Tollkühne Kämpfer in rollenden Stühlen

In Leipzig wird der Traum des japanischen Karate-Meisters Asai Realität – hier kämpfen Rollstuhlfahrer mit Fußgängern Karate. Eine der Leipzigerinnen holte zweimal die Silbermedaille der Deutschen Meisterschaften.

Von Franziska Gaube

Menschenschlangen an der Passkontrolle, lautes Stimmengewirr, Chaos am Gepäckband.
Eine Gruppe junger Deutscher mittendrin. In der Einreiseschlange im Flughafen Tokio in Japan, im Jahr 2000. In ihren Taschen befinden sich weiße Anzüge aus Baumwolle, Karate-Gi genannt.
Allesamt sind sie Karatekas, die sich ihren Wunschtraum erfüllen wollen: einmal das Herkunftsland ihres Sports sehen und in einem japanischen Karate-Trainingszentrum, einem Dojo, trainieren. In der Empfangshalle angekommen, erwartet sie Tadashi Ishikawa bereits, ein japanischer Karate-Meister. Er wird ihnen ihren Traum erfüllen.

Denn Tadashi Ishikawa hat eine Mission.

Sein Meister, der Großmeister Asai, träumte ein Leben lang von Karate auch für behinderte Menschen. In Japan ist das bisher nicht wirklich möglich. Behinderte Menschen sind dort gesellschaftlich eher als unnütze Personen verrufen, da sie angeblich nicht das leisten könnten, was die sehr leistungszentrierte japanische Gesellschaft verlangt. Trotz Rollstuhl mithalten zu können, scheint vielen nicht-behinderten Japanern unmöglich.

In Deutschland hat sich der gesellschaftliche Leistungsbegriff zum Glück in den vergangenen Jahrzehnten geändert. Hier scheint die Vision eine Zukunft zu haben. Zur Jahrtausendwende gründete sich der Verein Rollstuhlkarate Deutschland e.V. Und nun, im Jahr 2010, trainieren in einer kleinen deutschen Sporthalle fünf Rollstuhlfahrer ihre Künste.

„Shomen ni rei“ ruft der Vordere – „shomen ni rei“ antwortet die Reihe. Verbeugung. „Sensei ni rei“ ruft der Vordere – „sensei ni rei“ antwortet die Reihe. Verbeugung. „Otokai ni rei“ ruft der Vordere – „otokai ni rei“ antwortet die Reihe. Verbeugung.

Ungefähr zehn weißgekleidete, barfüßige Menschen. Die eine Hälfte auf ihren Füßen stehend, die andere sitzend – im Rollstuhl. Zusammen trainieren sie Karate.

Shomen ni rei – das ist der Gruß an den Urvater des Karate – Gishin Funakoshi. Sensei ni rei – das ist der Gruß an den Sensei, den Lehrer. Otokai ni rei – das ist der Gruß an die Übenden untereinander.

So beginnt jedes Training im Rollstuhlkarateverein Leipzig. Manchmal trainieren „Fußgänger“ und „Rollis“ zusammen. Heute trainieren sie getrennt, nebeneinander in einer Halle.

Die tollkühnen Kämpfer in ihren rollenden Stühlen haben sich in einem Dreieck aufgestellt. „itch – ni – san – shi– go – itch – ni – san – shi – go – itch …“ zählt der Sportler an der Spitze. Synchron führen alle zu jeder dieser Zahlen die gleiche Bewegung aus. Der Arm geht mit Kraft nach außen, dann beschreibt er einen weichen Halbkreis, bis er wieder mit Kraft auf den imaginären Gegner geführt wird.

Kata heißt diese Form des Karate. So heißt der Kampf gegen imaginäre Gegner. Das ist auch die Disziplin, die von Rollstuhlfahrern auf Wettkämpfen ausgetragen wird. Die Bewegungen müssen sitzen. Die Genauigkeit wird bewertet. Selbst die Drehung des Rollstuhls und die Richtung des Blickes sind punktentscheidend.

Spektakulär wirkt sie nicht, die Kata. Dennoch liegt eine gewisse Schönheit und Eleganz in den Bewegungen der Sportler. Hier im Verein wird vornehmlich der Kampf gegeneinander, Kumite, geprobt, aber auch der gegen die „Fußgänger“.

„Das Ziel ist in erster Linie natürlich Spaß, dasselbe, wie für nicht Behinderte auch“, erklärt Frank Heimbucher, einer der Trainer und Vorsitzender des Vereins.

„Weitere wichtige Ziele sind die Selbstverteidigung und die Selbstbehauptung. Das Aufbauen des Selbstvertrauens und die Verbesserung der Koordination und der grundlegenden motorischen Eigenschaften – vor allem Kraft, Dehnung und Schnelligkeit.“

Dann erzählt er mit leuchtenden Augen von einem Rollstuhlfahrer, der sich nicht mehr bewegen konnte, nur die Finger. Der gerade noch, mehr schlecht als recht, den Joystick seines Rollstuhls bedienen konnte. „Nach einer Weile wurden seine Hände immer geschickter – da wo vorher kaum was war, war plötzlich Bewegung. Fördert man die Beweglichkeit, fördert man die Lebensqualität der Sportler.“

Rollstuhlkarate kann jeder ausprobieren, egal welche und wie hoch der Grad der Behinderung ist. „Ob das funktioniert, liegt hauptsächlich am Trainer. Er muss flexibel sein und sich auf die verschiedenen Grenzen seiner Sportler ausrichten. Vielleicht würde das der eine oder andere dann nicht mehr Rollstuhlkarate nennen, aber die Hauptsache ist der Spaß der Teilnehmer“, erzählt er.

Karena Schultheiß ist 31 und seit 2006 dabei. Zwei Jahre später errang sie den deutschen Vizemeistertitel und verteidigte ihn im April 2009 erneut. Im Oktober 2010 sind die nächsten deutschen Meisterschaften im Rollstuhlkarate im brandenburgischen Rheinsberg.

Welches Ziel jeder Teilnehmer hat, liegt bei ihm. Ob es „nur“ der Spaß am Sport und die Suche nach sozialen Kontakten ist, oder ob man Wettkampf-Ambitionen hat – alles wird gefördert, meist erfolgreich.

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: 17. Ausgabe, 18.06.2010, Franziska Gaube, Geschichten

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