Konjunkturs Werk und VWs Beitrag

Trotz schrumpfenden Marktvolumina investiert Volkswagen kräftig in eigene Autohäuser in Leipzig. Dabei geht es manch angestammtem Händler jetzt schon an die Substanz.

Von Dirk Stascheit

Das Leipziger Autohaus Heil, eine Firma mit einer bis in die fünfziger Jahre zurückreichenden Geschichte, meldete im Februar 2008 Insolvenz an. Auch einige große Namen der Branche, die Mahag in München oder Kroymans in Berlin, gerieten ins Straucheln. Mahag und zwei der Kroymans-Betriebe übernahm VW – sowohl unmittelbar als auch über Beteiligungen. Das Autohaus Heil dagegen nicht – das kaufte der Geschäftsmann Markus Hercher.

In Leipzig scheint es, als würde VW lieber in eigener Verantwortung neu bauen. Dadurch ergibt sich natürlich Konfliktpotenzial mit den länger ansässigen Händlern. „Der freie Partner stört, weil er auch ein Stück vom Kuchen will“, sagt Wolfgang Michel, Chefredakteur des Branchenblattes „kfz-betrieb“. Zumal das Geschäft nicht einfacher wird, nicht nur wegen der Krise. Laut einer Studie Center for Automotive Management aus Bergisch Gladbach nimmt die emotionale Bindung der jungen Generation an Autos ab (bit.ly/autohaus1). Keine rosigen Zeiten für den Autohandel. „Ein Händler hat zu mir gesagt: Wer es nicht geschafft hat, im Umweltprämienjahr Geld zu verdienen, der schafft’s auch jetzt nicht mehr“, so Michel. Die Kamps-Gruppe hatte sich noch in guten Zeiten aus Leipzig zurückgezogen, behielt nur das Porsche-Zentrum. Die VW- und Audi-Häuser der Firma bildeten den Grundstock der nun konzerneigenen Volkswagen Automobile Leipzig GmbH, die zunächst Volkswagen Retail Leipzig GmbH hieß.

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Noch sehen die meisten Autohäuser besser aus als dieses hier.
Foto: flickr.com/joebishopphotography

Die gewohnten Händler gehen also pleite oder in andere Geschäftsbereiche, derweil gründen die Marken der Volkswagen AG fleißig eigene Autohäuser, in Leipzig gleich zwei. Obwohl der gesamte Kuchen kleiner wird, seit 2006 um ein Fünftel: Die Zahl der jährlich in Leipzig neu zugelassenen Automobile hat sich von 2006 (17671 Fahrzeuge) bis 2008 um 3591 Autos verringert. Das sind nur noch knapp 80 Prozent (die Zulassungszahlen für 2009 werden Mitte September veröffentlicht). Ambitionierte 3000 Neuwagen davon will VW verkaufen, wenn die neuen Filialen eingespielt sind. Das entspräche 21 Prozent aller Neuzulassungen in Leipzig. Den gleichen Anteil hält Volkswagen auch an den Neuwagenzulassungen in ganz Deutschland.

Leipzig ist nach Berlin der größte Absatzmarkt in Ostdeutschland, wie der VW-Nutzfahrzeugsvertriebler Carsten Sass im Oktober 2009 der LVZ sagte. Wenig überraschend. Überraschend ist, wie aggressiv sich Volkswagen mit eigenen Firmen um diesen wichtigen, aber kleiner werdenden Markt kümmert – traditionell baute VW eher auf eigenständige Händler.

Der Wandel könnte Teil der Konzernpolitik sein. Seit einiger Zeit ist der VW-Konzern de facto Europas größter Autohändler. Wir erinnern uns: Porsche hatte im Herbst 2008 versucht, VW zu schlucken, verschluckte sich ordentlich, und wurde hernach von VW übernommen. Volkswagen kontrolliert seit der Porsche-Übernahme auch deren Autohaus-Sparte des Sportwagenherstellers, die PIA. Deren Verhalten am Markt beschreibt Professor Hannes Brachat, Herausgeber von Autohaus.de, in seinem Blog, das passenderweise „HB ohne Filter“ heißt, so: „Die besten Standorte werden durch eigene Retailbetriebe besetzt. Wer dort wettbewerblich stört, wird begradigt oder entfernt. An weniger interessanten, mehr ländlichen Standorten werden artige Vasallen gehalten.“

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der neue Vertriebsvorstand im VW-Konzern, Christian Klingler, ausgerechnet ein Porsche-Gewächs aus dem Umfeld der Autohaussparte der Familien Porsche und Piech ist.

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Nun hofft VW offenbar durch die neuen eigenen Autohäuser mehr Schub ins Geshäft zu bringen.
Foto: flickr.com/jurvetson

Klingler ist auch Herr über die Volkswagen Retail, die dafür zuständig ist, strauchelnde Händler an wichtigen Standorten zu übernehmen, damit keine Lücken entstehen. Und sie ist die Mutter der Volkswagen Automobile Leipzig GmbH, die in Leipzig die Autohäuser in der Merseburger, der Torgauer Straße und der Delitzscher Straße betreibt. Und ab Anfang 2011 auch ein Haus auf der Automeile, der östlichen Richard-Lehmann-Straße.

Man kann gespannt sein, wie VW sich in Leipzig entwickelt. Die eigenen Autohäuser tun sich Insidern zufolge schwer, Gewinne zu erwirtschaften – der Druck könnte eher zunehmen. Wolfgang Michel vom „kfz-betrieb“ sagte weiter dazu: „Man muss kein Hellseher sein, um zu sehen, dass im VW-Konzern der Ertragsdruck auf die eigenen Häuser wächst. Weil der Konzern nicht nur rote Zahlen sehen will.“

Zumal Konkurrenz aus dem eigenen Hause entsteht. Im Zuge der Verkleinerung der Geschäfte der einst insolventen Heil-Autohäuser, deren Überbleibsel nun unter „Heil – die Service-Familie“ firmieren, handeln diese nun nicht mehr mit Audis. Die konzerneigenen Volkswagen-Händler auch nicht mehr. Dafür gibt es seit Januar 2008 eine eigene Audi-Tochter, die die Verkaufshallen an der Richard-Lehmann-Straße betreibt, wie auch die neue Audi-Niederlassung im Norden der Stadt, gleich neben dem berühmten Blitzer zwischen Messe und Innenstadt (bit.ly/autohaus2). Die Ingolstädter VW-Premiumtochter kocht nun in Leipzig ihr eigenes Süppchen. „Wenn man sieht, was VW und Audi in Leipzig investiert haben: Die müssen schon Ertrag erwirtschaften“, so Michel.

„Wenn man am Autohaus Leipzig Nord vorbeifährt, da fragt man sich: Wie soll sich sowas jemals rechnen? Aber das ist fürs Image. Das braucht ein Konzern. Und so etwas kann ein freier Unternehmer natürlich nicht stemmen.“

Die Beziehung zwischen Hersteller und Handel keine einfache. Wolfgang Michel vom Branchendienst „kfz-betrieb“ ist dennoch hoffnungsfroh. Er möchte VW keine Strategie unterstellen „nach dem Motto ,Wir machen alle platt‘, das stimmt nicht“. Aber aus der Konzernspitze höre man immer wieder den Satz, die Händler seien der wichtigste Vertriebskanal. „Da schadet es nichts, VW hin und wieder daran zu erinnern.“

Zumindest scheinen in Leipzig noch nicht Berliner Verhältnisse zu herrschen. Dort beschweren sich eigenständige VW-Händler lautstark über die Methode, mit welchen VW dort offenbar überzählige Händler unter Druck setze (bit.ly/autohaus3). In Leipzig leidet man offenbar lieber im Stillen.

Das neu aufgesetzte Autohaus Heil, nun also „Die Service-Familie“, hatte in 2008 eine Bilanzsumme von knapp 4 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Leipziger VW-Autohaustochter kommt im gleichen Geschäftsjahr auf über 36 Millionen Euro.

Jens Liegmann, der Geschäftsführer der Leipziger VW-Autohaustochter, schreibt derweil in der jüngsten Bilanz des Unternehmens unter 3b Folgendes: „Insolvenz weiterer Wettbewerber in und um Leipzig“. 3b steht für „Chancen der künftigen Entwicklung“.

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: 23. Ausgabe, 10.09.2010, Dirk Stascheit, Geschichten · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

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