„Endlich haben wir eine, Gott sei Dank!“

Mädchen in einer Männerdomäne: Katharina Beckemper, 39, wird die mutmaßlich erste Jura-Professorin in der Geschichte der Uni Leipzig sein. Ab Oktober wird sie für Strafrecht, Strafprozessrecht und Wirtschaftsstrafrecht berufen. Und sagt von sich: „Ich bin typisch Mädchen.“

Das Gespräch führten Franziska Gaube und Jonathan Fasel

Noch hat sie ein kleines, karges Büro. Tisch, drei Stühle, ein paar Schränke. „Auf Fotos war ich jetzt gar nicht vorbereitet“, sagt Katharina Beckemper, huscht zum Schrank. Drinnen: ein Spiegel, ein bisschen Schminke.

Sind Sie eine Emanze?
Da müsste ich mit einer Gegenfrage antworten: Was ist eine Emanze? Ich glaube, in den Verdacht komme ich gar nicht.

Immerhin sind Sie ja die erste oder zumindest eine der ersten Jura-Professorinnen in der Geschichte der Uni Leipzig.
Ist das so? Irre. In den Dimensionen habe ich noch gar nicht gedacht. Stimmt: Zumindest werde ich zum Zeitpunkt meiner Berufung die einzige sein.

Das ist ja immerhin schon eine Leistung.
Ich finde, Emanze hat immer so ein bisschen den Unterton, man kämpfe gegen Männer, die einen immer alle bevormunden. Das ist hier überhaupt nicht der Fall, die hätten unglaublich gerne schon vorher eine Frau eingestellt. Das ist nicht so, dass sie gesagt haben, wir schließen hier die Reihen und weibliche Bewerber beachten wir nach Möglichkeit gar nicht. Es gab einfach keine passenden Bewerberinnen. Ich habe im Moment das Gefühl, die freuen sich alle ganz heftig. So nach dem Motto: Jetzt haben wir mal eine, Gott sei Dank!

Gibt es nur in Leipzig so wenig Frauen in der Jura?
Nein, das ist überall so, ich kenne mehrere Fakultäten, die noch keine Frau haben. Die Fakultät, aus der ich gekommen bin, die haben auch erst eine Frau berufen und sie suchen händeringend. Die würden wirklich gerne. Ich kenne auch kaum weibliche Privatdozenten. Dafür aber viele Habilitandinnen, da wächst ganz schön viel nach. Dass es sich nach oben hin ausdünnt, ist, glaube ich, normal.

Woran liegt das?
Frauen haben erstens eine andere Form von Ehrgeiz, ich merke das immer daran, wie Männer und Frauen mit Titeln umgehen. Dann noch ein banales Problem: Wenn sie fertig sind mit der Habilitation, dann sind sie so Mitte oder Ende 30. Eine Freundin von mir ist jetzt fertig geworden, hat aber zwei Kinder. Bewirbt man sich, kann man sich die Stadt nicht aussuchen. Sie weiß jetzt schon, dass sie sich wahrscheinlich nicht bewerben wird.

Beckemper lacht viel, spricht schnell. Unbeschwert wirkt sie, fröhlich. Und immer wieder, ganz plötzlich, nachdenklich: Dann macht sie Pausen, fixiert ihr Gegenüber.

Sie haben zuerst Werkzeugmechanikerin gelernt.
Man könnte jetzt sagen, dass ich damals schon gemeint habe, ich müsste eine Männerdomäne erobern. Das hatte damals aber ganz pragmatische Gründe. Ich komme aus einer Handwerkerfamilie, da war die Idee, dass ich studiere, nicht selbstverständlich. Für meine Eltern war klar: Ich mache erst einmal eine Lehre. Am liebsten eine Banklehre –
und das musste ich irgendwie verhindern. Das ging nur, indem ich eine andere Lehre gemacht habe und da ich unbedingt studieren wollte, habe ich ein duales Studiensystem gemacht. Ich habe Werkzeugmechanikerin gelernt und gleichzeitig studiert. Leider bin ich handwerklich total unbegabt, hätte das aber so gerne gekonnt. Nach einem Jahr hab‘ ich dann gemerkt, dass ich dort nicht glücklich geworden wäre.

Wie sind Sie dann letztendlich auf Jura gekommen?
Mir ist ganz einfach nichts anderes eingefallen.

Aber dafür hat sich Ihre Karriere im Fach recht prächtig entwickelt.
Das war ein Zufallstreffer – so wie Leipzig. Das Studium hat mir Spaß gemacht, von Anfang an. Keiner weiß doch, was ihn als Jurist erwartet. Wenn man so gar keinen Bezugspunkt dazu hat, keine Bekannten oder Verwandten, dann stellt man sich das Jurastudium ganz anders vor, als es eigentlich ist. Man geht immer so davon aus, dass man Gesetzte auswendig lernt. Aber es geht mehr darum, etwas zu kapieren, als etwas auswendig zu lernen.

Haben Sie einen Bezug zu Ostdeutschland?
Ich komme aus dem tiefsten Westen, habe aber promoviert und habilitiert in Potsdam. Das lag nicht daran, dass im Westen nichts frei gewesen wäre. Ich bin damals ganz bewusst in den Osten gegangen. Als ich 1994 in Athen studierte, sprach man uns Deutsche immer auf die Wende an. Ich habe damals in Osnabrück studiert, bis dort war damals noch kein Ostdeutscher vorgedrungen. Die Wende und die ehemalige DDR, das war 1994 für mich immer noch sehr weit weg. Da wurde mir klar: Wenn du noch irgendetwas davon mitbekommen willst, dann geh mal ganz schnell dahin.

Bei einer Berufung können Sie sich die Stadt hingegen nicht aussuchen. Leipzig war also reiner Zufall.
Richtig. Als Privatdozent ist man erst einmal froh, wenn man eine Stelle bekommt. Aber Leipzig war mein Sechser im Lotto, Leipzig ist genau meine Stadt. Ich kam hier an, bin durch die Innenstadt gegangen und dachte – okay, ich will hier bleiben. Die geographische Lage ist perfekt, weil ich immer noch nach Berlin fahren kann. Ich habe lauter Gründerzeitmöbel, die passen exakt zur hiesigen Architektur. Zugegeben: Es war nicht immer so, dass ich nach Leipzig wollte. Aber als ich dann hier war, wusste ich, dass ich bleiben will.

Was fehlt in Leipzig? Was sind Leipzigs Schwachpunkte?

Stille, große Augen schauen mich an. Fast ein bisschen so, als ob man sie beleidigt hätte. Genauso plötzlich lächelt sie wieder.

Es regnet manchmal. Das finde ich ganz furchtbar. Ich habe mich in Potsdam und Berlin nie heimisch gefühlt. Immer wenn ich in Berlin in den Zug gestiegen bin, war es dort grau, kalt und unübersichtlich. Bin ich in Leipzig ausgestiegen, war es freundlich und einladend. Das war ein bezeichnend.
Mir fällt wirklich nichts Negatives ein. Das kulturelle Angebot ist grandios, die Leute sind nett. Alles ist mit dem Rad erreichbar. Sagen Sie mir was, vielleicht könnte ich zustimmen.

Der Zustand der Straßen zum Beispiel.
Ja, dass stimmt, die Schlaglöcher. Wenn wir das vielleicht aufschreiben könnten? Sonst wirkt das ja naiv.

Wie gut, wie schlecht haben es die Jurastudenten hier in Leipzig?
Ich kenne ja nur drei Unis, das muss man fairerweise sagen. Osnabrück, Potsdam und Leipzig sind ungefähr gleich groß und alle ähnlich aufgestellt. Alle drei zeichnen sich dadurch aus, dass ihr Einzugsgebiet sich auf Studenten beschränkt, die aus dem Umkreis kommen, dadurch wird das so eine nette homogene Masse.

Wie sieht’s mit Chancen der Studierenden auf dem Arbeitsmarkt aus?
Letztens druckte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen großartigen Artikel: „Generation Jammern“. Da ging es darum, dass junge Leute heutzutage denken, man bekomme keinen Job mehr. So nach dem Motto: Heute ist man Akademiker, dann Taxifahrer. Dieser Artikel machte klar: Das stimmt alles überhaupt nicht. Die Einstiegsgehälter sind höher als vor zehn Jahren, die Arbeitslosenquote unter Akademikern ist niedriger.
Das kann ich aus meinen persönlichen Erfahrungen bestätigen. Ich bin ja schon lange dabei und schaue mir Studentenkarrieren an. Den taxifahrenden Volljuristen kenne ich nicht. Ich hab tatsächlich einmal erlebt – das fand ich schlimm –, dass ich die Tür aufmachte und der Paketmann war ein ehemaliger Student. Aber er hatte das Examen nicht geschafft. Ohne Examen wird es schwierig, das ist klar.

Sie haben in Athen studiert, haben Sie noch einen Bezug zu Griechenland? Wie empfinden Sie die Krise?
Kontakte nach Griechenland hab ich gar nicht mehr. Das war damals ein internationales Studium – sechs Leute aus jedem europäischen Land, natürlich auch sechs aus Griechenland, aber mit denen hatten wir am wenigsten zu tun. Mag seltsam klingen, aber die Griechen waren schon 1994 nicht besonders europafreundlich. Meine Meinung ist, dass die Griechen Europa noch nie ernst genommen haben.

Um einen kleinen Bogen zum Beginn zu spannen: Denken Sie wie ein Mann?
Wieder eine Gegenfrage: Wie denkt ein Mann? Um auf Ihre Frage zu antworten: Ich glaube nicht. Ich kann rechts und links nur schwer unterscheiden, ich bin ganz schlecht im Einparken. Ich bin schon sehr Mädchen. Meine neue Internetseite ist lila. Ich glaube, ich bin schon mehr Frau als viele Frauen.

Veröffentlicht unter: 16. Ausgabe, 04.06.2010, Franziska Gaube, Gespräche, Jonathan Fasel · Etiketten:

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