„Gehen Sie nicht mit jedem ins Bett!“

Friederike Rubart

Was für eine Frau! Friederike Rubart lebte zwei Leben: Zuerst das der braven Gattin in Hannover. Dann zog sie nach Leipzig und wurde zum Künstlervamp. Heute weiß sie, wie Männer ticken und warum 50-Jährige einfach die besseren Genießer sind. Und bringt sogar unsere Fotografin zum Erröten.


Ein Interview von Dirk Stascheit und Jonathan Fasel

Sie sind von Hannover nach Leipzig gekommen. Warum?
Ich sollte eigentlich Oma in Hannover spielen. Aber mit einem Enkelkind dort hätte ich ja nicht viel zu tun. Jedenfalls bin ich irgendwann mit meiner Tochter nach Leipzig zu einem Dreh gefahren – und da habe ich einen Historiker kennengelernt, der mir drei Tage lang Leipzig gezeigt hat. Ich bin in und um Dresden groß geworden. Als ich durch Leipzig ging, habe ich die Bürgersteige gesehen, die genauso waren, wie ich sie als Kind erlebt hatte. Da bin ich innerhalb von vier Wochen hierhin, habe mein Haus in Hannover aufgegeben. Und es nicht eine Sekunde bereut.

Und warum wollten Sie nicht nach Dresden zurück?
Das ist mir zu konservativ. Leipzig ist offener, ein urbanes Dorf, das hat ja auch mit der Geschichte hier zu tun.

In welches Viertel sind Sie zuerst gezogen?
Erstmal in die Sternsiedlung in Möckern. Da habe ich mich durchaus wohlgefühlt, aber nur weil ich Freunde hatte, die mich dort besuchten. Wir haben den Garten genossen, gegrillt und Krawall gemacht. Aber ansonsten würd ich da nicht hinziehen, da sind lauter Spießer.
Dann bin ich nach Lindenau gezogen. Das ist genau richtig für mich, denn da wohnen viele Künstler, junge Leute mit kleinen Kindern und viele Hunde. In unserem Haus sind allein sieben Katzen. Eine davon gehört mir, der Kater. Der ist der Vater von all den Katzen.

Welche Kater, also Männer, finden Sie spannend?
Die um 50. Ich war ja 50, als ich begonnen habe, zu ergründen, was in den Männern vor sich geht. Das ist 20 Jahre her und seit dieser Zeit bleiben mir die Männer um 50 erhalten, ich kenne gar keine älteren. Jüngere schon, die sich als meine Söhne empfinden, oder ihren Ödipus-Komplex mal wieder bearbeiten müssen (lacht).

Was macht einen guten Mann aus?
(Überlegt und zählt dann langsam auf) Beständigkeit. Hilfsbereitschaft. Schönheit, Ästhetik. Schönheit kommt ja von innen. Bei mir auch. Und wenn ein Mann alle diese Vorzüge hat, dann ist er automatisch schön.

Friederike Rubart 2

Frei Schnauze – Friederike Rubart nimmt ganz sicher kein Blatt vor den Mund. Deswegen haben wir das Gespräch mit ihr gesucht.
Foto: Karoline Maria Keybe

Sie erwähnten, der Mann entdecke mit 50, dass etwas in ihm vor sich geht. Was ist das?
Als junger Mann zählt in erster Linie die Arbeit und eventuell die Gründung einer Familie. Damit ist er ausgelastet. Voll. Er hat gar keine Zeit, sich über sich selbst Gedanken zu machen. Krankheit ist dann eigentlich oft der Knackpunkt. Mann kommt zur Besinnung. Kurz vor 50 erkrankt er zum ersten Mal richtig. Dann hat er Herzrhythmusstörungen oder ein Magengeschwür, Krebs oder er wird depressiv.

Was passiert dann?
Da beginnt er endlich, nachzudenken. Vorher kann eine Frau ja tausend Mal sagen: „Arbeite nicht so viel, ich will das Geld nicht, ich brauch das Geld nicht.“ So war es bei uns. Das kommt gar nicht in seinem Kopf an. Aber dann kriegt er seinen Knacks. Genauso intensiv, wie er vorher gearbeitet hat, denkt er jetzt nach. Über sich. Über seine Umstände. Wer ihn da reingeritten hat. Er nämlich selbst!

Worin unterscheiden sich die Männer um die 50 von den Männern um die 30?
Man kann das nicht verallgemeinern. Manch ein Mann ist mit 35 schon 50. Mancher eben mit 85 immer noch nicht. Und wird es auch nie. Er hat es einfach verpasst – verpasstes Leben!

Wenn man nur die Sachen raussucht, die einem wirklich Spaß machen und auf die man Lust hat, ist das schon eine Art von Lebenserfüllung?
Ja. Aber wie viele der Männer studieren etwas? Am Ende haben sie dann insgesamt praktisch zwanzig Jahre auf der Schulbank gesessen. Anschließend üben sie diesen Beruf auch noch aus. Und das finde ich nicht gut, das ist zu einseitig. Man muss nach einiger Zeit was Neues machen. Und wenn man tausend Mal seinen Arbeitsplatz verliert. Scheißegal! Man findet schon etwas. Und wenn ich vorübergehend Brötchen backe. Aber den Mut hat ja kaum jemand.

Warum lernen Sie keine Siebzigjährigen kennen?
Die trauen sich nicht mehr. Die sind in der Ehe vertrocknet, gucken zwar nach den jungen Mädels, aber das war‘s dann auch. Manchmal trifft man natürlich Ausnahmen. Wenn Sie jetzt an Picasso denken … so einen würde ich auch genießen.

Männer in Leipzig sind häufiger arbeitslos als Frauen, vor allem die Männer ab 50.
Das ist aber nicht die Schuld der Männer. Das ist die Schuld der Gesellschaft und denen da oben, die das Sagen haben. Und die der Wirtschaft. Wie kann ich zu einem fünfzigjährigen Mann sagen, er habe ausgedient? Der fängt erst an! Der hat nämlich Lebenserfahrung und der weiß, wie es läuft. Diese Männer sind so wertvoll. Und die setzen die auf die Straße! Das ist doch sowas von bescheuert. Ich muss doch dankbar sein für einen Menschen, der mir hilft, der was weiß und was kann und der auch die nötige Arbeitsbereitschaft hat. Der kniet sich doch rein in seine Arbeit.

Was macht denn ganz speziell den Leipziger Mann um die 50 aus?
Humor!

Welche Art von Humor?
Die haben das irgendwie aus der Not heraus in sich. Die waren damals zu DDR-Zeiten doch recht beschränkt gehalten von der Regierung und da sind sie auch Umwege gegangen.

Die denken um die Ecke?
Ja, und das tun sie auch im Gespräch. Das find ich toll.

Was ist mit Leuten, die nur einen Teil ihres Lebens in der DDR verbracht haben? Geht dieser Humor dann verloren?
Diese Leute haben ja dann in den letzten 20 Jahren in der teilweise vorhandenen DDR-Mentalität noch gelebt.

Das überträgt sich?
Ja, in jedem Fall.


Sie waren schonmal in der Psychiatrie. Wie war das für Sie?

Das ist ja sogar eine Auszeichnung! Ich kenne das ja und ich weiß, was da für Menschen sind. Besonders die waren alle da, die wirklich was geworden sind. So wie Van Gogh etwa. Und wenn‘s nur Lebenskünstler sind. Ich hab selten soviel gelacht wie in der Psychatrie.

Darf man fragen, weswegen Sie dort waren?
Weil ich manisch war. Weil ich aus einer dicken Scheiße raus kam und mich darüber gefreut habe wie ein kleines Kind – deshalb war ich manisch.
Mein Mann war Arzt, hat viel Geld verdient. Und ich habe das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster geschmissen. In der Ehe und auch danach. Er hat mir ja viel hinterlassen. Ich habe aber auch alle meine Kinder studieren lassen und unterstütze sie heute noch zum Teil. Mein Sohn, der ist gelernter Bootsbauer, aber jetzt ist er, na wie heißt das? Diese Skulpteure, Künstler …

Bildhauer?
Bildhauer! Der muss natürlich erstmal bekannt werden – und währenddessen trotzdem seine Familie mit zwei kleinen Kindern ernähren.

Sie reden dauernd über Männer. Was stört sie an Frauen?
Die jungen Frauen sind nicht schlecht, die mag ich sehr.

Warum?
Weil die noch ursprünglich sind. Die sind noch dem Kinde so nahe. Während wenn die Frau dann älter wird, 40, 50, 60 … unmöglich!

Welchen Tipp haben Sie denn für junge Frauen?
Haben Sie platonische Beziehungen. Gehen Sie mit den Männern nicht ins Bett. Ich habe einen tollen Satz gelesen: Die größte Liebe ist die unerfüllte. Naja, ab und zu muss man sich auch das mal erfüllen, das ist ja nun klar. Aber Sie können ja nicht mit jedem.

Unsere Fotografin wird rot. Röter, als ich sie jemals gesehen habe …

Was finden Sie an unerfüllter Liebe so spannend?
Das ist eine ewige Erotik. Bloße Erotik ist auch eine Erfüllung. Wo ist die Grenze? Liebe ist das Schönste, was es gibt.

Jetzt beschreiben Sie aber, wie es perfekt ist, und nicht, wie es sich gestaltet. Denken Sie, man kann es definieren?
Dass man einfach mit einem Menschen des anderen Geschlechts wahnsinnig gern zusammen ist. Ob der neben einem auf dem Stuhl sitzt oder neben einem im Bett liegt, spielt eigentlich keine Rolle. Die Chemie stimmt.

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Nachdem mein Mann gestorben war, da lagen mal so ein paar Zettel auf dem Tisch mit einem Bleistift drauf. Ich habe  einfach losgeschrieben. Dann hab ich das meinem Sohn neben den Frühstücksteller gelegt und an seinem Gesicht konnte ich ablesen, was er denkt, und wie ihm das gerade gefällt oder nicht gefällt. Nachdenklich oder grinsend, wie Männer so sind. Die reden ja nicht viel. Das ist eigentlich schade. Dabei kann man sich mit Männern wunderbar unterhalten.

Wie läuft es gerade bei Ihnen?
Letztes Wochenende habe ich mich einfach ins Auto gesetzt, um zu meinen drei Enkeln zu fahren. Ganz vieles hat dann nicht geklappt. Ich hatte auch plötzlich kein Geld, kein Benzin und das Auto sprang nicht an. Die Nacht hab ich im Auto auf dem Parkplatz verbracht. Aber die Medaille hat ja immer zwei Seiten. Ich habe Sachen erlebt auf der Reise, die erleben andere in fünfzig Jahren nicht.

Zum Beispiel?
Ich habe einen ganz tollen Mann kennen gelernt, einen Ungar, der in der Schweiz lebt. Der hat mir geholfen, als mein Auto nicht ansprang. Er hat unendlich viel Zeit da reininvestiert und ist einfach nicht weg gegangen. Am Schluss hat er mich gefragt, ob ich etwas zu schreiben hätte, damit er mir seine Handynummer geben könne. Und wenn ich mal in die Schweiz komme, soll ich ihn unbedingt anrufen. Er wollte unbedingt Kontakt halten. Am nächsten Abend rief er schon an! Das ist doch ein Mann, oder? Der hat halt den Mut.

Hat er denn richtig oder falsch gehandelt?
Er hat es richtig gemacht. Ich habe mich gefreut.

Wartet man nicht einen Tag, bevor man sich meldet?
Ach Sie! Das will vielleicht die Gesellschaft (lacht).

Veröffentlicht unter: 20. Ausgabe, 30.07.2010, Dirk Stascheit, Gespräche, Jonathan Fasel · Etiketten: , , , ,

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