Die Säulen der Gemeinschaft

In dieser Woche begann Ramadan, der islamische Fastenmonat. Ein Anlass, um zwei muslimische Paare vorzustellen, die mit Nahrung und Sprache wichtige Infrastruktur liefern, nicht nur für die muslimische Community: die Miladis und die Sabers.

Von Dirk Stascheit und Ismene Laraki

Wer raucht, verfeuert sein Geld. Das könnte von meiner Mutter sein, gesagt hat es aber Frau Miladi, als ich sie während des Fototermins frage, wo ich denn um die Ecke schnell Zigaretten kaufen kann.
Frau Miladi kommt aus Merseburg, wuchs in der DDR auf. Sie verachtet Alkohol, Zigaretten, und ganz besonders Schweinefleisch, also die eiserne Dreifaltigkeit des Merseburger Lifestyle. Das tut sie aber zunächst, weil sie gläubige Muslimin ist.

Dabei betreibt Frau Miladi eine Fleischerei. Besser gesagt, eine Halal-Fleischerei. Mit ihrem Mann, einem Marokkaner. Sie verkaufen auch Gemüse, unfassbar viele verschiedene Feta-Sorten und Gewürze. Aber die Fleischtheke im Eingangsbereich des Geschäftes auf der Karl-Heine-Straße bestimmt den Laden. Und dieses Fleisch hat es in sich. Lamm, Rumpsteaks, selbstgemachte Merguez (http://bit.ly/c8XXvo). Dinge, die nicht jeder Fleischer noch im Angebot hat. Auch, weil Schweinefleisch billiger ist. T-Bones, Rinderfilet. Lamm. Schnitzel, wie es sich für die Wiener Originalvariante gehört, aus der Kalbsoberschale. „Wir sind halt nicht billig. Wir verkaufen nur das, was wir selber auch essen würden. Wir haben vor zehn Jahren angefangen. Mit nichts, wir waren arm. Aber auch zu dieser Zeit haben wir zwar nur wenig gekauft, aber dafür immer Gutes, Qualität.“

Schweine, so Frau Miladi, fressen alles. Sogar Ratten. Und deshalb verbietet der Koran den Gläubigen, Schweinefleisch zu essen. Ein Kunde habe mal erzählt, sagt Frau Miladi, wenn Menschen ihr Leben lang Schweinefleisch essen, dann sehen sie irgendwann auch so aus. Da fielen ihr dann Menschen aus ihrer Verwandtschaft ein – dünne Stelzenbeine, umfangreicher Torso, Ranzen dran, kein Hals, großer Kopf, dünne Arme, zählt Frau Miladi auf. Man weiß nicht, ob da wirklich was dran ist. Witzig klingt es jedenfalls.

Das Blut anderer, erlaubter Tiere, ist auch verboten. Denn dort sammele sich das Schlechte an – Infektionen, Keime, Giftstoffe. Deshalb ist das Fleisch, das die Miladis verkaufen, geschächtet. Weil das nicht jeder darf, man sowohl veterinärmedizinisch als auch religiös zugelassen sein muss, beziehen die Miladis ihr Fleisch aus Berlin.

Schächten, sagen Kritiker, sei nicht besonders tierfreundlich. Jedoch zeigte sich in einer Untersuchung der Tierärztlichen Hochschule Hannover 1978 keine Veränderung der Hirnströme nach dem einzigen sauberen Schnitt, der nur mit einem rasiermesserscharfen, schartenfreien Messer geführt werden darf. Beim Töten durch ein Bolzenschutzgerät hatte das EEG dagegen deutliche Schmerzreize gezeigt.

Wie auch immer – nach geltender Rechtslage ist das Schächten nur mit Ausnahmegenehmigungen erlaubt, um Muslimen und Juden die Ausübung ihrer jeweiligen Religion zu ermöglichen.

Beim Schächten blutet das Tier sofort aus, sagt Frau Miladi. Damit ist das Fleisch sauber, wie es im Koran steht. Und auch im Kaschrut, dem Pflichtenheft für koscheres Kochen. Den Kunden mag gar nicht interessieren, was sie davon halte, sagt Frau Miladi. Aber sie schätzt, dass das Fleisch nicht mehr so viel Flüssigkeit enthält. Dass man es länger lagern kann. Rindfleisch muss ja auch reifen, sagt sie. Und es sei weniger zäh, weil keine Stresshormone ins Fleisch gelangen.
Nur etwa 20 Prozent ihrer Kunden ernähren sich Halal, schätzt Frau Miladi. Sie macht uns einen Tee, erzählt etwas über sich. Ihr Vater kommt aus dem Jemen, sie kennt ihn aber nicht.

Sie ist mit Redouane Miladi, ihrem Mann, seit fast 20 Jahren zusammen, 18 Jahre verheiratet. Sie haben Kinder, eine Tochter und einen kleinen Sohn.
Angefangen hatten die beiden mit einem Dönerladen. Dort, wo jetzt der Lindenauer Markt ist, nahe der Zschocherschen Straße. Nebenbei verkauften sie in diesem Laden auch einige Lebensmittel, marrokanische Ware. Stellten bald ein Ikea-Regal mehr dazu. Und mieteten dann irgendwann die ganze Ladenfläche des Mietshauses. Dadurch wurde auch die Miete günstiger. Von seinem Vater weiß Redouane Miladi, wie man mit Fleisch umgeht.

Redouane kam als Tourist nach Deutschland, weil er Bayern München liebt. In Turin und in Frankreich hätte er Familie gehabt – hier war er allein. Zunächst war er in Frankfurt. Kam dann mit einem Freund nach Leipzig, lernte seine spätere Frau kennen. Sprach aber kaum Deutsch.

„Mein Mann hat sich gut integriert, wie man das erwartet. Er hat er so gut Deutsch gelernt“, erzählt sie. Das Manko: Sie spricht kaum Arabisch. Wenn man ganze Familienverbünde hat, so Frau Miladi, können die sich ja auch ohne Deutsch verständigen. Das sei aber in Frankfurt, Düsseldorf und Berlin eher der Fall als in Leipzig. Hier gebe es wenige Menschen marokkanischer Herkunft, die Miladis kennen eher Libanesen, auch Syrer, teils Palästinenser. Auch viele Algerier lebten in Leipzig.

Damit ihr Sohn in der deutschen und der arabischen Sprache zu Hause ist, geht er auf eine private Grundschule, wo auch arabisch gelehrt wird.

Das lehren auch die Sabers.

Die Sabers sind Pädagogen, Germanisten, sie stammen aus Ägypten. Herr Saber, 35 Jahre alt, hat in Kairo Pädagogik und Germanistik studiert. War Reiseleiter. Er ist seit zehn Jahren in Deutschland, seit drei Jahren in Leipzig. War Dolmetscher, Dozent, Arabischlehrer. Gerade studiert er an der Universität Leipzig Konferenzdolmetschen. Nebenher macht er eine Weiterbildung, um auch in Deutschland als Lehrer arbeiten zu können. Seine Frau und er unterrichten auch Arabisch und Deutsch an der Volkshochschule.

Drei Gruppen, Erwachsene und Kinder, lernen in der Zamzam-Sprachschule arabisch. Davon zwei Gruppen Kinder, zur Zeit 13. Zwei Lehrer pro Gruppe wollen individuell fördern, binnendifferenziert. In der Dresdener Straße versammeln sich in einer einzigen Hausnummer etliche soziale Projekte. Darunter neben der Zamzam-Schule das Deutsch-Russische Hilfswerk, der Deutsch-Irakische Verein und das Zentrum für Europäische und orientalische Kultur.

Die Räumlichkeiten für den Unterricht mietet Zamzam meist von Vereinen, günstig bis kostenlos. Der Unterricht ist de facto kostenlos – eine Aufwandsgebühr deckt die Auslagen der Schule. Das ist besser als gratis, sagt Herr Saber, denn was kostenlos ist, werde ja meist auch gering geschätzt.

In der Zamzam-Schule unterrichten entweder Studenten oder hauptberufliche Lehrer, erzählt Herr Saber. Zamzam ist für sie Nebenberuf, Hobby. Die Zielgruppe sind die 5000 Muslime in Leipzig, da Arabisch ungeachtet etwaiger Landessprachen für alle Muslime von ritueller Bedeutung ist – unter anderem zum schieren Lesen des Koran. Hossam Saber kennt aber auch andere Ursachen. Etwa, wenn ein nicht-muslimischer Lebensgefährte mit seinem Partner auch in dessen Sprache sprechen möchte. Selbst beruflich kann es sich lohnen, arabisch zu beherrschen, so Herr Saber. Oder einfach aus Interesse.

Die Zielgruppe sind Kinder und Erwachsene, mit oder ohne Vorkenntnisse. Deshalb auch die verschiedenen Gruppen. Manche Kinder von Eltern mit Migrationshintergrund haben nie arabisch gelernt, und suchen nun ihre Wurzeln, auch in der Sprache. Herr Saber findet es wichtig, dass diese Kinder den kulturellen Hintergrund als etwas Positives begreifen können, als Vorteil. Das sei gut für das Selbstbewusstsein, aber auch ein kognitiver Gewinn – je früher Kinder eine zweite Sprache lernten, desto besser beherrschten sie sie später. Das persönliche Interesse von Herrn Saber an der Zweisprachigkeit kommt nicht von ungefähr – er möchte sein Kind zweisprachig aufwachsen sehen. Er sagt, die meisten Menschen auf der Welt wüchsen zweisprachig auf. Die einzige große Ausnahme: Europa.

Natürlich hat das Leben der Leipziger Muslime viel mehr Seiten. weiter aber leider nicht. Wir hoffen, zumindest zwei davon gut getroffen zu haben.

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: 21. Ausgabe, 13.08.2010, Dirk Stascheit, Geschichten

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