Kein Blick zurück

Rückwärts durch die Leipziger Innenstadt? Kann man machen. Sind wir deswegen verrückt? Passanten älteren und jüngeren Baujahrs meinten: ja. Ein normenbrecherischer Selbstversuch.

Von Jonathan Fasel

Kindisch. Die ganze Aktion sei doch albern, mahnt ein Kollege. Was bitte solle denn Rückwärtslaufen durch die Innenstadt aussagen?

Es ist Freitagmittag, 12 Uhr 50. Wir stehen am Hugendubel. Schwül ist es. Wir wollen einen kurzen Stadtbummel wagen. Und dabei rückwärts laufen. Ganz wohl ist mir nicht, und auch der Rest der Gruppe ist unruhig.

Wir, das sind einige junge Theaterschauspieler aus der ganzen Republik und eine Handvoll Weiter-Redakteure. Auch einige unserer Leser sind dem spontanen Aufruf per Facebook und Twitter vor gerade einmal drei Stunden gefolgt.

Kurz nach eins sind auch die letzten eingetroffen. Rund zwei Dutzend Rückwärts-Läufer sind wir nun. Der Plan: Gemeinsam loslaufen, vom Hugendubel bis zum Karstadt. Dabei reden, Händchenhalten, Currywurst essen. Und dort dann plötzlich rückwärts, als ob nichts wäre. Weiter reden. Weiter Händchenhalten. Weiter Currywurst essen.

Das Zeichen: ein doppeltes Klatschen. Das ist meine Aufgabe. Ich laufe vorweg, unterhalte mich mit einer Regieassistentin aus Zürich und einem Schauspieler aus Hamburg. Wie ihnen denn Leipzig so gefalle?

Die Sonne brennt. Wir passieren McDonald‘s. Mir ist flau im Magen. Warum bloß? Ist Rückwärtslaufen verboten?

Einer der Redakteure löst sich aus der Gruppe, filmt uns mit dem Handy. (Das Video gibt‘s hier: bit.ly/weiterlaufen.) Links: Peek und Cloppenburg. Wie schön doch die Baumwollspinnerei sei, das müsse man als Kunstinteressierter doch gesehen haben!

Deichmann. Die blauen Karstadt-Banner rücken näher. Ich will mich umdrehen, zögere kurz. Kein Blick zurück.

Dann klatsche ich, zwei Mal. Nicht souverän, sondern hektisch und nicht sehr laut. Los! Die letzten sind plötzlich die ersten, wir ersten sind plötzlich die letzten. Im Westen liege die Spinnerei, ja, ganz toll sei es da. Kennt ihr Neo Rauch?

Im Augenwinkel sehe ich, wie die ersten Menschen stehenbleiben. Schauen. Auf uns zeigen. Rechts am Lukas Bäcker, da sitzt ein älterer Herr und blickt uns etwas ungläubig an. Wie jetzt, ihr kennt Neo Rauch nicht?

Unser Smalltalk im Rückwartslauf wird jäh unterbrochen. Zwei Jungs auf Rollschuhen folgen uns, und weil wir ja andersherum gehen, ist es sogar ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. „Warum lauft ihr rückwärts?“, fragt mich einer der Knirpse. Ich tue verdutzt, dann frage ich: „Warum hast du eine Deutschlandfahne auf deiner Backe?“, und deute auf die Schminke auf seiner Wange. Einen Moment rollen die beiden vor – oder hinter? Ich bin mir nicht sicher – uns her, dann biegen sie zum großen gelben M ab. Mein flauer Magen ist gewichen. Ich verkneife mir ein Lächeln.

Hugendubel ist fast erreicht, die Currywurst beinahe aufgegessen, Händchen werden immer noch gehalten. Die Diskussion über Leipzig, seine Künstler und ihre Quartiere hat sich etwas erschöpft. Aber die Mieten sind sagenhaft günstig!

Zum Finale schramme ich ganz knapp am Pavillon von „Ärzte ohne Grenzen“ vorbei. Jetzt ist das Gespräch endgültig verstorben, ich konzentriere mich auf die Passanten. Eine ältere Frau bleibt stehen, dreht sich zu uns, streckt den Zeigefinger. „So fängt‘s an, so fängt‘s an!“, ruft sie energisch. Was fängt an, indem man rückwärts geht?, frage ich mich. Die Sommerferien? Die Fußball-WM? Der jüngste Tag?

Später berichtet mir eine Mitläuferin: Ein kleines Mädchen hat sich im Vorbeigehen von der Hand der Eltern gelöst. Und ist ein paar Schritte rückwärts mitgelaufen.

Kindisch. Ja, ich bin wohl kindisch.

Veröffentlicht unter: 18. Ausgabe, 02.07.2010, Geschichten, Jonathan Fasel · Etiketten:

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