Märchen in die Siedlung

Glotze statt Gutenachtgeschichte? Bequemer für Eltern, doch bedauerlich für Kinder. Pfarrer Frank Martin schafft darum in Leipzig Leseläden für Kinder, denen niemand mehr vorliest.

Von Cäcilia Schallwig

Im Schaufenster des neuen Leseladens hängt ein unauffälliges Schild: heute Eröffnung. Obwohl draußen miesestes Regenwetter herrscht, finden einige Kinder den Weg in den neuen Leseladen in Lindenau. Was einst als Kampagne zur Imageverbesserung in Paunsdorf begann, trägt nun auch hier im Westen Leipzigs Früchte. Der evangelische Studentenpfarrer Frank Martin kann im Stadtteil einen zweiten Leseladen eröffnen, in einer Wohnung, die die LWB zur Verfügung stellt. Die Einrichtung ist entsprechend ihrer finanziellen Ausstattung schlicht und funktional, doch freundlich. Sofa, Tisch und bunte Bücher in Regalen. Die Leseecke aber ist besonders. Hier liegen weiche Kissen, fließende Stoffe fallen von den Wänden wie in einem Märchenzelt aus tausendundeiner Nacht. Gleich gibt es eine neue Geschichte.

Figuren als Vorbild

Die Leseläden besuchen Kinder zwischen fünf und acht Jahren. So auch Kevin. Der strubbelige Grundschüler kommt gerne zum Vorlesen. Schön, dass es jetzt den neuen Laden gibt, erzählt er und lässt dann den Kopf hängen. An anderen Orten seien die Kinder sonst manchmal gemein zu ihm. Frank Martin liest nun die Geschichte vom fünften Schaf vor. Kevin ist wieder gut drauf. „Eines Abends sah sich Lina die Schafe ganz genau an, die sie sonst beim Einschlafen nur zählte“, beginnt das Märchen, in dem sich eines der Tiere als Wolf im Schafspelz herausstellt. Die Entdeckung, die die wirklichen Schafe zusammenschaudern lässt, lässt Märchen-Lina kalt. Ein Mädchen, das mutig genug ist, sich der Unsicherheit des Schlafengehens und der ständigen Angst vor bösen Träumen zu stellen, die in diesem Alter bei vielen Kindern das Einschlafen begleitet.

Märchen-Lina ist ein Vorbild für die Kinder in den Leseläden. Hier werden Geschichten erzählt, die Kinder stark machen können und bei denen sie lernen, sich ihren Ängsten zu stellen. Nach und nach bekommen manche sogar selbst Lust, etwas vorzulesen. Am Anfang, meint Pfarrer Frank Martin, sei daran nicht zu denken gewesen. Überhaupt war es unmöglich, die Kinder länger als fünf Minuten in den Bann zu ziehen. Bei den Kindern, die öfter kommen, werde das Hörvermögen und die Fähigkeit zur Konzentration aber bemerkbar gestärkt. Viele Kinder schauten nunmehr regelmäßig vorbei, rund zwanzig freiwillige Vorleser helfen mit. So wie die beiden Schwestern Katrin und Agnes. Als moderne gute Feen lesen sie den Kindern neben ihrem Studium in den Leseläden vor. Gewöhnungsbedürftig findet Katrin besonders den harschen Umgangston so mancher Mütter und Väter mit ihren Kindern. Eltern sind zur Eröffnung in Lindenau keine gekommen.

Konzentrationsvermögen und Kreativität

Das Problem, dass Eltern keine Geschichten mehr erzählen, scheint dabei keine Frage der Bildung zu sein. Auch in Akademikerfamilien wird wenig gelesen, weil der Grund vielmehr in Zeitmangel durch anstrengende Jobs beider Eltern und einem Überangebot elektronischer Medien zu suchen sei. In Paunsdorf sei noch hinzugekommen, dass die Kinder kaum ihre Siedlung verließen. Kontaktarmut und fehlende Betreuungsangebote fesselten die Kinder im häuslichen Umfeld. Dementsprechend schwerfällig lief der erste Leseladen in Paunsdorf an. In den ersten drei Wochen nach der Eröffnung im August 2009 sei kein einziges Kind gekommen.

Zwar gibt es verschiedene Leseprojekte in Leipzig wie etwa in Kindergärten oder Bibliotheken, aber in Bibliotheken erreicht man nur bereits lesende Kinder. Das Leseangebot in den Kindergärten reicht nicht aus. Gepaart mit digitalem Konsum und Bewegungsmangel verlieren die Kinder wichtige Fähigkeiten wie Sprachkompetenz, Konzentrationsvermögen und Kreativität. Man müsse Kinder erzählen lassen, mit ihnen singen und spielen. Frank Martin versucht mit den Leseläden, stabile Orte zu schaffen, in die Kinder hinkommen können um all dies zu tun. Kinder, deren Erziehung nicht von Waldkindergarten oder Montessorischule geprägt wird. Vorlesen kann man übrigens schon halbjährigen Kindern. Man braucht nur ein passendes Buch, und man sollte selbst lesen können. Kann man das nicht, tut es auch ein Bilderbuch und eine erfundene Geschichte.

Veröffentlicht unter: 16. Ausgabe, 04.06.2010, Cäcilia Schallwig, Geschichten

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