchen mehr Polizeistreifen“

Die Republik war im Urlaub, die Zuhausegebliebenen diskutierten über Sarrazins Thesen, und in Leipzigs „Problemviertel“ Volkmarsdorf drohten Anwohner mit der Gründung einer Bürgerwehr. Ihr Anlass: angeblich marodierende Sinti- und Roma-Familien. Wir waren mit dem Stadtteil-Kenner Stefan Kuhtz spazieren – und sprachen über Integration und Vorurteile im Leipziger Osten.

Von Dirk Stascheit

Es ist schon ein Kontrast. Die Straßenfronten rund um die Lukaskirche in Volkmarsdorf sind größtenteils Neubau, und doch stehen, eng eingefasst, in der Elisabethstraße zwei mittelhübsche, etwas vernachlässigte Altbauten. Die meisten der Neubauwohnungen haben verglaste Balkons zum zentralen, durch einige Aktivität fast mediterran wirkenden Kirchplatz hin. Und die Sportsfreunde in einer der drei Grüppchen, die hier kurz vor halb acht an einem Wochentag ihr Abendessen aus Flaschen trinken, sprechen portugiesisch. Das „richtige“ Leipzig ist irgendwie vorhanden, mangelnde Integration sähe wohl auch anders aus.

Polizeistreife

Unterschiedlicher können die Fassaden nicht sein.
Foto: Dirk Stascheit

Und dennoch haben hier Menschen offenbar Probleme. So sehr, dass sie Ende August einen Brief an Polizei, LVZ und andere sandten, worin sie gar die Gründung einer Bürgerwehr erwägen. Anonym natürlich. Und nicht ohne den Verweis, man habe nichts mit Nazis zu tun. Die applaudierten natürlich prompt. Und so mancher vermutet hinter dem Appell auch eine Hinterzimmerconnection aus einer bestimmten Kneipe im Leipziger Osten, in der sich öfter rechte Stammtische treffen.

Der Eingangsbereich der Lukaskirche, die den Thälmannplatz in Volkmarsdorf südlich der Eisenbahnstraße dominiert, ist verschlossen. Verrammelt trifft es eher. Dabei treffen sich hier in wenigen Minuten Ehepaare zum Gesprächskreis mit ihrem Pfarrer. Es wird dunkel. Morgen treffe ich Stefan Kuhtz vom Integrativen Bürgerverein auf einen Rundgang durch das Viertel.

Am nächsten Morgen. Das Viertel ist geschäftig. Zwei Frauen und ein Mann um die 50 schleppen einen großen alten Fernseher aus einer Neubauwohnung und versuchen, ihn auf einen Bollerwagen zu wuchten. An der Ecke Zollikofer Straße und Elisabethstraße öffnet gerade die Geschäftsstelle des Naturschutzbunds. In einer Straße finden sich ein LWB-Kontaktladen, der Naomi e.V., der Migrationsberatung anbietet, und der Integrative Bürgerverein Volkmarsdorf. Ganz schön gut versorgt, deser Viertel, möchte man meinen.

Das mit dem Meinen ist offenkundig Teil des Problems. Meint zumindest Stefan Kuhtz.

Wir haben hier soviel erreicht in den letzten Jahren, von den vielen Vereinen, mit den Ämtern, allen, die hier am Start sind und was tun. Nach außen wird das kaum kommuniziert, da stehen immer andere Sachen im Vordergrund. Niemand von denen wohnt hier, die über uns reden und schreiben.

Touché.

Dieses tagtägliche Hier-Miteinander-Leben ist anders. Die Leute grüßen mich, ich grüß zurück, wir sind nett zueinander. Hier herrscht immer noch ein gewisser Zusammenhalt. Mir ist noch nie was passiert, auch nicht wenn ich früh um drei mal aus dem Vereinsbüro komme.

Dennoch: Volkmarsdorf gehört mit anderen sogenannten Problemvierteln des Leipziger Ostens zum Wahlkreis 1. Und in ebenjenem Wahlkreis erzielt die NPD den höchsten Stimmanteil in ganz Leipzig, 4,4 Prozent bei der Kommunalwahl 2009. Rudi Gerhardt kam deshalb in den Stadtrat. Den zweiten Mandatsträger der Nationalen kann das demokratische Leipzig den Anger-Crottendorfern und Sellerhausenern, Paunsdorfern und Engelsdorfern  in die Schuhe schieben.

Wir haben hier nun eine große Gruppe Sinti und Roma seit ein paar Jahren. Es gibt viel Gerede darum, dass sie illegales machen würden. Ich sehe betteln und Schrottsammeln. Wir bräuchten mehr Polizeistreifen oder Patrouillen der Sicherheitswacht, um den Bewohnern ein besseres Gefühl zu geben.

Da sind viele Vorbehalte im Spiel. Viele der Autos der Roma sehen nicht so aus, als würden sie durch den TÜV kommen. Die Menschen projezieren viele von den Diebstählen, die hier vorkommen, offenbar auf diese Bevölkerungsgruppe.

Das Ordnungsamt hat aus einer Zweiraumwohnung 27 Leute rausgeholt, wird erzählt. Und dass Kinder Omis beklauen würden. Viele sagen mir, sie hätten dies selbst gesehen. Kinder würden nicht regelmäßig in die Schule gehen, wenn überhaupt. Denen scheint manchmal vollkommen fremd, was die Gesellschaft in unserem Teil Europas ausmacht. Wie könnte das Zusammenleben besser funktionieren?

Vielen fehlt der gegenseitige Respekt im Umgang. Wegen dieser Gesamtsituation wünschen viele das Zusammenleben nicht mehr.

Hat das etwas mit dem Erleben des eigenen sozialen Abstiegs zu tun?

Wenn einer aus irgendeiner Nationalität klaut, dann heißt es: „Die Nationalität klaut.“

Viele der Einwohner denken, arbeitslose Ausländer bekämen mehr Geld als die deutschen Transferempfänger. Den Beweis bleiben sie jedoch schuldig.

Volkmarsdorf hat gleich zu Beginn der neunziger Jahre viele seiner Einwohner verloren. Kurz vor der Wende waren mangels Sanierung viele Häuser reif für die Abrissbirne. Seit den späten Achzigern wurden viele Häuser abgerissen, zunächst sachte, denn Wohnraum war noch näherungsweise Gold wert, und richtig neu gebaut wurde ja meist nur großflächig, wie in Grünau und Schönefeld. Große Teile der Bevölkerung sind direkt nach der Wende in alle Himmelsrichtungen gezogen, und aus funktionierenden Gemeinschaften wurden übriggebliebene Fragmente.

Das ging ans Herzblut. Baufirmen mussten hübsche Gründerzeithäuser abreißen. Nun sind sehr viele Transferempfänger zugezogen, aus bildungsfernen Schichten wie auch aus entfernten Ländern.

Der Zusammenhalt ist eingebrochen, könnte man meinen. Omi blieb zwar, konnte aber nicht mehr quer über die Straße auf die Enkel aufpassen, die nun in Hamburg oder Böblingen heranwachsen. Oder in Schkeuditz.

Das Zusammenleben kann hier nicht koordiniert werden, weil die Fluktuation zu groß ist. Gefühlte zwei Drittel der Anwohner hier sind Transferempfänger, dann kommen noch Kinder, Kranke, Pensionäre, und da will sich kaum noch einer sozial engagieren. Hätte man einen größeren Grundstock an verwachsener Bevölkerung, die sich besser kennen würden, könnte man sich auch besser kümmern, besser zusammenwirken.

Trotzdem scheinen gerade hier soziales Engagement, Vereine, Kulturprojekte dreilagig gestapelt. Zumindest, wenn man den Schaufenstern nach urteilt.

Es fehlt aber auch der Antrieb, gerade auch von den Jungen. Es gibt eben mehr im Leben, als dass man ein Handy und einen Handyvertrag hat. Wenn sie mit ihrem Geld nicht hinreichen, projezieren die Menschen dieses Gefühl auf alles mögliche. Natürlich hängt auch viel von Geld ab. Man kann aber auch davon abseits etwas auf die Beine stellen – unter anderem unser Verein macht das ständig. Zwar haben wir unsere liebe Not, Sachen zu machen, brauchen die Öffentliche Hand und Sponsoren, aber es geht.

Wir hatten hier gerade eine gute Initiative, initiiert durch das Jugendkulturzentrum O.S.K.A.R.. Jugendliche fotografieren den Osten mit seinen Veränderungen. Die Deutschen müssen sich ihren Zivilen Freiraum hier selbst erkämpfen, müssen den Hintern hoch kriegen, hingehen, teilnehmen, teilhaben. Denn natürlich sind die Bewohner mit Migrationshintergrund interessierter daran, was hier abgeht – die wollen da mitmachen. Meist ist die Sprachkompetenz entweder Barriere oder Schlüssel dazu.

Aber die ehemaligen DDR-Bürger haben alle Möglichkeiten – die meisten haben einen Fotoapparat, und Filme gibts bei Discounter günstig im Doppelpack, die Entwicklung kostet in der Drogeriekette des Vertrauens auch nicht viel. Sprachbarrieren haben sie jedenfalls nicht zu überwinden. Trotzdem nutzen viele diese oder andere Möglichkeiten, um sich zu beteiligen, nicht. Sie müssen ja nicht jeden Monat einen Film voll fotografieren.  Aber sich mit ihrem eigenen Umfeld identifizieren, rausgehen, was entdecken, Für sich. Nicht für mich.

Jeden Mittwoch kommt das Kaos-Spielmobil vorbei, dann werden die Kinder bespielt. Dann kommen die Menschen, geben ihre Kinder ab, reden über ihre Armut, ihr Dasein. Sobald das Spielmobil abhaut, ist die Struktur von gerade eben auch schon wieder weg. Immer nur wenn sie jemand bespielt, reden die Menschen, so scheints.

Wie kriegt man die Leute angetrieben?

Das ist schwierig. Und wir haben da nicht den Stein der Weisen in der Tasche. Wir hören den Leuten zu, wenn sie mit uns sprechen, und versuchen dann anhand dessen, die Projekte umzusetzen. In ihrem Interesse, um sie zu beteiligen. Wir haben ganz klein mit Kinderschatzsuche angefangen. Und dann ein Hinterhoffest, und noch eins …

Stefan und seine Leute organisieren gerade ein vorweihnachtliches Specksteinschnitzen. Frank A. Gräber, sehr engagiert, eigentlich aus Baden-Württemberg. Sein Anliegen ist, die Kunst allen zugänglich zu machen. Das darf nicht ein Privileg derer sein, die mehr Geld haben, sondern gehört notwendigerweise zum Alltag.

Die Neubauten um den Thälmannplatz mit der Kirche St. Lukas sind größtenteils Ende der achtziger Jahre gebaut, ein Teil ist erst nach der Wende fertig gestellt worden. Teils mit Fußbodenheizung und eingefliester Wanne, verglasten Balkonen.

Und das Zentrum des Ganzen?

Die Lukas-Kirche ist ein großer Bezugspunkt hier in dem Viertel. Aber die Frage, wieviele Leute heutzutage noch religiös sind, müssen wir uns ja nicht stellen.

Stefan Kuhtz kommt aus der Baubranche. Das trifft sich, so kann er auch kompetent Studenten aus Baufachrichtungen durch das Viertel führen.

Da könnte man einiges machen, mit der recht frischen Neubausubstanz sind interessanteste Wohnraumgestaltungen möglich. Auch die Ingenieursstudenten aus Wien, Berlin und Baden-Würtemberg fanden, hier könnte man richtig coolen Wohnraum schaffen, mit größeren Zimmern, Terrassen, wo einer dem anderen nicht reinschauen kann. Aber hier gehts ja primär darum, günstigen Wohnraum anzubieten, der auch und gerade Wohngeld-kompatibel ist.

Was müsste sich ändern, um den Stadtteil wieder auf Vordermann bringen zu können?

Es müssten viele Leute wieder arbeiten können. Nicht nur Dienstleistung, auch produzierendes Gewerbe, mehr Handwerk. Wir müssen genügend Kindergärtenplätze und Ganztagsschulen bereitstellen – und sie füllen mit Leuten, die genug Grips haben, um den Kindern was beizubringen. Damit die Menschen auch arbeiten können, wenn sie denn etwas finden.

Die Kinder, die wir hier erleben, können teilweise nicht rückwärts laufen oder Purzelbaum schlagen. Manche weil sie zu dick sind, aber eher, weil ihre Eltern es ihnen nicht beibringen. Das geht nicht, wenn man durch Arbeit gehetzt ist, oder nicht mehr kann, weil man heftige Probleme damit hat, arbeitslos zu sein. Man muss stolz auf seiner Hände Arbeit sein dürfen –
und sich davon ernähren können, davon leben können. Das fehlt hier oft.

Es gibt auch viel Positives zu erzählen. Zum Beispiel, wie man durchaus alle an einen Tisch bekommt.

Wir machen bei unseren Veranstaltungen meist eine Bühne mit Musik auf, hatten auch mal am Rabet eine Gulaschkanone da – einfach, um möglichst viele Leute dorthin zu bewegen, jeden teil der Bevölkerung anzusprechen. Damit  wir auch die Koexistenz hinkriegen.

Da rennt komischerweise kein Deutscher weg. Da sitzen dann Araber, Türken, Russen und Deutsche, sie wollen eben nicht reglementiert werden. Sie wollen miteinander reden und voneinander lassen, wenn und wann sie das wollen. Die Kinder spielen miteinander. Denen ist egal, ob der Andere rot, grün, gelb oder blau ist.

Wir haben eine gut gemischte Kindergartengruppe. Das bringt vor allem Vorteile. Einer meiner Kollegen hat eine polnische Frau, in dem Haushalt wird Polnisch, Englisch und Deutsch gesprochen. Wo ist da der Nachteil? Das hilft doch unseren Kindern, in der Globalisierung zu bestehen.

Wir haben mal eine deutsch-afghanische Hochzeit ausgerichtet. Dann kamen Nazis, mit Aufklebern und Heß-Gelaber. Die Polizei hat jede Stunde zwei Beamte vorbeigeschickt, und das Problem war erledigt. Nachdem die Deutschen bei einem Abend gehört haben, wie Afghanen von Zuhause erzählten, war ihnen sehr klar, in welchem Wohlstand sie hier leben. Wer von uns muss denn heute noch Wasser von der Pumpe holen?

Wenn jeder sich auf sein Kerngebiet zurückzieht, muss das Ehrenamt am Rande seiner Leistungsfähigkeit operieren, um die entstehenden Lücken zu füllen. Ich kann doch nicht noch mehr Leute ins Ehrenamt holen, um hauptamtliche Stellen einzusparen, aber genau das passiert grad. Wir machen das zwar gerne. Aber wie viele Hauptamtliche aus der Verwaltung klopfen denn bei uns und fragen, was sie tun könnten? Sehr wenige.

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: 24. Ausgabe, 24.09.2010, Dirk Stascheit, Geschichten

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