An jedem 16. Tag

Der Tod ist allgegenwärtig, aber wir blenden ihn aus. Weil wir Angst haben, weil wir nicht wissen, was danach kommt. Doch es gibt Häuser, in denen der Tod transparent wird: in der Villa Auguste, dem dritten Hospiz Sachsens – und im Kinderhospiz Bärenherz in Markkleeberg. Zwei Geschichten über den Umgang mit einem Tabuthema, das keines ist.

Von Jonathan Fasel

Montagmorgen. Ich bin unruhig. Heute werde ich ins Hospiz gehen.

Ich bin nicht todkrank. Ich gehe dorthin, weil ich dort Menschen treffen will, die täglich mit dem Tod zu tun haben. Mit sterbenden Menschen und solchen, die sie dabei unterstützen. Aber über die kaum jemand spricht – weil wir lieber leben wollen, als uns Fragen über den Tod zu stellen. Über etwas, auf das es keine eindeutige Antwort gibt.
Der Tod ist ein Tabu. Das ist das erste, was mir heute klar wird.

Es riecht nach Pizza. Stimmen füllen die Flure, ein Telefon klingelt. Wirklich ruhig ist es hier nicht, und ich bin erleichtert. Stille wäre jetzt so erdrückend. An der Wand hängt ein Text mit der Überschrift „Desiderata“ – einer Wunschliste für die Arbeit hier in der Villa Auguste. Einer der Sätze: „Höre anderen zu, auch den Verwirrten. Auch sie haben ihre Geschichte.“

Beatrix Lewe ist die Geschäftsführerin des Hospizes. Sie spricht langsam, deutlich, ruhig, aber nicht leise. Manchmal erzählt sie von Patienten, und manchmal habe ich das Gefühl, dass auch sie dann für einen Moment traurig ist. Sie ist beseelt von der Idee der Hospizbewegung. Sie will den Menschen helfen.

Bereits 1993 schloss sich eine Gruppe von Ärzten, Pflegern, Seelsorgern und anderen Interessierten zusammen. Beatrix Lewe, damals Seelsorgerin, war dabei. Das Ziel: Ein Hospiz für Leipzig. 2002 schließlich eröffnete die Villa Auguste, nach langer Überzeugungsarbeit, der Gründung einer gemeinnützigen GmbH im Jahr 1998 und dem Aufbau eines ambulanten Hospizdienstes. Heute versammeln sich unter dem Dach der Villa Auguste eben jener ambulante Dienst, das Hospiz mit zwölf Betten und neuerdings ein so genanntes Brückenteam, das einspringt, wenn die ambulante Pflege einfach nicht ausreicht. Die Gruppe aus Ärzten und Pflegern versorgt unheilbar kranke Menschen zu Hause, und das auf Abruf rund um die Uhr. „Dadurch können wir den Menschen noch früher helfen, sie begleiten“, sagt Beatrix Lewe.

Ob sich die Heimbewohner untereinander treffen und kennenlernen, frage ich. „Das kommt vor, aber selten“, sagt sie. „Die meisten Menschen wollen einfach nur ihre Familie sehen oder ihre Freunde. Der Freundeskreis ersetzt mehr und mehr die Familie, weil Menschen immer häufiger alleine leben und eben nicht mehr mit der ganzen Familie zusammen.“

Die zweite Lektion ist sehr banal: Der Tod ist etwas Intimes. Wenn ich sterbe, will ich diese Zeit mit meinen engsten Freunden teilen. Offen und ehrlich.

Würde ich sterben, müsste meine Familie erst einmal mehrere hundert Kilometer reisen. Meine Freunde sind bereits hier.

Wir erreichen ein Zimmer des Hauses im obersten Stockwerk, klein, rund, etwas abgeschieden. Sonnenlicht taucht den Raum in grelle Farben. Auf dem Holzboden stehen Kerzen, ein Glaskreuz, Schmuck. „Das ist der Raum der Stille“, sagt Beatrix Lewe. Er bedarf keiner Erklärung. „Einmal im Monat versammeln wir die Belegschaft hier. Schließlich unterstützen wir, wenn andere trauern – wir selbst haben zum Trauern meist keine Zeit.“

Eine eine große Kerze steht im Treppenhaus, direkt am Eingang. Sie ist nicht nur Dekoration. Sie zeigt Besuchern, Gästen und Mitarbeitern: In diesem Haus ist vor wenigen Stunden ein Mensch gestorben. Und er ist noch hier, solange diese Kerze brennt. „Das ist wichtig für uns. Dann wissen wir schon beim Betreten des Hauses, was los ist.“ Im Schnitt brennt die Kerze an jedem 16. Tag.

Es riecht nicht mehr nach Pizza, sondern nach Geschirrspülmittel. Das Mittagessen ist vorbei, in der Küche wird abgewaschen. Wieder klingelt ein Telefon.

Der Alltag im Hospiz ist keineswegs ruhig. Er ist ziemlich geschäftig und ganz schön –
normal.

Und dann wird mir noch etwas klar: Es ist schwer, über den Tod nachzudenken. Aber vielleicht haben wir deshalb so große Angst vor ihm: Weil wir es nicht tun.
Mir war richtig bange vor diesem Termin: einem Besuch im Kinderhospiz. Ein Haus, in dem Kinder sterben? Will ich das erleben?

*****
Es ist ganz still im Park um das Kinderhospiz. Ein paar Meter weiter, hinter Büschen versteckt, liegt der Cospudener See. Das Gebäude ist geradezu futuristisch, keine Menschenseele zu sehen. Dann öffnet mir Heike Steinich die Tür.

Im Haus ist es sehr ruhig und hell. Viele Türen stehen offen. In ihrem Büro erzählt Steinich von den Anfängen des Kinderhospizes Bärenherz und, viel wichtiger, vom eigentlichen Zweck. „Es geht uns darum, unheilbar kranke Kinder über einen gewissen Zeitraum zu pflegen und so die Familie zu entlasten“, erklärt Steinich, „es wird gelacht, es wird gelebt.“ Aber sobald eine Familie im Haus sei, deren Kind im Sterben liegt, „ändert sich die Atmosphäre sofort“.

Heike Steinich ist Kinderkrankenschwester und Kindertrauerbegleiterin, als sie in der Weihnachtszeit 2002 durch einen Stand in der Innenstadt auf die Gründergruppe aufmerksam wird. Sie ist begeistert von der Idee eines Kinderhospizes, schließt sich den Menschen an. Gemeinsam gründen sie eine Interimslösung im Leipziger Advena-Hospiz, das zum selben Träger gehört, und suchen nach Sponsoren, um ein eigenes Haus zu eröffnen. „Wild entschlossen und ein bisschen naiv“ seien sie gewesen, aber schließlich auch erfolgreich: 2008 schließlich startete das Kinderhospiz Bärenherz mit seinen zwölf Betten.

Doch auch weiterhin ist man auf Spenden angewiesen: Nur 150 Euro der täglichen Kosten erstatten die Kassen hier in Sachsen, die tatsächlich benötigte Summe liegt aber bei 350 Euro. Trotzdem ist gerade bei einem Hospiz die Frage nach dem Geld die falsche. „Familien, deren Kind gerade gestorben ist, brauchen einfach Begleitung“, sagt Steinich, „und in den genannten Tagessätzen ist nicht einmal die Unterbringung der Eltern dabei.“

Das Haus ist zwar erst zwei Jahre alt, aber bereits voller Erinnerungen. 54 Kinder waren bisher hier. Die Gänge entlang hängen ihre Fotos. Mal zeigen die Bilder nur eine winzige Hand; mal einen lachenden Jungen mit essensverschmiertem Gesicht. Die Bilder sollen Normalität ausstrahlen, zeigen, dass auch todkranke Kinder ein normales Leben haben können.

Auch das Haus ist so angelegt. Es wurde eigens für das Kinderhospiz konstruiert. Zufrieden ist Steinich unter anderem mit dem großen Garten. „Wir haben eine Grillstelle, einen Spielplatz – alles, um auch den Familien einen angenehmen Aufenthalt zu bieten.“
Immer noch ist es wahnsinnig still im Park um das Kinderhospiz. Eigentlich müsste ich jetzt schnell zurück nach Hause, zurück an den Schreibtisch. Will ich aber nicht. Ich gehe die paar Schritte zum Cospudener See und setze mich auf eine Bank. Ich bin nicht erleichtert. Aber froh, hier gewesen zu sein.

*****
Kasten: Die Wurzeln der Hospizbewegung

Sisley Saunders war Krankenschwester in einem Londoner Hospital und bemerkte in den 60er Jahren: Den Sterbenden wird viel zu wenig Beachtung geschenkt. Sie werden an den Rand gedrängt; Saunders erlebte es selbst in einer Freundschaft zu einem tödlich erkrankten Holocaust-Überlebenden. Er vermachte ihr ein kleines Startkapital für den gemeinsamen Traum, ein Haus für Sterbende zu gründen.

1967 öffnete das erste Hospiz der Welt in London. Schon damals konzentrierte sich die Behandlung auf Schmerztherapie, lebte vom Ehrenamt der Helfer und behandelte in offener Art Fragen der Spiritualität – unvermeidlich, wenn man über den Tod spricht. Saunders selbst zeigte, wie vielfältig die Arbeit im Hospiz ist, wurde zusätzlich Sozialarbeiterin und später Ärztin. Ihre Losung für die Hospizarbeit gilt noch heute: „Wir wollen nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben.“

Veröffentlicht unter: 22. Ausgabe, 27.08.2010, Jonathan Fasel · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , , ,

Eine Antwort zu "An jedem 16. Tag"

  1. Sylvia Buehl sagt:

    ein wunderschöner artikel!

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