„Durch Zeitzonen und Schichten wandern“

Ein Trupp um den Medienmacher Cesare Stercken, 31,will ab September „3Viertel“ herausgeben. Kostenlos. Monatlich. Der Name ist Programm: Das Blatt soll in den drei Vierteln Plagwitz, Schleußig und Lindenau erscheinen. Ob das gutgeht? Eine Diskussion mit Herausgeber Cesare Stercken und dem Schreiber Volly Tanner über journalistische Arbeit.

Das Gespräch führten Dirk Stascheit und Jonathan Fasel

Ach ja, Plagwitz. Die verruchte Merseburger Straße. Hier, an der Kreuzung zur Karl-Heine-Straße, sagen sich Alki und Yuppie gute Nacht. Ein paar Meter in die Straße hinein hat „3Viertel“ seine Räumlichkeiten. Die sehen aus, als hätte man ein Atelier aus der HGB heraus- und eher aus Versehen hierhergebeamt. Der Raum ist weiß, steril, Neonbeleuchtung, ein Tapeziertisch. Zwei Bilder zieren das kahle Gemäuer.

Was war der Startschuss für „3Viertel“?
Stercken Volly Tanner und ich haben uns auf der Beerdigung eines Vorgängerprojektes für den Leipziger Westen kennengelernt. Das war im Mai. Wir haben gesagt: Irgendwie muss es doch weitergehen. Also habe ich mich hingesetzt und überlegt: Was würde ich tun – und wie? Dabei habe ich versucht, aus den Fehlern der anderen zu lernen. Und es besser zu machen.

Und, was wollt ihr besser machen?

Stercken Erstens: Wir sind freier in der Mache und dadurch auch ansprechender für unsere Leser. Das Vorgängerprojekt war ein Franchise, also eine Marke aus Süddeutschland, eher auf den ländlichen Raum ausgerichtet. Das passte einfach nicht nach Leipzig. Dann konzentrieren wir uns auf unsere drei Viertel. Großzschocher und andere Stadtteile, die von diesem Blatt bedient wurden, unterscheiden sich einfach zu sehr von Schleußig, Plagwitz und Lindenau. Die Leute besuchen sich nicht, kaufen nicht beieinander ein. Und dann wollen wir einen andere, bessere Qualität bieten. Bei Texten, bei der Bildsprache. Meinung bieten, nicht Beliebigkeit.

Stercken ist ein großer, kantiger Mensch mit sanfter Stimme. Er spricht leise, aber bestimmt, und wenn er redet, hört man ihm zu. Immer wieder huscht jemand herein, holt einen Schlüssel oder legt einen Zettel hin. Hin und wieder grüßt jemand flüchtig durch die Glasfront. Man kennt ihn, er steht im Mittelpunkt.

Warum diese drei Stadtteile?

Stercken Die Mischung macht‘s. Schleußig ist durchsaniert, ist vom Alternativen ins Bürgerliche gerutscht. Plagwitz ist eine spannende Mixtur. Und Lindenau – da gibt es Ecken, die man gar nicht vermutet. Hinter dem Lindenauer Markt gibt es ein paar Straßenzüge, in denen es kleinbürgerlich zugeht, dahinter sind dann auch Gartenlauben. Aber die haben auch nicht alle das Weltbild, dass wir ihnen andichten.

Tanner Wenn ich nachts vom Helheim zurücklaufe, über die Karl-Heine-Straße bis zum Lindenauer Markt, dann durchwandere ich Zeitzonen und Gesellschaftsschichten. Das ist einfach geil. Und die Leute, die aus Schleußig weggingen, als die trendy Jungfamilien kamen, sind doch nicht nach Halle gezogen – sondern meist nach Lindenau. Und mit denen muss man sich trotzdem beschäftigen. Das hat was mit Respekt zu tun.

Okay, also setzt ihr auf sublokalen Qualitätsjournalismus. Wie genau soll das aussehen?

Stercken Alle, die am Projekt mitarbeiten, haben einen eigenen Kopf. Letztendlich wollen wir den Texten Farbe geben, indem die Autoren ihren Stil und ihre Gedanken mitbringen. Wir wollen endlich eine Meinung haben.

Tanner Wir wissen, was hier passiert. Unsere Autoren sind hier verwurzelt, manche seit Jahrzehnten. Ich kenne die Alkoholisierten vorm Aldi mit Spitznamen. Und welche Menschen hier welche Sachen anschieben. Das ist eine andere Realität, als viele Menschen von außen wahrnehmen, auch und gerade Journalisten. Ich bin 1990 nach Leipzig gekommen, nach Lindenau. Ich war zwar mal kurz woanders, aber dann bin ich wieder nach Lindenau gezogen. Manche sitzen im Peterssteinweg im Büro, und wissen nicht, dass die Ludwigstraße dort und dort ist. Und schreiben dann unter das Bild etwas Falsches. Die wissen nicht, wie es hier aussieht. Wir wissen, wie es hier aussieht. Ich weiß, in welcher Unterführung es nach Pisse stinkt. Das kann jemand vom Kreuzer nicht wissen, weil wenn der mal hierher kommt, kauft er im Bioladen, und nicht beim Netto.

Aber dann besteht die Gefahr, dass der Inhalt etwas banal wird.

Tanner Nein, auf keinen Fall! Menschen sind spannend, immer. Und es gibt Menschen, die mit ihrer Lebenswirklichkeit in den Medien bisher nicht vertreten sind. Warum laufen denn die Nachmittagsprogramme im Privatfernsehen so gut? Weil Geschichten über Menschen erzählt werden.

Aber das sind nun nicht gerade Sternstunden journalistischer Arbeit. Wie soll das denn mit eurem Qualitätsanspruch zusammengehen?

Tanner Wir erzählen die Geschichten von Menschen, ohne zu verletzen und zu skandalisieren. Das muss klar sein.

Noch einmal: Interessiert das denn die Leser?

Tanner Klar. Der Mensch hat zwei Bedürfnisse: mit dem Arsch an die Wand zu kommen – und seine Neugier zu stillen. Wir Journalisten müssten eigentlich glückliche Menschen sein: Wir müssen nur unserem Trieb nachgeben und neugierig sein. Ehrlich: Worüber reden denn Menschen? Über die Nachbarn und gemeinsame Bekannte. Den Stoff dafür können wir liefern.

Stercken Außerdem sind wir offen für Themen und Köpfe. Die Menschen sollen sich in der Zeitung wiederfinden. Wir wollen grunddemokratische Bedürfnisse bedienen.

Das klingt ein wenig sozialromantisch.

Tanner Das ist es aber auf keinen Fall. Das hat nichts von Sozialromantik und auch nichts von Gutmensch. Ich mag diese beiden Wörter nicht. Das mit dem Gutmensch ist eine Nazi-Formulierung. Ich habe Kinder und will, dass sie in einer guten, vielleicht einer besseren Welt aufwachsen. Willst du das etwa nicht? Und wenn wir dazu beitragen können, ist das doch toll.

Stercken Wir sind kein soziales Projekt, damit das klar ist. Klar rechnen wir wirtschaftlich. Und dabei achte ich auch auf die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern. Der Plan ist, die Arbeit zu bezahlen. Wir werden eine Auszubildende einstellen. Und dann muss man sich die Frage stellen: Zahle ich fünf Euro die Stunde, weil ich es hier kann? Oder doch lieber sieben, acht, was eigentlich angemessen wäre? Da kommt man ganz schnell an den Punkt: Die anderen hier zahlen doch auch so wenig, also mach‘ ich‘s auch. Diesem Denken muss man sich widersetzen. Das hat auch was mit Anstand zu tun.

Aus welcher politischen Ecke kommt Ihr?

Stercken Wir sind nicht parteipolitisch gebunden.

Tanner Man muss schon klar sagen, wir kommen tendenziell natürlich eher aus der progressiven Ecke, aus dem kulturellen, sozialen Bereich. Wir wollen diese Viertel verändern, aber nicht mit einem Architekturbüro, sondern mit einer Zeitung. Es wäre für mich schwierig, mit dem Büroleiter von Herrn Dr. Feist (CDU-Bundestagsabgeordneter, Anm. d. Redaktion) zu arbeiten – der schreibt für diese, ich aber eher für jene. Und von diesen möchte ich eigentlich nicht gelesen werden. Wie Jan Delay sagt: Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt.

Was, wenn ihr scheitert?

Stercken Ich habe eine ganz andere Kalkulation als das Vorgängerprojekt. Zudem ist ja die Frage: Was ist Scheitern? Scheitern bedeutet, seine Ziele nicht zu erreichen. Unsere Ziele sind klar definiert und realistisch. Und nicht für immer festgelegt: In der heutigen Zeit ist fast alles im Wandel. Wer weiß, was wir in zehn, in 20 Jahren machen?

Tanner Mein Kühlschrank wäre auch ohne „3Viertel“ gefüllt. So gesehen ist „3Viertel“ für mich der zweite Kühlschrank. Oder vielleicht die Tiefkühltruhe im Keller.

Veröffentlicht unter: 21. Ausgabe, 13.08.2010, Dirk Stascheit, Geschichten, Jonathan Fasel

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