„Keine Bauchnabelprosa“

Franziska Wilhelm ist 29 und arbeitet in der Öffentlichkeitsarbeit der Verbraucherzentrale. Nicht so spannend? Stimmt. Viel interessanter ist dagegen, was Franziska Wilhelm in ihrer Freizeit macht: Schreiben. Mit ihren Kurzgeschichten hat sie Preise eingeheimst, in der Leipziger Poetry-Slam-Szene kennt sie jeder. Jetzt schreibt sie an ihrem ersten Roman. weiter hat mit ihr gesprochen – über alles. Nur nicht über ihren Job.

Das Gespräch führten Dorothea Hecht und Claudia Laßlop

Wann hast du deine erste Geschichte geschrieben?
Mit 17. Sie hießt „Erbsen- und Möhrengemüse“. Es ging um einen Mann, der mit Erbsen- und Möhrengemüse überschüttet wird.

Und darin ertrinkt?
Kann man so sagen.

Isst du nicht gerne Erbsen- und Möhrengemüse?
Doch, das Gemüse steht für die Piefigkeit und den Druck seiner Eltern, von denen er überschüttet wird.

Und dann bist du nach Leipzig gekommen und hast nicht am Deutschen Literaturinstitut studiert, sondern Kommunikations- und Medienwissenschaften. Wolltest du nicht ans DLL?
Doch, ich hab mich irgendwann da beworben, als ich schon studiert habe, aber die haben mich nicht genommen.

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Franziska Wilhelm
Foto: Tobias Keunecke

Ein Verlust für dich?
Nein, eigentlich nicht. Das DLL hätte vielleicht zu sehr meinen Stil beeinflusst, so konnte ich mich selber entwickeln. Ich hab mich mit einer Lektorin unterhalten, die froh war, dass meine Texte weder vom DLL noch vom Literaturinstitut aus Hildesheim kamen. Es sei jetzt dahingestellt, ob es da einen bestimmten Stil gibt, aber sie hat sich gefreut, dass sie da nichts in der Art herauslesen konnte.

Von welchem Verlag war die Lektorin, du hast ja schon bei mehreren publiziert?
BTB aus München. Da schreibe ich meinen ersten Roman. Eigentlich hatte ich mich mit einem Kurzgeschichten-Band dort beworben, aber die haben mich dann gefragt, ob ich nicht auch einen Roman schreiben würde. Da hab ich gesagt: „Ja klar!“. Obwohl ich wirklich ein großer Fan von Kurzgeschichtenbänden bin.

Hast du eine literarische Ausbildung, die dir sagt, wie du an einen Roman rangehst?
Im Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen habe ich Seminare belegt, bei denen du deine Texte vorstellst. Also im Prinzip das, was auch das DLL macht: Leute sagen dir, was daran gut ist und was nicht. Das, was Handwerk ist am Schreiben, kriegt man darüber am besten mit. Allerdings geht das nicht von jetzt auf gleich, sondern läuft über einen längeren Zeitraum. Man muss selber viel lesen und hören, dann kapiert man es irgendwann.

Hast du dabei Vorbilder gefunden?
Ich mag Haruki Murakami sehr gern. Der schreibt sehr skurrile Geschichten, hammerskurril. Außerdem hat er so eine Zartheit, Dinge zu beschreiben. Da passieren so absurde Sachen, und man fühlt sich trotzdem aufgehoben in dem Text, das finde ich schön.

Bei dir selber geht es auch sehr skurril zu. Gefallen dir solche unrealen Geschichten?
Ich mag es, wenn sich das vermischt. Das Reale und das Surreale. Das ist ja das Tolle am Schreiben, dass man Dinge passieren lassen kann, die sonst so nicht gehen.

Wenn man zum Beispiel eine Schwester als Meerjungfrau hat? Die kommt in einer deiner Geschichten vor.
Ja, genau. Da geht es um eine umgedrehte Nixe. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin, ich hatte dieses Bild im Kopf: eine Nixe mit Menschenbeinen und Fischrumpf. Allerdings habe ich dabei nicht an meine eigene Schwester gedacht. Die Idee der Geschichte ist es, über Entfremdung zu erzählen.

Aber du hast eine Schwester? Wie hat die reagiert?
Die hat sich bedeckt gehalten. Aber das mit der Familie ist schon ein Problem. Die glauben sich manchmal im Text wiederzuerkennen. Manchmal übernehme ich tatsächlich Züge von jemandem in meine Geschichten, aber es ist nie die gesamte Person.

Fühlte sich schon mal jemand richtig angegriffen?
Meine Mutter einmal. In der Geschichte geht es darum, dass jemand den Kopf verliert, und meine Mutter dachte eben, die Mutterfigur im Text sei sie. Dabei war nur ein Satz drin, den meine Mutter auch verwenden würde.

Steckst du selber in deinen Texten? Du schreibst ja oft in der Ich-Form.
Nein, der Autor und das Ich sollten ja auch nicht gleichgesetzt werden. Wobei, in der Poetry-Slam-Ecke, in der ich ja auch stecke, da ist das Ich noch näher am Autor dran als zum Beispiel in Romanen. Ich denke, manche Poetry Slammer setzen das auch bewusst ein. Man hat ja nur fünf Minuten Zeit beim Poetry Slam. Wenn der Zuschauer denkt, der Mensch da vorne und die Figur in der Geschichte sind ein- und dieselbe Person, dann hat er sofort ein Bild. Das macht es einfacher, zu folgen.

Wer sind deine härtesten Konkurrenten in der Leipziger Poetry-Slam-Szene?
(lacht) Ach, wir mögen uns alle! Aber Julius Fischer und Andre Herrmann, die sind schon ziemlich gut. Gemeinsam mit ihnen trete ich auch ab September bei der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz auf. Da lesen wir einmal im Monat in der Wärmehalle Süd in der Eichendorffstraße. Das nächste Mal am 17. September. Da macht jeder seine Texte, es findet aber kein Wettbewerb statt. Es ist also nicht wie beim Slam, wo eher witzige Kracher-Texte ankommen, sondern man kann auch mal nachdenklichere Stücke bringen.

Fühlst du dich wohl in der Leipziger Szene?
Auf jeden Fall. Ich bin seit 2001 hier – wow, so lange schon! Das erschreckt mich immer wieder. Aber ich finde es einfach schön hier, Leipzig ist eine tolle Stadt. Das kulturelle Angebot, das Haus des Buches, das DLL, die Poetry-Slam-Szene, Musik, Kino – alles.

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Franziska Wilhelm
Foto: Tobias Keunecke

Inwieweit lässt du dich von Leipziger Autoren beeinflussen?
Zu DLL-Autoren habe ich kaum Kontakt, obwohl ich ihre Bücher schon lese. Die Poetry- und die DLL-Szene laufen so ein bisschen nebeneinander, und es gibt wenige persönliche Berührungspunkte. Man trifft bei Poetry-Slams eher weniger DLL-Studenten an. Es gab mal ein Buch der Connewitzer Verlagsbuchhandlung, da waren DLL-Leute und andere dabei, und eben auch ich. Dazu bin ich wiederum über eine Bekannte gekommen, die am DLL studiert und das herausgegeben hat.

Steht das DLL demnach für bessere Veröffentlichungsmöglichkeiten?
Für die großen Verlage mag es durchaus helfen, dieses Label im Hintergrund zu haben. Aber auch Poetry-Slam-Literatur wird immer mehr veröffentlicht. Das sind natürlich meist kleinere Verlage, aber auch Carlsen und Ullstein, die jetzt auch aufgesprungen sind.

Wie wichtig sind Preise dafür?
Schon wichtig. Zum Beispiel um Buchverträge zu bekommen, ist das eine wichtige Referenz von einem Dritten. Es ist ja ziemlich viel wert, wenn jemand deine Arbeit bereits einmal für gut befunden hat und das beeinflusst andere dann auch. Und es ist ein wichtiges Instrument, um Talente überhaupt zu finden.

Inwieweit verbiegt man sich stilistisch auch mal für so einen Preis?
Da man ja nie wirklich weiß, wer die Jury ist und was die will, kann man sich gar nicht so sehr verbiegen. Politisch angehauchte Themen sind immer ganz gut, denke ich – keine so genannte „Bauchnabelprosa“, die sich nur um einen selbst dreht.

Ist es Dir beim Poetry-Slam auf der Bühne schon passiert, dass du gemerkt hast, ein Text kommt überhaupt nicht an?
Ja. Dann muss man professionell sein und das durchziehen. Und gerade dann ist es auch wichtig, dass man seine eigenen Texte mag und dahinter steht. Dann liest man sie sich eben selbst vor und holt noch so viel Spaß raus, wie man kann. Deshalb mag ich auch das Verbiegen-Schreiben nicht, weil man dann vielleicht gar nicht hinter dem steht, was man geschrieben hat.

Gibt es Zeiten, wo Schreiben gar nicht geht?
Ja. Manchmal muss man die Texte liegen lassen, dann geht halt nichts. Aber bei meinem Roman habe ich ja einen Abgabetermin und dann quält man sich halt. Die Reinkommen-Phase ist die schwierigste. Aber ich denke mir, wenn ich eine Magisterarbeit geschafft habe, bekomme ich das auch hin.

Wann ist der Abgabetermin?
Nächstes Jahr im September.

Verrätst Du, worum es geht?
Nein.

Nicht um Leipzig?
Nein. In ein paar meiner Poetry-Slam-Geschichten kommt Leipzig vor. Da geht es zum Beispiel darum, dass ich von der Südvorstadt ins Musikerviertel umgezogen bin und wie da die Unterschiede sind. Ich habe damals in der Sebastian-Bach-Straße gewohnt und darüber geschrieben. Das Bachviertel ist Poetry-Slam-mäßig schon ganz gut verwurstet wurden. André Herrmann wohnt auch in der Ecke. Der hat eine Super-Geschichte über den Konsum dort geschrieben.

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: 23. Ausgabe, 10.09.2010, Claudia Laßlop, Dorothea Hecht, Gespräche · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

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