Handfeuerwaffen & Medien

Was war das für ein Dienstagnachmittag. Ich hatte eigentlich zu tun, und blieb deshalb zu Hause, als meine Freundin mich anrief und vermeldete: In der Innenstadt ist eine Geiselnahme im Gange. Trotz meiner journalistischen Neugier hielt mich die Aussicht auf eine weiträumige Polizeiabsperrung ab, verbunden mit dem Selbsteingeständnis, dass ich – aus Knausrigkeit –
meinen Presseausweis nicht verlängert hatte. Es hätte keinen Sinn ergeben, hinzurennen.

Eine mediale Manöverkritik von Dirk Stascheit

Ich hatte also anderes zu tun. Aber natürlich machte ich eine Handvoll Tabs mit Nachrichtenseiten auf. Und Twitter. Und den Fernseher an. Und kam zu nichts. Außer diesem Artikel.

Zunächst mal: Die Kollegen waren gut. Wer nun ein LVZ-Bashing erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Sie waren flott vor Ort, machten Bilder, führten Gespräche. Sie twitterten selbst. Und sie bauten Fotostrecken. Irgendwann nachmittags war die Website der Leipziger Volkszeitung nicht mehr erreichbar. Das ist schade, aber auch verständlich – an eine solche Last ist LVZ-online nun einmal nicht gewöhnt, wie LVZ-Blogger Daniel Große zurecht anmerkt. Wenig später hatte sich lvz-online.de dann wieder gefangen.

Bei allem Verständnis ist es dennoch etwas ungeschickt, gerade im Moment der größten Nachfrage nicht erreichbar zu sein, als lokales Leitmedium. Das ist für verunsicherte Menschen, die sich fragen, was da los ist, deren Partner eventuell gerade in der Innenstadt einkaufen war und nun schon seit einer Stunde nicht nach Hause kommt, etwa so wie ein Anrufbeantworter in der Notrufzentrale. Was auch vorkommt.

Spannend: Die Online-Redaktion hat eigentlich die Ressourcen, eigene Videos zu drehen und ins Netz zu stellen. Doch statt einen Videoreporter rauszuschicken, verließ man sich offenbar bei der LVZ auf die Kooperation mit den Mitteldeutschen Rundfunk, und stellte am Abend einfach den Beitrag von MDR-Aktuell auf die Website. In dem dann Kati Obermann in der Petersstraße steht und live in die Kamera sagen darf, dass das Wetter schön ist, und die Menschen wieder shoppen, kurz nach 19.30 Uhr.

Alles in allem informierte LVZ-online ordentlich. Allerdings stand L-iz.de, die Leipziger Internetzeitung von Ralf Julke und Kollegen, in kaum etwas nach – außer in Fotostrecken. Aber selbst ein nachrichtliches Video von info tv Leipzig steht dort zur Schau.

Die gedruckte Leipziger Volkszeitung vom Mittwoch fällt dagegen in der Qualität stark ab. Den branchenüblichen  Gedanken, dass im Idealfall die Website vermeldet (weil sie schneller ist) und die Zeitung einordnet (weil ihre Macher mehr Zeit zum Nachdenken haben) hat man offenbar zumindest teilweise überhört. Da wird munter nochmals runtererzählt, was passiert ist, was man gesehen hat, was in der Pressemeldung von Polizei und Staatsanwaltschaft steht, auf Seite 1. Auf Seite 17 kann man das gleiche noch einmal als Chronologie lesen, ganz ähnlich übrigens wie in der Dresdner Morgenpost vom Mittwoch. Auf Seite 18 der LVZ verbreiten sich die LVZ-Autoren dann mal ganz persönlich, schreiben, was sie vor Ort erlebt haben, quasi mittendrin statt nur dabei. Den einzigen Hauch einer Einordnung schafft ein kleiner Kasten, in dem die Einnahmeausfälle für die angrenzenden Läden angesprochen werden. In zwei anderen kleinen Kästen werden ein Psychiater und ein Polizeiseelsorger gefragt, was sie denn zum Vorfall zu sagen hätten.

Dabei bleiben so viele offene Fragen. Warum kann man eine scharfe Waffe in ein Kaufhaus tragen, dessen Türen schrillen, sobald man mit einer nicht bezahlten Haarspange hinaus spaziert? Warum ist das Unterhändlerteam der sächsichen Polizei im beschaulichen Dresden stationiert, eine lange Autostunde von der nächsten richtigen Stadt entfernt? Wieso konnten die Menschen, die nicht Geisel waren, aber im Untergeschoss eingeschlossen, nicht durch einen Notausgang entkommen? Warum wird ein akut psychisch belasteter Täter auf ein Revier ohne medizinische Betreuung gegondelt, wo er ersten Berichten zufolge zusammenbricht und ein Krankenwagen gerufen werden muss?

Blattmacher sollten sich diese Fragen stellen. Sie hatten mindestens drei Stunden Zeit dafür. Keine wird am nächsten Tag im Blatt auch nur aufgeworfen.

Ein solches Ereignis ist natürlich auch die große Stunde des lokalen Boulevardjournalismus. Bild.de, ausgestattet mit einer Kurzwahlnummer für willige Gelegenheits-Fotografen und skandalerprobte Reporter-Haudegen, war dran. Nah dran. Nicht weniger als vier Autoren und sieben Fotografen weist das Thema aus. Es ist ein BILD-Thema, die Redaktion läuft zu Hochtouren auf.

Natürlich war Bild zuerst da, so schreiben zumindest die Autoren der Bild-Story am Mittwoch stolz. Ansonsten verzapfen sie beinahe die gleiche Berichterstattung wie auch die gedruckte LVZ, wenn auch etwas knalliger. Zum Beispiel zeigen sie den mutmaßlichen Geiselnehmer ohne Balken vorm Gesicht. Und sie waren offenbar losgezogen, um Nachbarn zu schütteln, die zitiert werden, dass der mutmaßliche Täter ja schon früher unangenehm auffiel – er hörte laut Musik. Ein 76-jähriger Rentner soll gesagt haben, er „zockte Videospiele“ – welch glaubwürdiger O-Ton für einen Rentner aus Leutzsch.

Natürlich war Twitter schneller als alle anderen. Der Kurznachrichtendienst hat den Vorteil, dass er dezentral gespeist ist. Logischerweise kommt diese so entstehende Schwarm-Öffentlichkeit eher zum Zug als eine Redaktion, die meist erst durch Nachrichtenagentur-Meldungen aufmerksam wird (mehr dazu: http://bit.ly/geisel1).

Einige sehen das kritisch. Man könne sich nicht auf das Gemurmel anonymer Stimmen verlassen. Bei genauerer Betrachtung stimmt das nicht ganz. Viele Leipziger Twitterer kennen sich, man folgt sich, veranstaltet auch Treffen im echten Leben. Viele arbeiten, ganz Klischee, in der Medienbranche.

Dennoch ist natürlich Vorsicht angebracht, Kritik nicht unberechtigt. Tweets sind rohe Informationen, die nicht standardmäßig eins zu eins geglaubt werden können, und darauf, dass die Twitterer ausgebildete oder zumindest erfahrene Journalisten sind, sollte man sich im Zweifel nicht verlassen (mehr dazu: http://bit.ly/geisel4). Ein weiteres Problem kann die Echtzeit-Berichterstattung aufwerfen (mehr dazu im Netz: http://bit.ly/geisel2): Was, wenn nicht ein verwirrter Einzeltäter, sondern ein professionell agierendes Team etwa eine Bank besetzt? Dann könnten Details über die Bewegungen der Polizei-Spezialkräfte den Kriminellen einen strategischen Vorteil verschaffen, der Menschenleben kosten kann.

Einige der #Geiselnahme-Twitterer sind selbst Journalisten, wie zum Beispiel der Sportredakteur Konrad Winkler, genannt Konni. Er berichtete als einer der ersten und hat, wie auch andere Privatradiomacher, beste Perspektive von den oberen Etagen der Marktgalerie, wo neben 90elf und anderen Privatradios auch Energy sitzt. Deren Moderatorin Julia Janke twitterte fleißig und lieferte Fotos der Medienmeute auf den Balkons der Marktgalerie.

Ansonsten hielten sich die Rundfunker ganz unspontan zurück. MDR Sputnik aus Halle schaltete per Telefon zu Konni in der Marktgalerie, und twitterte fleißig Meldungen anderer weiter, was wohl auch daran liegt, dass viele der dortigen Redakteure in Leipzig wohnen, studiert haben, vernetzt sind. Große Enttäuschung sind MDR Info und MDR 1 Radio Sachsen. Hier wird lediglich in den Nachrichtenblöcken kurz gemeldet.

Das MDR Fernsehen veranstaltet 15.30 Uhr eine Sondersendung, in der die Zuschauer gut, aber erst recht spät informiert werden. Kati Obermann ist nur per Telefon zugeschaltet, für eine Liveschalte mit Bild braucht der MDR offenbar einen Übertragungswagen, der nur bis zur Thomaskirche vorgelassen wird. Kurz nach Ende der Sondersendung ist auch die Geiselnahme vorbei. Die frohe Botschaft wird den MDR-Zuschauern erst 17.12 Uhr vermittelt.

Leipzig Fernsehen ist zügig vor Ort, aber der eingerichtete Live-Stream via Internet ist den Zugriffszahlen nicht gewachsen, da komme ich nicht rein. Im richtigen Leipzig Fernsehen laufen munter andere Beiträge ab, hier hätte man draufhalten sollen. Schade. Vor allem, weil die „Konkurrenz“, also MDR und überregionale Sender auch nicht viel zu bieten hatten. Hier hätte man als lokaler Fernsehsender gut punkten können.

Auch die üblichen Verdächtigen in Sachen Fernsehnachrichten, N-TV und N24, blendeten keine der sonst üblichen Breaking News-Bildchen ein, sondern ließen das normale Programm laufen, N24 hatte gegen 14.30 Uhr eine lieblos eingekaufte Reportage am Runternudeln. Nach Ende der Geiselnahme dann setzten Teams von Privatsendern zum Nachbarnschütteln an. Dem Blogger Duftbaeumchen (http://bit.ly/geisel3) wurde von einem Kamerateam aufgelauert – er wohnt ein paar Häuser weiter.

Immerhin wurden während der Geiselnahme die Laufbänder am unteren Bildschirmrand genutzt. N-TV setzte noch eins drauf. Der Sender der RTL-Gruppe ließ den Leipziger Redaktionleiter Thomas Präkelt im Foto erscheinen, sie hatten ihn per Telefon zugeschaltet. Die Redaktion der RTL-Gruppe ist in Innenstadtnähe gelegen, und es bleibt RTLs Geheimnis, wieso es ein Kamerateam nicht rechtzeitig zur Tür raus schaffte.

Zum Glück wurde niemand verletzt. War das eventuell das Problem?

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: 17. Ausgabe, 18.06.2010, Dirk Stascheit, Gemein(t)

Eine Antwort zu "Handfeuerwaffen & Medien"

  1. Jan sagt:

    Hi dirk,
    schöner Überblick. Aus alter Verbundenheit hättest du die Kollegen vom einzigen, deutschlandweiten und print-unabhängigen Nachrichtenportal aus Leipzig auch erwähnen können. Immerhin war news.de auch vor Ort – anders als andere “Meinungsführer” der Onlilne-Medien-Szene :)

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


In Leipzig wird der Traum des japanischen Karate-Meisters Asai Realität – hier kämpfen Rollstuhlfahrer mit Fußgängern Karate. Eine der Leipzigerinnen ...