„Der schon wieder“

Ein Schwarzwälder in Dunkeldeutschland – so würden ihn wahrscheinlich einige seiner alten Weggefährten aus Westdeutschland sehen. Niels Gormsen ist aber so wenig Schwarzwälder wie der Osten Dunkeldeutschland. Der 82-Jährige war Leipziger Stadtbaurat. Und kämpft heute noch für bessere Stadtentwicklung.

Das Gespräch führten Dirk Stascheit, Jan Kröger und Jonathan Fasel

Herr Gormsen, warum regen sich bei Baumaßnahmen die Menschen meist erst auf, wenn alles zu spät ist?
Weil sie nicht davon erfahren. Waren Sie schon mal in der vierten Etage des Rathauses?

Nein, tatsächlich nicht.
Sehen sie. Dort werden die Pläne der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, man kann hingehen, und die Bediensteten sind sehr freundlich und zeigen alles. Aber bis man dort hinauffindet … Das tut praktisch niemand, auch Architekten selten.
Wenn die Pläne ausliegen, geht keiner hin. Wenn nachher was gebaut wird, was beschissen aussieht, regen sich alle auf.

Wie sollte es denn sein?
Das Baugesetzbuch schreibt eine Bürgerbeteiligung vor. Die Öffentlichkeit in einem ganz frühen Stadium zu beteiligen – und ganz breit –, das wird aber eigentlich nicht gemacht. Das widerspricht dem Wortlaut des Gesetzes. Da steht: ,Frühzeitig soll der Bevölkerung die Absicht, einen Plan aufzustellen, erläutert werden; und es soll ihr Gelegenheit zur Erörterung gegeben werden.‘ In aller Regel stimmt man im Stadtplanungsamt erst einmal verwaltungsintern alles ab. Nun hat man einen Plan, der aber nicht mehr in einem frühen Stadium ist. Der ist schon verfestigt. Anschließend werden die Pläne dann im Amtsblatt veröffentlicht, mit etwas Glück auch in einer Randspalte der LVZ. Und eben im Neuen Rathaus ausgelegt, in der erwähnten vierten Etage.

Ist das Absicht? Je leiser man informiert, desto weniger Widerworte?
Naja, ich denke, das ist eher ein Problem öffentlicher Verwaltungen. Ich war drin, hab versucht, andere Methoden der Öffentlichkeitsbeteiligung zu finden.
Laut Baugesetz kann jedermann seine Bedenken vorbringen. Das gibt es sonst nirgends. Aber die Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, sind den Bürgern nicht bekannt.

Niels Gormsen ist ein großer Mann, wörtlich gemeint. Er bewegt sich gemächlich und nachdenklich, so wie jeder seiner Sätze ruhig und schwer daherkommt. Dazwischen: Lachen. Niels Gormsen ist offenbar ein ernster, aber fröhlicher Mensch.

Sie stammen aus Baden-Württemberg, waren in zwei Kommunen für die Stadtentwicklung zuständig. Was brachte Sie nach Leipzig?
Fast 15 Jahre war ich Baubürgermeister in Mannheim. Der Grund, weswegen man mich damals dorthin geholt hatte: Ich besaß kein Parteibuch. In Mannheim suchte man noch einen parteilosen Baubürgermeister, um dem Proporz im Stadtrat gerecht zu werden. Genau das wurde mir dann aber nach der zweiten Wahlperiode zum Verhängnis: Die Mehrheitsverhältnisse änderten sich und ich musste gehen.
Das war kurz vor der Wende, 1988. Keine zwei Jahre später kam dann der damalige Leipziger Oberbürgermeister Grube auf mich zu: Ob ich mir das nicht vorstellen könnte. Leipzig ist noch einmal doppelt so groß wie Mannheim. Für mich war das die Krönung meiner Karriere.

Ab 1990 waren Sie für fünf Jahre Stadtbaurat, anschließend Südraumbeauftragter. Dann kam die Rente. Warum sind Sie geblieben?
Leipzig ist immer noch eine spannende Stadt, die sich entwickelt. Und mein Bleiben hat auch ganz pragmatische Gründe: Ich bin hier in rund 40 Vereinen aktiv – bis hin zum Jazzclub. Das möchte ich nicht aufgeben.

Sie haben sich nie wirklich aus der Debatte rund um die Leipziger Stadtentwicklung verabschiedet. Beispielsweise sind Sie Ortskurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz …
… und mache wahrscheinlich nicht gerade das, was ich tun sollte: Ich mische mich aktiv in die Diskussionen rund um die Denkmäler ein (lacht). Andere ehemalige Rathausmitglieder, zum Beispiel Grube, haben das anders gemacht: Die haben nach ihrem Abtritt gesagt, dass sie sich ab jetzt raushalten werden.

Außerdem sind Sie im Stadtforum dabei, das sich immer wieder bei Bauvorhaben in Leipzig einschaltet. Hin und wieder kritisieren Sie damit die Arbeit Ihrer Nachfolger. Machen Sie sich damit nicht unbeliebt?
Ich glaube schon, dass der eine oder andere hinter vorgehaltener Hand sagt: ,Der schon wieder, kann der nicht mal Ruhe geben?‘ Aber ich will das nicht. Ich kann eben kein politisches Neutrum sein.
Das Stadtforum hat schon viel erreicht. Wir haben nicht immer Erfolg – beim Fall der Blechbüchse am Brühl waren wir uns zum Beispiel nicht einig. Wir haben aber zumindest alle zwei Monate eine Sitzung mit dem Baubürgermeister, Martin zur Nedden.
Mittlerweile gibt es auch Stadtforen in Dresden, Chemnitz und Altenburg, lose Zusammenkünfte von Leuten, die sich für Stadtentwicklung interessieren.

Und meistens „dagegen“ sind?
Nicht nur. Manchmal unterstützen sie auch – das Wohngebiet an der Zerbster Straße aus den zwanziger Jahren, das die LWB abreißen wollte, steht, ist nun saniert.

Beim Bau der Kaufland-Filiale am Lindenauer Markt hatten Sie keinen Erfolg.
Erst als das schon weit gediehen war, und die Bürger merkten, was das für ein riesen Klacks mit hunderten Parkplätzen auf dem Dach werden soll, und dass dafür Gründerzeithäuser abgerissen werden sollen, regte sich der Unmut, wachten einige Leute auf. Immerhin hat die Verwaltung dann einen Wettbewerb veranstaltet, um die Kiste dort etwas besser zu gestalten.

Wieso halten manche Planer solche großen Ansiedlungen nach wie vor für sinnvoll?
Es gibt die Theorie vom Magneten – einem großen Geschäft, das mit schierer Anwesenheit ein ganzes Viertel angeblich belebt. Wir denken, es ist eher ein Staubsauger-Effekt – rundherum werden Läden geschlossen, weil sich die Kaufkraft in solch einem Zentrum bündelt.

An dieser Stelle sind ja auch Baudenkmäler betroffen. Wie kann man die besser schützen?
Bei denkmalgeschützen Gebäuden wäre es schon sinnvoll, mehr Druck auf die Eigentümer ausüben zu können.

Wie kann man einen Eigentümer zwingen, ein Denkmal zu erhalten, wozu er ja eigentlich gesetzlich verpflichtet ist?
Das kann man nicht wirklich. Und moralisch gesehen geht der Staat ja mit schlechtem Beispiel voran. Die Bahn und die Post, beide im Staatsbesitz, lassen nicht wenige ihrer Immobilien, darunter viele denkmalgeschützt, verfallen, stellen bestenfalls einen Container oder einen Automaten daneben.

Wieso?
Es ist für manche Besitzer manchmal rentabler, ein leer stehendes, vergammelndes Haus zu haben, als eines das funktioniert, aber keine richtig Miete bringt. Er hat dann keine Ausgaben für Putzen und Hausmeister, kann aber die Mietausfälle sehr nützlich als Verluste bilanzieren.

Was tut man gegen den Verfall von Baudenkmälern?
Häufig ist die Eigentümerstruktur unklar, oder es handelt sich um eine zerstrittene Erbengemeinshaft. Dann wird es schwer, jemanden in die Verantwortung zu kriegen.
Es gibt jetzt, auch aufgrund des Stadtforum-Engagements, ein städtisches Gebäudesicherungsprogramm, mit einem Umfang von etwa einer Million. Im Verhältnis zur Zahl der Gebäude nicht viel Geld. Daraus kann man Gebäude gegen zuviel Wasser abdecken, abstützen. Die Apotheke am Ostplatz wurde so erhalten, bis ein Investor sie nun saniert hat.

Woran muss Leipzig noch arbeiten?
Da gibt es zum Beispiel die Georg-Schumann-Straße. Die hat zwar schon eine Entwicklung durchgemacht, aber da ist noch Potential. Der Kaufland-Marktneubau in der alten Brauerei dort mag ja von vorn ganz manierlich aussehen, mit einer hübschen Klinkerfassade, aber die Rückansicht erinnert an den Arsch der Welt.
Die Eisenbahnstraße hat sich gut gemacht, wird aber wohl nie das Flair der Südvorstadt erreichen. Ganz spannend wird es am Bayrischen Bahnhof. Südlich davon werden durch den City-Tunnel große Flächen nutzbar gemacht, da entstehen ganz neue Möglichkeiten. Die Alte Messe scheint sich jetzt zu fangen. Große Möbelläden ziehen von der grünen Wiese wieder dorthin.

Gibt es auch noch richtige Problemviertel?
Schwer haben es Vororte wie zum Beispiel Klein- und Großzschocher. Dort ist so viel abgerissen worden, dass das Stadtbild ausgedünnt ist, ein Flickenteppich. Das sieht nicht mehr aus wie Stadt.
Aber es gibt Hoffnung, manche Dinge ergeben sich fast wie von selbst. Andere Ecken der Stadt, wie die Spinnerei, haben sich völlig eigenständig und ohne Zutun der Stadtplaner entwickelt. Da hat ja niemand beschlossen, diese Künstlerkolonie anzusiedeln, das entwickelte sich einfach.

Veröffentlicht unter: 18. Ausgabe, 02.07.2010, Dirk Stascheit, Geschichten, Jan Kröger, Jonathan Fasel · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


Verloren. Kann man auch mal machen.. Vorher war die deutsche Mannschaft mit einem 4:0-Sieg über Australien gestartet. Kritik an den ...