Satire: Haben Sie Angst vor Baustellen?

Nein. Wovor denn, fragen Sie sich jetzt wahrscheinlich. Aber es gibt sie: die Angst vor Baustellen. Auch in Leipzig. Lesen Sie unsere ergreifende Geschichte über eine Krankheit, die die Gefühle der Betroffenen durch den Zementmischer schickt.

Ein Report von Franziska Gaube

Ein Presslufthammer knattert. Eine Baggerschaufel kratzt durch Kies. Der große Kran schwenkt. Für manche Alltag. Für Hannah H. (Name von der Redaktion geändert) die Hölle. Schon ein Bauzaun lässt sie aufschrecken, der Blick vom Augustusplatz auf die Uni-Baustelle macht sie zum Nervenbündel. Unsicher macht sie einige Schritte zurück.

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Hannah H. leidet an Konstruktophobie – der Angst vor Baustellen. Und Hannah H. hat jeden Tag Angst, panische Angst. Denn sie lebt in Leipzig. Ein lockerer Spaziergang durch die Innenstadt? Hannah H. schüttelt entgeistert den Kopf. Jeder Schritt fällt ihr schwer.

Der Weg zur Hölle: unfertig gepflastert

Sie kennt keine anderen Menschen mit derselben Krankheit. Auch ihr Arzt sagt, sie sei bisher der einzige bekannte Fall in Deutschland. „Ich suche schon lange nach einer Selbsthilfegruppe, das würde mir sehr helfen“, vertraut sie mir an.

Auch von den Behörden wird ihr Fall nicht als Krankheit anerkannt, schon lange streitet Hannah H. um zusätzliche Mittel. Auch wird ihre Krankheit, da nicht bekannt, von vielen nicht akzeptiert. Dabei geht es ohne Unterstützung von anderen Menschen nicht. „Wenn ich über den Uni-Innenhof gehe, versuche ich, nicht allein zu gehen, damit ich immer einen Menschen zwischen mir und der Baustelle habe. Ich brauche diese lebendige Schutzschicht zum Überleben.“ Auch ich laufe zwischen ihr und der großen Baustelle. Als ich mich ein wenig zurückfallen lasse, wird sie blass.

„Als wäre ein Bauzaun um meine Seele“

Hannah H. kommt vom Land. „Da gibt es nur ein paar Kühe und Weidenzäune, keine Baustellen.“ Ihre Familiengeschichte: tragisch. Hannah H. wurde auf einer Baustelle geboren. „Quasi zwischen Mörtel und Bohrmaschine.“ Ihre Stimme zittert, als sie weitererzählt. Ihr Vater starb früh. Erschlagen von einem fallenden Balken auf der Baustelle des Eigenheims. Ihre Mutter starb, als sie sieben Jahre alt war. In einer tragischen Wendung des Schicksals kollidierte sie mit einem Baustellenfahrzeug. Nur über einen redet Hannah H. nicht gern. Nur zögerlich erzählt sie von ihrem Bruder, dem schwarzen Schaf in der Familie. Er macht gerade eine Lehre zum Maurer. „Als ich klein war, hing an seiner Tür dieses gelbe Schild: ‚Baustelle. Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder.’ Ich bin nie in sein Zimmer gegangen.“

Sie wusste nicht, auf was sie sich einließ, als sie nach Leipzig zog. Zurzeit gibt es allein 68 Baustellen, die Einfluss auf den Verkehr ausüben.

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Hannah H. leidet an einer Krankheit, die keiner kennt und niemand als solche akzeptiert. Hannah H. leidet an einer schweren Form der Konstruktophobie.
Foto: Tobias Keunecke

„Das erste halbe Jahr konnte ich nicht aus dem Haus gehen. Nicht einmal aus dem Fenster schauen, überall diese Baustellen.“ Als sie sich langsam damit abfand, wartete der nächste Schock: Kabelarbeiten im Haus. Aber sie blieb stark. Und zog nicht aus. Ein Schlüsselerlebnis, sagt sie heute. Ein Beginn. Zwei Wochen lang musste sie beim Verlassen des Hauses an einer Baugrube vorbei. Jeden Tag der rot-weiße Zaun. Jede Nacht der gleiche Alptraum: Der tiefe Fall ins endlose Nichts der Grube, begleitet vom verächtlichen Tanz der Schraubenzieher, Bohrer und Presslufthammer. Zwei Wochen lang wachte sie nachts schweißgebadet auf. Dann plötzlich: die erste durchschlafene Nacht – das erste Signal. Nun wusste sie, dass sie mit den Baustellen irgendwie würde leben können. Von da an ging es bergauf.

Ein halbes Jahr später konnte sie in die Uni gehen. Auch wenn der tägliche Weg beschwerlich war und noch immer ist.

Eine Frau geht ihren Weg – doch der ist verbaut

Wir nähern uns einem rot-weißen Bauzaun. Eine winzige Baustelle, aber Hannah wird sehr blass. „Mir ist nicht gut. Dieses Rot-Weiß. Eine Signalfarbe für mich.“ Plötzlich bricht sie zusammen. Als sie wieder zu sich kommt und auf ihren Beinen steht, greift sie in ihre Jackentasche. „So viele soll ich davon eigentlich nicht nehmen, aber …“ Hannah schiebt zwei Tabletten in den Mund. Ihr Gesicht bekommt wieder etwas Farbe.

Sie kann inzwischen offen über ihre Krankheit reden. Vieles hat sich gebessert. Dennoch gibt es sie jeden Tag, diese kleinen Rückfälle. Dann beginnt der lange Weg von vorne. Auf die Frage, ob sie jemals völlig gesund werde, sagt sie traurig: „Mein Therapeut sagt: nein.“

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: 23. Ausgabe, 10.09.2010, Franziska Gaube, Gemein(t)

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