Die Schalterverwalter

Technik zum Anfassen und Ausprobieren: In der „GaraGe“ können Jugendliche ihre handwerklichen Fertigkeiten austesten. Weiter hat einigen beim Experimentieren zugeschaut.

Von Franziska Gaube

Die „GaraGe“ schillert. In allen Farben des Regenbogens. Auch wenn das auf den ersten Blick niemand sieht. Da überwiegt das Grau, das Braun, das Weiß. Von Stahl, von Holz und von Glas des nüchternen Gebäudes. Nur wer näher kommt, wer sich auf die scheinbar komplizierte Technik einlässt, der sieht es. Der sieht das Infrarot und das Ultraviolett schillern wie den Erfindergeist und das Herz, mit dem die Jugendlichen bei der Sache sind. Eben in allen Farben des Regenbogens.

Die „GaraGe“ ist ein Technikzentrum für Kinder und Jugendliche. Hier werden Seminare für Grundschüler, Mittelschüler und Gymnasiasten, Nachmittags-AGs, Projekte für arbeitslose Jugendliche und Freiraum für eigene Ideen angeboten.

Das Ziel: Kinder und Jugendliche für Naturwissenschaften und Technik begeistern. Das Konzept: Alles anfassen. Junge Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, sich auszuprobieren und ihre Stärken kennenzulernen.

„Wir sind keine Schule. Wir wollen auch keine sein. Die GaraGe ist eher ein innovativer und und ungewöhnlicher Lernort. Die Schüler können selbst praktisch arbeiten.“, erzählt Anita Roth, Projektleiterin der „GaraGe“.

Im ersten Stock, im aktiven Museum, wird Geschichte greifbar. Über den alten Maschinen der Buchdrucker hängt der Geist der klugen Köpfe der damaligen Zeit.
Die Jugendlichen erwecken ihn zum Leben: Mit den Maschinen wird gearbeitet. „Deswegen heißt es aktives Museum“, erklärt Roth. „Das hier zum Beispiel ist eine Handdrahtheftmaschine. Heute würden wir Tacker dazu sagen.“ Sie zeigt auf ein sperriges Gerät, das wirklich keine Ähnlichkeit mit einem Tacker hat.

Hier im Museum wird Papier geschöpft und mit beweglichen Lettern bedruckt. Bücher werden gebunden oder Grußkarten gestaltet. „Immer wieder kommen Auszubildende und Studenten her, um Projekte oder Abschlussarbeiten vorzubereiten. Hauptsächlich kommen aber Schulkinder“, sagt Anita Roth und blickt über den offenen Raum.

Auf den Etagen gibt es keine Türen. Alles ist offen, das gehört zum Konzept der „GaraGe“. Zweiter Stock: Die Werkstätten und die Labore. Am Nachmittag treffen sich hier vor allem junge Menschen, die von der „GaraGe“ aus der Arbeitslosigkeit aufgefangen wurden.

Ein Jahr lang bereiten sie sich auf eine Berufsausbildung vor. Pünktlich sein, acht Stunden durchhalten – Berufsleben, wie es auch in der Realität existiert. Vor dem Chemielabor, zwischen einem Model des Wasserkreislaufs und einer Hauswirtschaftsausstellung, sitzt eine Gruppe Jugendlicher. Ein Dozent steht vor ihnen, deutet auf die Projektion einer Präsentation. „Geschichte der Kosmetik“ ist an der Wand zu lesen.

Die Jugendlichen lauschen. Der Stoff ist Teil ihres „Ausbildungsvorbereitenden Jahres“. Drüben aus der Lehrküche dringen Geräusche herüber, aber keiner lässt sich ablenken. Das Seminar geht drei Stunden.

Nach 30 Minuten ist die Theorie beendet, der Dozent bereitet den praktischen Teil vor. Eine Body-Lotion soll entstehen. Eine widerstrebende Zwischenfrage von einem Jungen verzögert den Beginn. „Früher habe ich mich vor der Arbeit gedrückt, heute könnte ich stundenlang zusehen“, steht auf seinem T-Shirt. Dennoch beginnt er, die Substanzen abzuwiegen.

„Ich bin heute den ersten Tag hier“, erzählt Meikel Cyryl, 20. „Ich möchte in die Gastronomie gehen und ich hoffe, mich hier weiterentwickeln zu können.“ Juliane Engelmann, 23, möchte Hauswirtschaftstechnische Assistentin werden. „Ich wurde vom Arbeitsamt hierher vermittelt. Ich hoffe, nach diesem Jahr einen Ausbildungsplatz zu bekommen.“ Beide wirken fest entschlossen.

Im Physiklabor auf der anderen Seite ist gerade niemand. Eine große Solarzelle steht am Fenster. „Hier bauen wir mit den Grundschulkindern Wahrzeichen aus Leipzig mit Lego nach. Dann werden Peitschenlampen hier auf die Arbeitsplatte gesteckt. So lassen sich die Bauwerke beleuchten und zwar mit Sonnenenegie, weil die Peitschenlampen mit einer Solarzelle verbunden sind“, sagt Anita Roth und geht weiter in die Lehrküche.
Neben Seminaren zum Pizzabacken und zur Pralinenherstellung werden hier auch Seminare zur gesunden Ernährung, Lebensmittelgruppen, Inhaltstoffen und vielem mehr angeboten. Hier schillert die „GaraGe“ tatsächlich in allen möglichen Farben. Und sie duftet auch noch gut.

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: 22. Ausgabe, 27.08.2010, Franziska Gaube, Geschichten

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