Erbarmungslos und ungeduscht

Rasenballsport verfolgt seine Ziele äusserst ehrgeizig, ohne Rücksicht auf Personen und Verdienste. Wie zum Beweis entließ man den Meistertrainer einen Tag nach Saisonende. Doch oft zeigen sich die Tücken des Masterplans in Kleinigkeiten.

Von Johannes Pöhlandt und Jan Kröger

Ein Fußballverein wird Meister, wie es eindrucksvoller kaum geht. Von 30 Punktspielen gehen nur zwei verloren, der Aufstieg steht nach dem fünftletzten Spieltag fest, am Ende beträgt der Abstand zum Zweiten 22 Punkte. Und was macht der Verein nach dem Saisonfinale? Trainer und Sportdirektor feuern.

Gibt es nicht? Gibt es doch. Der Verein heißt Rasenballsport Leipzig – ein reichlich absurder Name, der den einzigen Vorteil hat, dass er sich wie Hauptsponsor Red Bull mit RB abkürzen lässt. Die Energydrink-Chefs haben Trainer Tino Vogel und Sportdirektor Joachim Krug von ihren Aufgaben entbunden. Einen Tag, nachdem Spieler und Verantwortliche gemeinsam den Aufstieg in die Regio-nalliga feierten. „Für solche Entscheidungen gibt es keinen günstigen Zeitpunkt“, sagt RB-Sprecher Hans-Georg Felder. Mag sein. Aber ein ungünstigerer ist kaum vorstellbar.
Auf den ersten Blick erscheint die Entscheidung völlig irrational. Doch es hatte sich angekündigt, dass der rührige Vogel, der zu allem Überfluss am Tag seiner Entmachtung Geburtstag hatte, irgendwann zu klein für das große RB-Unternehmen werden würde. Er ist mit 41 Jahren relativ jung, hat bisher nur niederklassige Teams in Sachsen und Thüringen betreut. Für frühere Bundesligaprofis wie Thomas Kläsener und Timo Rost mag es gewöhnungsbedürftig gewesen sein, von einem „Provinzler“ trainiert zu werden.

Sportdirektor Joachim Krug scheint menschlich nicht mehr ins Projekt gepasst zu haben. Wenn man sein Verhalten in der Geschäftsstelle miterlebt habe, könne man seine Entlassung besser verstehen, heißt es. Dass Kommunikation mit dem 54-Jährigen nicht immer einfach ist, bewies er nach seinem Rausschmiss in einem Telefonat mit weiter. Es dauerte 30 Sekunden. Krug legte Wert auf die Feststellung, dass man sich „einvernehmlich getrennt“ habe, und beendete das Gespräch abrupt: „Bitte rufen Sie mich nie wieder an.“

Dietmar Beiersdorfer würde so etwas nie sagen. Der Rasenball-Präsident wägt seine Worte sorgfältig ab, wirkt stets sachlich und reflektiert. „Wir machen einen Schritt nach dem anderen“, ist so ein Beiersdorfer-Satz, oder: „Ein Konzept braucht Zeit, um zu reifen.“ Seine Eloquenz, die durch korrekt gebügelte Hemden unterstrichen wird, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der 46-Jährige erbarmungslos durchgreift, wenn er das Ziel Profifußball gefährdet sieht. Vor Vogel und Krug hatte er im Winter bereits seinen Vorgänger Andreas Sadlo abserviert – ungeachtet dessen Verdienste beim Aufbau des Retortenvereins vor einem Jahr. Beim Hamburger SV hatte Beiersdorfer den Machtkampf gegen Vorstandschef Bernd Hoffmann verloren. Bei RB Leipzig kann dem Ex-Nationalspieler niemand gefährlich werden – von Brausepatriarch Dietrich Mateschitz einmal abgesehen. Und der Firmengründer dürfte keinen Anlass haben, den Mann, den er zur Vernetzung seiner Fußballprojekte in Salzburg, New York, Brasilien, Ghana und Leipzig geholt hat, wieder in die energydrinkfreie Wüste zu schicken.

Der Österreicher Mateschitz ist Milliardär, seit er auf die Idee kam, das Rezept eines thailändischen Getränks leicht abzuwandeln und das Ergebnis in blau-silberne Dosen abzufüllen. Wenn der 66-Jährige eines seiner äußerst seltenen Interviews gibt, behauptet er, bereits zum Frühstück einige Rationen des angeblich Flügel verleihenden Gebräus zu trinken. Mateschitz versteht es, die Marke Red Bull zu vermarkten. Er sponsert Trendsportarten, Formel-1-Rennställe und eben Fußballvereine.

Doch mit welchen Folgen für Stadt und Fans? Bereits bei Austria Salzburg, das seit 2005 Red Bull Salzburg heißt, spaltete der Einstieg des Brausegiganten die Anhängerschaft – obwohl Mateschitz dort so etwas wie regionale Identität vorweisen kann. Auch SAP-Gründer Dietmar Hopp, dessen Engagement in Hoffenheim oft mit dem RB-Projekt in Leipzig verglichen wird, kann sich zugute halten, als gebürtiger Heidelberger in der Rhein-Neckar-Region verwurzelt zu sein. Mateschitz und Red Bull hingegen haben mit Leipzig so viel zu tun wie Dagobert Duck mit Hartz IV.

Dass ein solcher Eindringling nicht überall mit offenen Armen empfangen wird, verwundert nicht. Nachdem der Deal mit dem SSV Markranstädt publik wurde, bei dem sich RB einkaufte und so die Oberliga-Lizenz erwarb, behandelten Unbekannte den Markranstädter Rasen mit Unkrautvernichtungsmittel. Und beim ersten Punktspiel in Jena wurde die Energydrink-Truppe beschimpft und bespuckt, musste ungeduscht in den Mannschaftsbus flüchten. Doch seitdem ist es glücklicherweise ruhig geworden. Die Fans der Traditionsvereine Sachsen und Lok protestieren nur verbal gegen das, was sie ohnehin nicht ändern können. „Abschaum der Liga“ und „Bullenschweine“ skandierten die Anhänger des FC Sachsen beim Derby Ende Mai.

Der FC Sachsen hätte selbst der „Abschaum der Liga“ werden können. Als 2006 Red Bull anklopfte, verhinderten Fanproteste den Einstieg des Brauseproduzenten. Heute ist Sachsens Vorstandssprecher Lars Ziegenhorn gespalten, was sein Verhältnis zu den Rasenballern angeht. Einerseits hat er die Bullen in der Süddeutschen Zeitung kürzlich als „Plastikklubs mit Plastikfans“ bezeichnet. Andererseits wünscht er dem Verein alles Gute: „RB soll seinen Weg gehen, Leipzig braucht das.“ Zudem zeigte sich RB beim Derby am letzten Spieltag spendabel, nahm der eigentlichen Heimmannschaft FC Sachsen Organisation und einen Teil der Mietkosten für das Zentralstadion (etwa 50 000 Euro) ab. Im Vergleich zu den neureichen Rasenballern ist der FC Sachsen ein armer Schlucker am Rande des Existenzminimums. Der Verein befindet sich noch immer in der Insolvenz, stellt sein kickendes Personal nur noch auf 400-Euro-Basis ein. Laut Ziegenhorn muss der Etat von 950 000 Euro auf etwa 800 000 Euro reduziert werden. „Das Loch ist noch groß. Unser Ziel ist, dass der Etat zu zwei Dritteln gedeckt ist, wenn wir in die Saison starten.“ Ziegenhorn wäre froh, wenn sein Verein in der neuen Oberligaspielzeit das obere Tabellendrittel erreicht. An einen Aufstieg ist vorerst nicht zu denken.

Der 1. FC Lokomotive Leipzig hat ein „Scheißjahr“ hinter sich. So fasst es Klubpräsident Steffen Kubald zusammen. Platz 12 in der Liga, ein Jahresverlust von 24 000 Euro – nicht nur das sorgte für schlechte Stimmung auf der Mitgliederversammlung vergangene Woche. Acht Spieler verlassen die Mannschaft, darunter mit Manuel Starke einer der Leistungsträger dieser Saison und der 35-jährige Torsten Jülich, der schon als Jugendlicher für Lok spielte. Und wenn der neue Trainer Achim Steffens zu Saisonbeginn seinen Job antritt, wird er der vierte Lok-Trainer innerhalb von etwas mehr als einem Jahr sein.

Einen Grund für die Unruhe sieht Präsident Kubald bei den eigenen Fans. Deren Kritik gehe „unter die Gürtellinie: Da werden Leute beschimpft und beleidigt. Und diejenigen, die beleidigen, hatten vielleicht noch niemals eine Turnhose an.“ Und auch wenn es in diesem Jahr keine gewaltsamen Ausschreitungen von Fangruppen gab: Das Werfen von Feuerwerkskörpern hat den Verein im vergangenen Jahr 10 000 Euro Strafe gekostet. Die Zukunft seines Klubs sieht Kubald darin, „dass Spieler gern bei uns sind, weil wir vor mehr als 150 Zuschauern spielen.“ Den Aufstieg von RB bewundert er nicht: „Die hätte auch der Greenkeeper trainieren können.“

Lothar Matthäus, der beim FC Bayern laut Uli Hoeneß nicht einmal Greenkeeper wird, wird scherzhaft als neuer RB-Trainer gehandelt. Ein neuer RB-Trainer müsste den Kickern vor allem Offensivschwung verleihen. Denn nur so lassen sich bisher Fußballfreunde ohne Vereinspräferenz anlocken. Gut möglich, dass in der nächsten Saison die Derbys zwischen Lok und Sachsen die meisten Zuschauer ins Zentralstadion ziehen, das dann Red-Bull-Arena heißen wird. Denn neben einigen attraktiven Gegnern (Halle, Chemnitz, Magdeburg) werden auch Mannschaften wie SV Wilhelmshaven oder VfL Wolfsburg II in der Bullenarena gastieren – Geisterkulissen scheinen vorprogrammiert.

Die Rasenballer beschäftigen einige Baustellen, weil von heute auf morgen professionelle Strukturen in einer Stadt aufgebaut werden müssen, die seit 1994 auf Bundesligafußball wartet. Das RB-Hauptquartier ist die Sportschule des Sächsischen Fußballverbands in Abtnaundorf. Doch die Plätze sind manchmal von Auswahlmannschaften belegt, so dass das Team auf Sportanlagen in der Umgebung ausweichen muss. Die Kicker steigen dann nach dem Training ungeduscht in ihre Autos, um zur Sportschule zurückzufahren. Ein eigenes Trainingszentrum ist in Planung.

Ein weiteres Beispiel: Die neue Geschäftsstelle an der Ecke Neumarkt/Magazingasse genügt höchsten Ansprüchen, ist mit Sofas, Flachbildschirmen und Kühlschränken für das obligatorische Hausgetränk ausgestattet. Wer dorthin will, muss jedoch durch ein wenig einladendes Treppenhaus, in dem kräftig gewerkelt wird und Pappkartons im Weg liegen. RB Leipzig – ein außergewöhnlich begabtes Retortenbaby, das aber noch nicht richtig laufen gelernt hat.

Veröffentlicht unter: 16. Ausgabe, 04.06.2010, Geschichten, Jan Kröger, Johannes Pöhlandt

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


Glotze statt Gutenachtgeschichte? Bequemer für Eltern, doch bedauerlich für Kinder. Pfarrer Frank Martin schafft darum in Leipzig Leseläden für Kinder, ...