Die Zukunft ist weiblich

Fleißiger, kommunikativer, flexibler: Erst veränderten Frauen ihr Rollenbild. Nun mischt eine Welle gut ausgebildeter, junger Frauen die Firmenlandschaft auf. Besonders in Leipzig: Denn DDR und Wende haben tiefe Narben auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen.

Von Franziska Gaube, Ismene Laraki und Jonathan Fasel

Im Bundesarbeitsministerium dürften dieser Wochen die Korken geknallt haben. Die Zahl der Erwerbslosen sinkt seit Monaten und pendelte sich im Juni bei rund 3,15 Millionen bundesweit ein, bei 7,5 Prozent. Motto der Stunde: Yeah, Vorkrisenniveau!

Leipzig macht da keine Ausnahme: Die Arbeitslosenzahlen sinken, ja, beinahe könnte man von fallen sprechen. Von 14,4 Prozent vor einem Jahr nahm die Quote im Sinkflug die 13,5-Marke, landete nun im Juni bei 13,3 Prozent. In absoluten Zahlen: Statt 56.803 suchen nur noch 52.031 Leipziger ein Stelle. Richtig: Das sind beinahe 5.000 Personen weniger. Das ist gut, richtig gut.

Die Dynamik erfasst aber nicht alle Schichten gleichermaßen. Im komplexen Zahlenwerk der Arbeitsagentur sticht gleich auf Seite 2 hervor, welche Gruppen derzeit besonders profitieren. Und an erster Stelle nennt das Amt selbst: Frauen. 1.639 weibliche Arbeitssuchende fanden in den vergangenen zwölf Monaten einen Job.

Noch klarer wird das Bild, wenn man sich die nackten Zahlen ansieht. Von den 52.031 Leipziger Arbeitslosen sind 30.433 Männer. Und nur 21.598 Frauen.

Was ist da los? Ganz banal gesagt: Frauen sind weniger häufig arbeitslos, auch und vor allem in Leipzig. Dafür gibt es strukturelle wie historische Gründe: Es war politischer Wille in der DDR, Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das tradierte Familienbild ist anders als im teils amerikanisch, teils christlich geprägten Westdeutschland: Die Frau ist nicht das Heimchen am Herd, sondern produktive Arbeitskraft in der Gesellschaft. 40 Jahre DDR-Familienpolitik haben ihren Fußabdruck hinterlassen.

Aber auch die Männer ticken hier anders. Ostdeutsche Arbeitnehmer während der Wende haben nicht nur einen politisch-gesellschaftlichen Erdrutsch erlebt. Auch der Arbeitsmarkt veränderte sich durch Marktwirtschaft und Währungsunion innerhalb weniger Monate auf radikale Art und Weise. Hundert-Mann-Kombinate schnurrten innerhalb weniger Monate auf ein Rumpfteam zusammen. Lehrlinge wirkten an der Abwicklung der eigenen Betriebe mit. Das hat tiefe Wunden in die ostdeutsche Arbeiterseele geschlagen – vor allem die männliche. Und das hat bis heute Effekte auf die Rolle der Frau im hiesigen Arbeitsmarkt.

Kathleen Otto forscht über die Rolle der Frau im Job. Die rotlockige Doktorandin denkt über Organisationspsychologie nach – und kennt den Einfluss des Geschlechts auf die Karriere. Auch, warum der Arbeitsmarkt einen Frauenboom erlebt.

„Zuallererst haben wir eine demographische Verschiebung der Gesellschaft vorliegen“, erklärt sie, „und somit viele Tätigkeiten in Bereichen, in denen vermehrt Frauen arbeiten. Etwa dem Pflegesektor, da sind 80 bis 90 Prozent weiblich.“ Das Problem liege aber nicht nur in der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern beginne bereits in der Ausbildung – bei der unterschiedlichen Motivation. „Bei Jungs ist die Note vom Interesse abhängig“, berichtet Otto. „Bei Mädchen ist Erfolg nur von Fleiß abhängig. Sie können auch dann gut sein, wenn sie das Fach total langweilig finden.“ Kurz gesagt: Jungs sind häufig faul – und lernen zudem nur dann richtig, wenn‘s Spaß macht.

Warum der weibliche Boom gerade jetzt an Fahrt aufnimmt? So richtig erklären kann auch Kathleen Otto den neuen Schwung der Frau nicht. Viel hinge wohl vom gesellschaftlichen Bild, vom Rollenverständnis ab. Denn: „Wir wissen ja schon lange, dass Frauen und Männer nicht besser und nicht schlechter sind. Nur in der Wahrnehmung gab es Unterschiede.“ Männern wäre schlicht mehr Kompetenz zugeschrieben worden – ein Irrglaube.

Ein paar Beispiele: „Frauen verhalten sich als Führungskräfte anders. Wenn eine Frau etwas Nettes sagen möchte, wirkt sie auf andere schnell durchsetzungsunfähig.“ Wenn hingegen ein Mann Freundliches sage, gelte er sofort als einfühlsam und emotional – und fährt im Umfeld Pluspunkte dafür ein.

Und andersrum? Nicht anders: Trägt eine Frau ihre Weiblichkeit zur Schau, schläft sie sofort mit dem Chef – in den Augen der Kollegen. „Und verhält sie sich zu männlich, ist sie auf einmal nicht feminin genug und gilt als merkwürdig“, ergänzt Kathleen Otto den Gedankengang. Deswegen kämen Frauen nur in überwiegend männlichen Branchen maximal bis in mittlere Führungspositionen.

Elke Greim hat diese Klischees überwunden. Sie steht stellvertretend für eine neue deutsche Frauenwelle. Mit Studienkollegen schuf sie sich vor einigen Jahren ihr eigenes Unternehmen, ihren eigenen Chefposten – die Leipziger Firma „Lisa! Sprachreisen“.

Greim meint: Die typischen Stärken der Frau machten sie wertvoll auf dem Arbeitsmarkt. Das seien Kommunikationsbreitschaft und Einfühlungsvermögen. „Und Frauen können neben dem Telefonieren auch andere Aufgaben erledigen“, ergänzt sie mit einem Schmunzeln, „wobei das nicht heißen soll, dass das Männer nicht auch könnten.“

Deswegen seien spezielle Förderungen von Frauen, etwa durch Quoten, nicht sinnvoll. Und räumt im selben Atemzug ein: „Obwohl Frauen im Berufsleben nach wie vor härter arbeiten müssen, um die gleiche Anerkennung wie Männer zu erhalten.“ Greim hat ihre Lehren daraus gezogen. „Deswegen bedürfen Frauen eben vieler Zusatzqualifikationen, damit sie auf dem Arbeitsmarkt gegenüber Männern punkten können.“

Diskriminierung hat Elke Greim selbst nie erlebt – „vielleicht auch, weil ich immer meine eigene Chefin war“, räumt sie ein. Sie glaubt jedoch, dass das heutzutage kein Thema mehr sein dürfte. Besonders, wenn die Frau gute Qualifikationen ausweisen können: Das sei der Schlüssel zum Erfolg.

Sind Frauen also die besseren Männer? Für Arbeitspsychologin Kathleen Otto ein klarer Fall: jein. „Frauen sind an die geforderten Arbeitsmarktbedingungen besser angepasst“, so Otto. „Schon deshalb kann man auf Frauen auf dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht verzichten.“

Arbeitende Frauen sind bereits jetzt unverzichtbar. Sie sind meist fleißiger, deswegen häufig qualifizierter und dazu noch kommunikativer. Der Mann läuft Gefahr, zum Auslaufmodell zu werden.

Vielleicht nicht vollständig: Eine Bastion, in der Männer dominieren, scheint gesichert. Die Leipziger Verkehrs- und Logistikbranche ist weiterhin fest in Männerhand. Mit 85 zu 15 Prozent.

Veröffentlicht unter: 18. Ausgabe, 02.07.2010, Franziska Gaube, Geschichten, Jonathan Fasel · Etiketten:

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