Sozialstunden statt Sommerferien

Kommen Jugendliche mit dem Gesetz in Konflikt, dann sind Arbeitsstunden ein gern verschriebenes Mittel. Schrubber und Schwamm können zu waschechten Objekten der Läuterung werden – vorausgesetzt, die Jugendlichen nehmen die Aufgabe an.
Zum Beispiel bei den Hausmeistern der LWB in Grünau.

Von Cäcilia Schallwig

Es ist kurz nach sieben Uhr morgens im Büro der LWB-Hausmeister in der Stuttgarter Allee. Die drei angestellten Männer, die anonym bleiben wollen, beginnen ihren Arbeitstag mit Kaffee, der schwarz ist wie die Nacht, aus der eben die ersten warmen Sonnenstrahlen verheißungsvoll kriechen, um durch die Plattenbausiedlung zu scheinen. Für Schüler eigentlich der perfekte Schwimmbadtag, schließlich sind ja Sommerferien. Nicht aber für Marcel*. Er soll heute unter Aufsicht des Hausmeisterservice der LWB fünf seiner Sozialstunden im Wohnblock 7 ableisten.

„Die Aufgaben beschränken sich bei uns auf einfache Reinigungsdienste wie Unrat aufsammeln und Schmierereien an Wänden und Aufzügen entfernen. Im Winter können sie Schnee schippen“, erklären die Hausmeister. Seit 2003 regelt ein Vertrag zwischen der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft und der Jugendsozialhilfe die gezielte Ableistung von Sozial-
stunden.

Jedes Jahr arbeiten etwa 30 bis 35 Jugendliche beim Hausmeisterservice ihre auferlegten Stunden ab. Als kommunales Unternehmen sieht sich die LWB in der Pflicht, für soziale Tätigkeiten Angebote zu schaffen. Ganz nebenbei wird so das Wohngebiet sauber gehalten. Allzuviel Technik wird dabei vermieden: Manch einer sei schon mit einer Kehrschaufel überfordert, schmunzeln die drei überm Kaffeebecher. Mittlerweile ist es halb acht –
und Marcel ist immer noch nicht da.

Wie Marcel kommen laut Jugendamt ungefähr 3000 Jugendliche pro Jahr in Leipzig mit dem Gesetz in Konflikt. Sozialstunden werden aber meist nur bei kleineren Delikten wie Sachbeschädigung, zum Beispiel durch Graffiti, oder bei wiederholtem Schwarzfahren vergeben. So kann man Geld- oder Bewährungsstrafen zunächst vermeiden.

Der Stadtbezirk West, zu dem Grünau zählt, weist mit 13 Prozent den höchsten Anteil jugendlicher Kriminalität auf und liegt damit auch deutlich über dem Leipziger Durchschnitt. Viele, die ihre Arbeitsstunden bei den Hausmeistern im Viertel ableisten, wohnen auch hier. Die eigenen Sudeleien an Hauswänden werden so teils selbst getilgt. Eigentlich eine Chance, etwas wieder gut zu machen. Viele schämen sich aber eher, von den Nachbarn gesehen zu werden. Dieser Aspekt klinge vielleicht präventiv, sei jedoch ein eher fragwürdiger Nebeneffekt, so die Meinung der Hausmeister. Das Gericht stellt den Jugendlichen zumindest frei, wo sie ihren Dienst ableisten. Beim zweiten Kaffee kommt Marcel dann doch noch.
„Lieber Graffiti wegmachen als Gefängnis“
Der 14-Jährige geht in die achte Klasse einer Leipziger Mittelschule. Er weiß, dass er durchhalten muss. Die Ableistung seiner insgesamt 20 Sozialstunden, die von einem Jugendhelfer betreut werden, gehört zu seinen Bewährungsauflagen.

So unschuldig der sommersprossige Junge auch wirkt, seine Vorstrafen sind es nicht. Sachbeschädigung, Diebstahl und Körperverletzung zählt der in Grünau aufgewachsene Junge auf. Als man ihn zuletzt wieder beim Graffiti sprayen erwischte, drohten ihm ernsthaft unangenehme Konsequenzen. Die Wahl zwischen Jugendhaft und Sozialstunden fiel Marcel dementsprechend leicht.

Die drei Hausmeister sehen die Arbeitsstunden der ihnen anvertrauten Jungen und Mädchen als gewinnbringend. Viele würden ihre Strafe durchaus ernst nehmen. Selbstverständlich ist die Arbeit der drei Männer nicht, denn für sie bedeutet die Betreuung Mehrarbeit, die auch ein hohes Maß an Verständnis abverlangt. Viele Jugendliche reagierten dankbar darauf und hielten sich an die von ihnen geforderte Disziplin. „Einer wollte sogar ein Praktikum bei uns machen“, so die Hausmeister weiter. „Für sie kann es eine positive neue Erfahrung sein, ihren Tag zu strukturieren und ihn sinnvoll zu füllen. Es gibt aber auch einige, die weniger standhaft sind.“

Marcel will seine Arbeit in den kommenden Tagen gut machen. Seine Strafe empfindet er als angemessen. Peinlich ist ihm das Müll aufklauben im eigenen Wohnviertel allerdings nicht, meint er. Die anderen Kumpels täten das ja schließlich hin und wieder auch.

*Name geändert

Veröffentlicht unter: 19. Ausgabe, 16.07.2010

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