Mit Köpfchen durch die Decke

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Und ab die Post! Mit spannenden Ideen starten in Leipzig immer wieder Jungunternehmer durch. Was manchem skurril erscheinen mag, hilft der Medizin von morgen oder ist ein Standbein bei der Markenbildung. Wir zeigen drei Beispiele.

Von Heike Trautloff, Johannes Kiehl und Claudia Laßlop

Phacon: Grips aus Gips

Die Entscheidung für die Gründung einer Firma, die Kopf-Modelle herstellt, fiel über den Wolken. Hendrik Möckel und Ronny Grunert waren auf dem Rückflug von Toronto. Dort hatten sie, im April 2007, ihre Idee auf der weltgrößten HNO-Konferenz vorgestellt. „Wir hatten auf der Konferenz viel positives Feedback bekommen“, erinnert sich Grunert.

Kennengelernt hatten sich die Geschäftsführer und ihre fünf Mitarbeiter beim früheren Arbeitgeber, dem ICCAS (Innovation Center Computer Assisted Surgery) in Leipzig. Dort hatten sie an der Beurteilung neuer computerassistierter Chirurgie-Instrumente gearbeitet. „Speziell ging es da um eine Knochenfräse, die die Intelligenz besitzen sollte, sich vor Nerven oder Blutgefäßen auszuschalten, also den Chirurgen ein bisschen zu unterstützen“, erklärt Möckel. „Dafür haben wir ein Modell gesucht, um die Tätigkeit des Chirurgen realitätsnah bewerten zu können.“ Bis dahin nutze man simple Modelle. Teilweise aus Blumensteckmasse.

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Ronny Grunert gibt dem Schädel ein Gesicht.
Foto: Karolin Maria Keybe

Die ist nun einer Mischung aus Gips und Kunststoff gewichen. Statt Augenmaß dienen nun exakte Daten aus dem Tomografen zur Herstellung der Abbilder des menschlichen Kopfes; zunächst als Entwurf auf dem Computerbildschirm, später in Originalgröße zum Anfassen: Mit Hilfe eines dreidimensionalen Druckers wird er Schicht für Schicht hergestellt. Neben standardisierten Modellen, an denen angehende Chirurgen das Handwerkszeug lernen können, stellt Phacon auch individuelle Nachbildungen der Schädel einzelner Patienten her, um zum Beispiel komplizierte Tumoroperationen exakt üben zu können, bevor der Patient selbst unters Messer muss.

Zu den Kunden Phacons zählen vor allem Unikliniken in Deutschland, aber auch im Ausland. Irakische, schwedische, russische und amerikanische Chirurgen trainieren an den in Leipzig produzierten Schädelmodellen. Dass die Gipsköpfe in den Kliniken weltweit ankommen, ermöglicht die Kooperation mit einem internationalen Vertriebspartner. Seit Firmengründung ist die Produktion von 3000 auf 5000 Modelle jährlich gewachsen. Der Erfolg wurde bereits im Gründungsjahr gewürdigt: Neben dem ersten Platz in der Kategorie Technologie wurde Phacon 2007 auch Sieger im Bereich Gründer im Businessplan-Wettbewerb „FutureSax“.

„Wir würden diesen Weg immer wieder gehen“, resümiert Grunert. „Wenn man die Unterstützung für so ein Projekt hat, in unserem Fall aus der Medizin, dann ist das eigentlich perfekt. Für uns hat es sich gelohnt, etwas zu schaffen, was es so noch nicht gab“, ergänzt Möckel.

Tuula Misfeld: Papierkram für Lavendelöl

Ein Stück Australien nach Leipzig bringen – so ließen sich Lebenseinstellung und Geschäftsidee von Tuula Misfeld beschreiben. Sie bringt nun die entspannte Lebensweise aus Down Under in Form von Pflegeprodukten auf den deutschen Markt.

Alles begann mit einem Jahr in Sydney, 2008, mit der ganzen Familie. Auch eine Idee hatte Tuula Misfeld da schon im Gepäck. „Ich habe nach etwas gesucht, das es in Deutschland so noch nicht gibt“, erzählt sie. Schließlich fand sie etwas, womit sie sich als gelernte Gärtnerin, Krankenschwester und Aromatherapeutin bereits auskannte – Lavendel: „Den Lavandula officinalis gibt es auch in Frankreich. Eine edlere Form, der Lavandula angustifolia, wird in Tasmanien und Australien auf Plantagen angebaut und den gibt es hier nicht.“ Und was ist so besonders? „Lavendel entspannt und wirkt beruhigend bei Aufregung. Paradoxerweise wirkt er bei Müdigkeit aber auch erfrischend. Anders als andere Aromaöle ist er hautverträglich und wundheilend, einfach toll.“

Innerhalb eines Jahres hat Tuula Misfeld in Australien verschiedene Firmen besucht – fernab des europäischen Marktes – und kam schließlich mit einer kleinen Firma ins Geschäft. Zurück in Deutschland begann die eigentliche Existenzgründung, mit jeder Menge Papierkram und „so vielen Dingen, die man machen muss und von denen man vorher noch nie etwas gehört hat“. Umso erstaunter sei sie gewesen, bereits im März 2010 offiziell selbstständig geworden zu sein. Ein Australiern eher fremdes Tempo. „Die Lebenseinstellung der Australier ist entspannter als die der Deutschen, was sehr schön ist, aber manchmal mit der Mentalität der Deutschen kollidiert“, erzählt sie lachend. „Da prallen Welten aufeinander.“ Aber auch für Tuula Misfeld ist Tempo nicht alles: „In einem Kurs für Existenzgründer wurde ich als erstes gefragt, ob ich bereit sei, 50 Stunden in der Woche zu arbeiten – ich hab‘ nein gesagt.“ Weil sie eben nicht nur eine Geschäftsidee hat, sondern auch eine Familie. Die Vormittage gehören nun ganz dem Job, die Nachmittage und Wochenenden ihrer Familie. „Deswegen dauert zwar alles ein etwas länger, aber alle sind zufrieden“, erklärt sie. So oder so sollen die Belle-Fleur-Produkte im Spätsommer ihren langen Weg hinter sich haben und hier zu kaufen sein – konkrete Angaben über Verkaufsstellen oder Mengen ließ sich die Geschäftsfrau aber noch nicht entlocken.

Auch der Name ihres Unternehmens ist australisch: „Eora ist der Name eines der rund 700 Sprachstämme der Aboriginies. Dieser Stamm ist dort beheimatet, wo auch wir gewohnt haben. Zumal ist der Name prägnant und einfach auszusprechen.“

André Klar: Marke fürs Ohr

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Sounddesigner André Klar
Foto: Karolin Maria Keybe

„Leipzig klingt nach Parks und Seen, dazwischen Gespräche, Ruhepunkte, Lachen, Frisbee- und Kubbspieler. Kaum mediale Sounds.“ André Klar sitzt auf einem schwarzen Ledersofa vor einem hellen Clubtisch auf Rollen und dreht sich eine Zigarette. Der 23-Jährige mit dem Kinnbärtchen, der Stoppelfrisur und den wachen braunen Augen könnte gut als DJ durchgehen. Aber er hat eine Firma: Depth of Sound. Diesen Monat wird sie ein Jahr alt. Ihre Dienstleistung heißt Sounddesign. Depth of Sound berät andere Unternehmen, wie sie ihr eigenes Klangbild finden können – wie sie es also anstellen, dass man sie im Internet oder in Werbespots allein mit den Ohren sofort erkennt. „Es geht um akustische Markenführung als Element der Corporate Identity“, erklärt der Gründer. „Ein Beispiel, das vielleicht jeder kennt, sind die fünf Punkte der Telekom. Es nützt nichts, wenn du bei der Werbeeinblendung im Fernsehen wegschaust. Du erkennst das Logo sofort am Sound.“

Der Beruf des Sounddesigners kommt aus Hollywood. Beim Film gab es erste Spezialisten, die sich um akustisch hyperrealistische Küsse, Regengüsse oder Autounfälle kümmerten. Ende der 70er Jahre wurde zum ersten Mal ein Sounddesigner eigens im Abspann gewürdigt. „Der Tonfilm hat von Anfang an Klänge benutzt, um die Emotionen der Zuschauer auf die gezeigte Szene einzustimmen“, sagt André Klar. „Auch im Marketing geht es um Emotionalität. Wie erreicht man Menschen? Wie verstärkt man ihre positive Einstellung zu einer Marke? Heute gibt es spezialisierte Werbeagenturen, die nichts anderes machen als Sounddesign.“

Gegenüber, am Fenster, Klars Arbeitsplatz. Eine aufgebockte Platte, darauf zwei Bildschirme, eine Klaviatur, Tastatur und Maus. Klar stellt sich vor den rechten Bildschirm, blättert und klickt. Warme, metallische Klänge kommen aus der Anlage, gezupfte Saiten und ein Streicherteppich. „Das ist im Auftrag einer Hamburger Agentur entstanden. Die fanden spannend, dass ich nicht nur Tontechniker bin, sondern mich ganz konkret als Sounddesigner beworben habe.“ André Klar bekam den Auftrag, eine Liste von emotionalen Begriffen zu vertonen – gerade füllt sich der Raum mit „Wohlwollen“. „Instrumente können alles ausdrücken, aber das heißt nicht, dass ich immer Musik schreibe. Andere Kunden wollen eine passende Sprecherstimme, oder ich stelle ein Inventar von elektronischen Signalen oder Naturaufnahmen für sie zusammen.“

Kunden findet Klar oft eher per Zufall. Die Mitgliedschaft bei einem Online-Business-Netzwerk hilft dabei, andere Kreative kennen zu lernen und Arbeitsproben auszutauschen. „Aber positives Feedback von einer Agentur ist noch lange kein Auftrag“, hat Klar gelernt. Er wendet sich deshalb jetzt gezielter an Unternehmen aus der Region. Läuft alles nach Plan, würde er nächstes Jahr gerne einen Partner in die Firma holen und in ein größeres Büro umziehen. „Der Partner ist Foley Artist, also Geräuschmacher. Zusammen können wir ein größeres Spektrum abdecken, von Werbung bis Film.“ Diesen Sommer werden sie die Zusammenarbeit schon ausprobieren: Es geht um einen akustischen Museumsführer für Kinder. Eine Fliege wird in den Ausstellungsräumen herumsummen und – „ich flieg‘ jetzt ganz dicht an die Leinwand, da kann ich besser sehen, was der Maler gemalt hat!“ – den jungen Besuchern Kunst aus der Insektenperspektive vermitteln.

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

Veröffentlicht unter: 17. Ausgabe, 18.06.2010, Claudia Laßlop, Geschichten, Heike Trautloff, Johannes Kiehl

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