Rattengefahr im Multi-Kulti-Land

Volkmarsdorf – jetzt mal ehrlich: Nicht wirklich ein Stadtteil mit großem Sex-Appeal. Nichtsdestotrotz hat sich unsere Autorin auf einen Stadtteilbummel gewagt. Und dabei eine kuriose Mischung entdeckt.

Von Anna Pjankova

Es ist kurz nach Mittag, als ich mit dem Stadtteilführer Volkmarsdorf in der Hand die Räume des Bürgertreffs in der Konradstraße verlasse und in aller Ruhe bei Sonnenschein durch die nahegelegenen Straßen schlendere. Ich setze mich auf eine Bank an der Lukaskirche und beginne zu blättern. Aha, das ist also Volkmarsdorf. Ein kleiner Ortsteil, der das Gebiet östlich der Hermann-Liebmann-Straße und südlich des Eisenbahngeländes umfasst. Er grenzt im Norden an Schönefeld, im Osten an Sellerhausen, im Süden an Reudnitz und im Westen an Neustadt-Neuschönefeld. Damit ist Volkmarksdorf so etwas wie die goldene Mitte des Leipziger Ostens.

Und ich bin mittendrin. Eine Handvoll Kinder ist auf der kleinen Spielfläche direkt vor der Kirche zu sehen. Sie wippen, spielen Fangen und kreischen, während ihre Eltern sich unterhalten. Ich höre Russisch, ich höre Türkisch, ich höre Deutsch. Nur ein paar Meter weiter zieht mich die „Kreativstube“ mit ihrem bunten Schaufenster in den Bann. Es ist eine alternative Begegnungsstätte für Einheimische und zugewanderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Hier kann man zusammen Spinnen – wer kennt noch Dornröschen? Klingt gut, finde ich und lese weiter. Auch Weben, Filzen, Töpfern, Nähen, Sägen. „Erzählen, zuhören und mitfreuen“, steht da an der Tür. Hier geht es also um das Miteinander, um Freude und Erfolg bei der Neuentdeckung des alten Handwerks. Ich schließe Freundschaft mit der Schafswolle und gehe weiter.

In der Hildegardstraße stoße ich auf zwei Nachbarn, die unterschiedlicher nicht sein könnten. „Skazka“, ein russisches Geschäft, das an Märchen erinnert, befindet sich direkt neben einem Döner-Laden. Und wieder höre ich zwei Sprachen. Im Stadtteilbüro hatte man mir davon erzählt, dass die krassen Kulturunterschiede innerhalb des Viertels auch mal für Konflikte sorgen. Also hob man „Nachbarn für Nachbarn“ aus der Taufe – ein Projekt der LWB und des Bürgervereins Volkmarsdorf, unterstützt durch das Quartiersmanagement. Die Bewohner sollen sich so besser kennen lernen, nachbarschaftliche Beziehungen knüpfen und lernen, mit Konflikten umzugehen, um sich so in ihrer Umgebung wohl zu fühlen. Sogar ein internationales Team von Streitschlichtern hilft weiter – und das auf Deutsch, Russisch, Arabisch, Kurdisch, Türkisch und Vietnamesisch. Alleine daran lässt sich die Vielfalt Volkmarsdorfs ablesen.

Ich gehe an weiteren Geschäften vorbei und lande schließlich in der Elisabethstraße. Hier muss ich schmunzeln: „Rattengefahr“ steht da auf einem Schild – was das wohl bedeutet? Um mich herum stehen die für diese Gegend typischen Wohnblocks. Kleine Spielplätze und grüne Ecken wecken Sympathie für die sonst eher farblose Gegend. Auch der ein oder andere Balkon entlockt mit Hexenfiguren und Zwergen ein Lächeln. Individualität ist doch etwas Schönes.
Ich bewege mich in Richtung Eisenbahnstraße und verweile für einen kurzen Moment, als ich jemanden Jazz spielen höre. Das Klavier könnte mal wieder gestimmt werden, denke ich und gehe weiter.

Die Sonne drückt nur so auf mich herab und schrecklich durstig lande ich in einem internationalen Lebensmittelgeschäft. Eine verführerisch rote Melone hat es mir angetan; ich schleppe sie umständlich zur Kasse. Der türkische Verkäufer rundet den Preis ab, verpackt sie in zwei dunkelblaue Plastiktüten und wünscht mir einen schönen Tag. Nett, denke ich und schlendere in die Parallelstraße. Hier, in der Ludwigstraße, zeigt sich schon wieder ein ganz anderes Volkmarsdorf. Häuser aus der Gründerzeit, jedes auf seine Art faszinierend, buhlen um meine Blicke. Eines ganz besonders – an der Tür steht geschrieben: „Lasst uns realistisch sein, versuchen wir das Unmögliche.“ Ach Volkmarsdorf – nun übertreib‘ mal nicht.

Mit freundlicher Unterstützung der LWB.

Transparenz: An dieser Stelle veröffentlicht weiter regelmäßig die Artikelserie „Stadtteilportrait“. Wir erzählen hier Geschichten aus Leipzigs bekannteren und vor allem unbekannteren Ecken.
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Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: 21. Ausgabe, 13.08.2010, Geschichten

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