Erleuchter zur Untermiete

Die Scientology-Kirche will die Finger offenbar nicht von Leipzig lassen. Aufklärende Vereine machen es der Organisation zwar schwer, neue Mitglieder zu werben. Trotzdem gelang es einem Scientology-nahen Verein, eine Ausstellung am Brühl zu organisieren. Trotz vorangegangener Warnung verhielten sich einige Akteure erschreckend naiv.

Von Jan Kröger, Dirk Stascheit und Maria Althaus

Vor Ort
Von gegenüber weht der Staub der abgerissenen Blechbüchse. Das Erdgeschoss am Brühl 8 steht eine Weile leer. Über dem Eingang hängt noch weiß auf rot der Schriftzug „Schuh Boulevard“. Nun ist er verdeckt durch ein großes Banner: „Psychiatrie: Tod statt Hilfe“.
Das Erdgeschoss steht für ein paar Tage nicht mehr leer, im Gegenteil: Es ist zugestellt mit bunten Schautafeln und Fernsehern, die unaufhörlich ihre Filme abspielen. Dazu kommen die Stimmen der 30, 40 Besucher, und dieses Durcheinander bildet eine eigenartige Geräuschkulisse. Erster Eindruck: Reizüberflutung. Kein schlechter erster Eindruck, wie sich zeigen soll.

Gesichtskontrolle
Bevor es losgeht, fragt ein junges Mädchen, selbst vielleicht gerade 20, ob man denn über 18 sei. „Achtung: Diese Ausstellung beinhaltet erschütterndes Bildmaterial und ist nicht für Kinder geeignet“ – so stand es ja schon auf dem Flyer. Einer ihrer Kollegen trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Psychiatrie tötet!“ spazieren. Ein weiterer stellt zwischendurch eine
Videokamera auf und filmt, wie andere Leute Gefilmtes anschauen.

Eine Woche lang war die Ausstellung „Psychiatrie: Tod statt Hilfe“ am Brühl geöffnet  –
zeitgleich zum Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie auf der Neuen Messe. Verantwortlich für die Ausstellung: die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM), ein eingetragener Verein, 1972 in München gegründet. Sein Hintergrund ist schnell erklärt: Die KVPM ist der deutsche Ableger der Citizens Commission on Human Rights (CCHR) in den USA, und beide Organisationen gelten als Seitenarm von Scientology. Die Verbindungen in die USA sind eng: Jene Schautafeln, die nun in Leipzig zu sehen waren, stehen im englischen Original im Museum „Psychiatry: An Industry of Death“, Adresse: Sunset Boulevard, Hollywood.

Gegen seinen Willen
Nun also Schuh Boulevard, Leipzig. Bis zu 2000 Besucher sind nach KVPM-Angaben in die Ausstellung gekommen. Doch was sie zu sehen bekamen, war weniger interessant aus medizinischer Sicht. Es war vielmehr ein Beispiel dafür, wie durch die Auswahl bestimmter Fakten und das Weglassen anderer ein manipulierter Eindruck entsteht. Schließlich bietet die Psychiatrie genügend Angriffsflächen: In einem der gezeigten Filme berichtet eine Mutter unter Tränen davon, wie ihr Sohn im Krankenhaus gegen seinen Willen ans Bett gefesselt wurde.

Doch immer wieder zieht sich die Ausstellung selbst ins Absurde – etwa wenn sie die Psychiatrie zum Schuldigen an Marilyn Monroes Selbstmord erklärt. Über das Werk des Leipziger Psychologie-Begründers Wilhelm Wundt (1832-1920) streiten Fachleute bis heute, doch mit der Schlussfolgerung, Wundt habe den „Grundstein für den Nationalsozialismus“ gelegt, steht die Ausstellung ziemlich allein da.

Unbemerkt
Sie haben es nicht gemerkt. Nicht der Vermieter, nicht die LVZ, nicht die Werber. Und zumindest Teilen der Stadtverwaltung werfen Experten vor, nicht bewusst genug gehandelt zu haben. Wie ist das passiert?

Offenbar um dem Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie  in Leipzig etwas entgegenzusetzen, mieteten Mitglieder der KVPM  bei Klaus-Dieter Schwarz dessen Ladenfläche am Brühl für ein paar Tage. Der beschwerte sich nach Bekanntwerden zwar via BILD: „Die Sekte hat mich ausgetrickst!“ (http://bit.ly/w19scient2). Allerdings hätte eine kurze Internetrecherche ihm Klarheit gebracht.

Recherche?
Aber nicht nur der Vermieter, auch die Lokalredakteure der LVZ witterten offenbar nichts, als die freundlichen Menschenrechtler ihnen eine Pressemitteilung zustellten, die sie prompt ohne Einordnung veröffentlichten (LVZ, Seite 18, Ausgabe vom 28. Juni).

„Damit hat sie (LVZ, Anm. d. Red.) gegen die journalistische Sorgfaltspflicht verstoßen“, sagt Sektenkennerin Solveig Prass. Die Pressemitteilung gegen die Ausstellung seitens der Elterninitiative hingegen blieb unveröffentlicht.

„Die Panne der LVZ zeigt eindeutig, dass es immer noch nötig ist, über Scientology aufzuklären“, so der Sektenbeauftagte der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, Harald Lamprecht. Er warnt aber vor Überdramatisierung.  „Denn das spielt den Scientologen in die Hände. Sie sagen dann nämlich ,Nun schaut doch mal, das stimmt doch alles gar nicht, was da steht! Wir sind doch gar nicht so schlimm!‘“

Auch über andere Wege wurde „Psychiatrie – Tod statt Hilfe“ in Leipzig beworben. Der Werbedienstleister Addmission hat einige Plakatwerbeflächen an die Kommission für Verstöße in der Psychiatrie gegen Menschenrechte vermietet. Geschäftsführer Akki Notbohm erklärte dazu: „Die KVPM ist eine legale Organisation. Darum hatten wir keine Bedenken, die Plakate auszustellen. Wir haben uns an den Kodex des Fachverbandes für Außenwerbung gehalten.“
Angenommen, sie haben sich nicht bewusst auf einen Scientology-Ableger eingelassen: Dann ist das Desinteresse gegenüber den möglichen Motiven anderer offenbar recht ausgeprägt.

Denn die Leipziger Internet-Zeitung hatte schon im Mai gewarnt, was passieren würde (http://bit.ly/w19scient). Der Oberbürgermeister und der Jugendamtsleiter seien informiert, schrieb damals Caroline Kieke. Die Verwaltung habe zu schnell die Genehmigung erteilt, dass die KVPM auch noch Handzettel verteilen durfte, so die anerkannte Leipziger Sektenexpertin Solveig Prass. Sie selbst war nach eigener Aussage mehrfach in der Ausstellung und sah einige Jugendliche. „Die hätten eigentlich gar nicht da sein dürfen.“ Sie habe daraufhin beim Ordnungsamt nachgefragt. Dort habe es geheißen, die KVPM habe sich an die Bestimmungen gehalten.

Immerhin betont Peter Krutsch, Pressesprecher der Stadt Leipzig: „Wir halten die Ausstellung für fachlich nicht gut gemacht. Sie verwirrt mehr als sie aufklärt. Wir raten den Leipzigern davon ab.“
„Mit der Ausstellung wollte Scientology Stärke und Präsenz zeigen“, sagt Solveig Prass. „Die Stadt hätte dagegen vorgehen können, da dort eine Berufsgruppe geschmäht wurde.“

Welche Rolle spielt Scientology in Sachsen?
Die Frage sei nicht einfach zu beantworten, meint der evangelische Theologe Harald Lamprecht. Einerseits sei Scientology eine sehr gefährliche Organisation, die man weiterhin beobachten müsse. Andererseits könne man für Sachsen dennoch  eine gewisse Entwarnung geben, weil der Einfluss hier bislang begrenzt sei.

Zwar habe es kurz nach der Wende eine Adresse in Dresden gegeben, hinter der Eingeweihte eine Scientology-Niederlassung vermuteten. Die gäbe es aber schon lange nicht mehr. Die werbenden Aktivitäten erfolgten von Berlin aus, so der Sektenbeauftrage.

Einzig Zwickau hatte einen richtigen Scientology-Skandal. Hier hatte ein schillernder
Bauunternehmer in den Neunzigern etliche Gründerzeithäuser erstanden und renoviert, und einige davon als Steuersparmodelle verkauft. Interessanterweise auch an den damaligen Gießener Anwalt Volker Bouffier, der in diesen Tagen Ministerpräsident des Landes Hessens wird. Irgendwann, als die Gerüchte offenbar zu laut wurden, kommunizierte der Unternehmer der Öffentlichkeit seine Scientology-Mitgliedschaft. Im Jahr 2000 zog er sich angeblich aus dem Zwickauer Geschäftsleben zurück (die Freie Presse sah das damals anders: http://bit.ly/w19scient4), und auch Bouffier war ob der Beziehungen seines Immobilienentwicklers not amused, man stritt sich kurzzeitig sogar vor Gericht.

Der zweite, kleinere Scientology-„Skandal“ spielte in Dresden und Brüssel. Der Theologe, Historiker (und diplomierte Psychologe) Gerhard Besier, seinerzeit Chef des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, hatte 2003 bei einer Rede in der Brüsseler Scientology-Vertretung der Organisation ans Revers geredet, sie stünde „in der ersten Reihe derjenigen, die für die Akzeptanz von religiösem Pluralismus kämpfen“. 2008 lief sein Vertrag aus und wurde nicht verlängert.

Beobachtet
Der Verfassungsschutz schreibt von bundesweit „stagnierenden Mitgliederzahlen“. Behält die „wenigen Dutzend“ Sachsen-Scientologen dennoch im Auge (http://bit.ly/w19scient3). Zwar hat Scientology keine offizielle Repräsentanz in Sachsen. Das kann sich aber laut der Vizepräsidentin von Scientology Deutschland, Sabine Weber, durchaus ändern. „Es ist denkbar, dass wir bald eine Mission in Sachsen gründen. Wann, können wir noch nicht festlegen. Aber sicherlich in Leipzig oder Dresden.“

Solveig Prass will das verhindern, indem sie die Städte und deren Bürger sensibilisiert und warnt. „Gäbe es mich nicht, hätte Scientology schon eine Mission in Leipzig gegründet.“

Sekte?
Dr. Harald Lamprecht, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, über Scientology

„Heute haben wir keine gesellschaftlich anerkannte, religiöse Wahrheit mehr. Folglich ist der Begriff Sekte nicht mehr umgangssprachlich religiös definiert, sondern ethisch. Es geht darum, wie die Gruppe mit ihren Mitgliedern umgeht, ob sie die in Freiheit führt oder in Abhängigkeit, ob sie tolerant ist und solche Dinge. Ich beobachte, dass in vielen Köpfen das Wort ,Scientology‘ ein Synonym für Sekte geworden ist. Wenn ich sage ,Das ist nicht Scientology!‘ muss ich aufpassen, dass nicht einige sagen: ,Ach, das ist ja gut, dann kann ich da hingehen!‘

(…)

Meiner Meinung nach bietet Scientology sich als psychologischer Dienstleister mit überzogenen Preisen und politischen Herrschaftsabsichten an. Das gefährlichste daran ist das Menschenbild, die Unterscheidungen zwischen Entwicklungsfähigen und anderen, den Bösen. Das ist ein ganz simples Schwarz-Weiß-Modell. In den Scientology-Handbüchern wird behauptet, dass es einen Menschentyp gibt, der die anderen unterdrückt, sodass es ihnen nicht so gut geht, wie es könnte. Man schreibt, dass wenn man es schaffen würde, diese Menschen zu isolieren, wie man Pockenkranke isoliert, es der Menschheit besser gehen würde. Das ist ein Bild, wenn man das Ernst nimmt, dann sind die nächsten Konzentrationslager vorgezeichnet. Deshalb finde ich es berechtigt und wichtig, dass unsere demokratischen Organisationen wachsam sind, also auch der Verfassungsschutz sie beobachtet.

(…)

Das ist sehr technisiert, da geht es nicht um Fragen der letzten Dinge, es ist eine Dienstleistung für Geld. Das hat mit Religion wenig zu tun. Es gibt eine große PR-Abteilung, die herum eine religiöse Fassade baut. Dienstkleidung der Geistlichen, das symbolische Kreuz, alles um Ähnlichkeiten mit christlichen Kirchen zu suggerieren. Gründer Hubbard hat gesagt: ,Gebt euch Mühe als Religion anerkannt zu werden, dann steht ihr gut da.‘“

Veröffentlicht unter: 19. Ausgabe, 16.07.2010, Dirk Stascheit, Jan Kröger

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