„Theater ist Leben auf der Bühne“

Der englische Schauspieler Gareth Knapman kam 2005 nach Leipzig. Theater als Therapie für jeden in der Gesellschaft, sagt der 29-Jährige, wird auch in Deutschland immer mehr Anwendung finden. Erfolgreich gibt er Workshops der ganz besonderen Art – und mit ganz besonderen Menschen.

Das Gespräch führten Franziska Gaube und Ismene Laraki

Die Wände sind hellgelb, der Teppich fleckig grau. Vom Innenhof dringt ein bisschen Vogelgezwitscher herein. Zwei, drei Bilder, die vielleicht irgendwann einmal an den Wänden hängen sollen, stehen auf dem Boden. Stühle und Hocker umlagern den Raum. Ansonsten wirkt das Atelier von Gareth Knapman leer. Leer im materiellen Sinne, Geist schwingt hier eine ganze Menge. Wahllos ziehen wir uns jeder einen Stuhl aus der Ecke und fangen, mitten im Raum, mit dem Interview an.

Wieso Leipzig?
Meine Heimatstadt Birmingham und Leipzig sind Partnerstädte. Vor elf Jahren habe ich für ein Jugendtheater gearbeitet und dort regelmäßig Austauschprojekte junger Schauspieler zwischen Leipzig und Birmingham geleitet. 2002 hab ich dann Ubiquity gegründet. Es lief relativ erfolgreich, dennoch hatte ich Lust, mal woanders zu arbeiten. Es sollte nur für sechs Monate sein, mittlerweile sind es schon fünf Jahre.

Wie kam es dazu?
Ich hab damals meine jetzige Freundin getroffen, war sehr verliebt und das Geschäft lief auch nicht schlecht. Warum also nicht bleiben?

War es schwierig, in Leipzig Fuß zu fassen?
Ja und nein. Ich hab den Vorteil, dass die meisten Deutschen englisch sprechen. Alle waren von Anfang an aufgeschlossen mir gegenüber, haben sich sehr dafür interessiert, warum ich hier bin, was ich mache. Skepsis, Misstrauen oder Vorurteile sind mir nie aufgefallen. Ich denke, als Engländer habe ich nicht dieselben Probleme wie andere Ausländer in Deutschland. Ein türkischer Schauspieler, der sich in Leipzig selbstständig machen will, hätte es da wahrscheinlich schwerer. Als Engländer bist du ein positiver Ausländer.

Ein guter Schuss Selbstironie und dazu ein schiefes Grinsen. Wie passend für einen Briten.

Was bedeutet der Name deiner Firma, „Ubiquity“?
„Ubiquity“ bedeutet Allgegenwärtigkeit. Das deutsche Wort ist Ubiquität, kennt wahrscheinlich niemand. Eines meiner größten Ziele ist es, ein Bewusstsein schaffendes Theater gerade jenen Menschen anzubieten, die normalerweise nicht an künstlerischen Tätigkeiten teilnehmen können. Allgegenwärtigkeit steht dafür, dass wir überall und für jedermann offen sind. Wir wollen überall sein, das heißt, wir gehen auf unsere Zuschauer zu und warten nicht, bis sie herkommen. Wir gehen raus, machen Straßentheater und spielen in Kneipen, dort, wo viele Menschen anzutreffen sind. Die Leute sollen Lust bekommen, sich selbst auszuprobieren, groß zu agieren, Gefühle aufleben zu lassen, die sonst versteckt gehalten werden. Nicht nur die Gefühle, sondern auch sich selbst vor anderen sichtbar machen – um sich wieder schrittweise komplett und lebendig zu fühlen.

Wer kommt denn so?
Wir geben Workshops in Behindertenheimen, im Gefängnis, für Drogenabhängige und andere Randgruppen. Leute, die aus verschiedenen Gründen keinen Zugang zum Theater bekamen. Auch Altersbarrieren und finanzielle Probleme zählen dazu. Zu unseren „Theater für Jedermann“-Workshops kommen manchmal ältere Schüler oder Studenten, manchmal sind es Leute mittleren Alters, die nach kreativer Abwechslung zu ihrem alltäglichen oder beruflichen Leben suchen.

Was ist für dich dabei die größte Herausforderung?
Der Job der Workshopleiter ist: die Augen offen haben und die Leute kennenlernen. Mit der Zeit eignet man sich dann eine gewisse Menschenkenntnis an. Ich gehe zum Beispiel in einen Raum mit neuen Schülern, schaue mich um und versuche, die Menschen mir gegenüber so schnell wie möglich einzuschätzen. Nach ein paar Gesprächen und Spielen weiß ich dann, dass er Probleme hat, Leuten in die Augen zu schauen, oder dass sie noch nie mit Männern gearbeitet hat. Jeder kommt mit anderen Erwartungen und das ist meine Herausforderung. Viele Leute, die kommen, sind scheu oder wollen sich gegenseitig nicht anfassen. Sie denken viel zu viel darüber nach, was andere über sie denken könnten. Das ist nicht nur bei Menschen mit Problemhintergründen so, sondern viel häufiger bei Leuten, die offiziell keine Probleme haben. Eine weitere Herausforderung ist es, diese Mauern und Barrieren langsam, Schritt für Schritt, zu durchbrechen.

Gareths Deutsch trägt eindeutig englische Farbe, aber man versteht ihn einwandfrei. Deutschunterricht hatte er nie. „Mein erstes Deutsch habe ich bei Kindern von drei bis fünf Jahren gelernt. Deswegen sage ich so Sachen wie ‚Ich muss mal pullern‘. Kinder sind einfach die besten Lehrer.“

Was bedeutet Theater für dich?
Für mich ist die darstellende Kunst einfach die direkteste, weil die Darsteller leben. Die Leute sind da und leben. Außerdem fängt man an, Dinge in einem völlig neuen Licht zu betrachten. Man spielt zum Beispiel einen Mörder und auf einmal kann man sich wirklich in diesen Mörder hineinversetzen. Man weiß plötzlich ein bisschen, wie ein Mörder sich fühlt. Mit Theater kannst du verstehen, warum solche Menschen wie Mörder in der Welt existieren. Es hilft Menschen in wichtigen Lebensfragen weiter.

Schneller als die Realität?
Was im Alltagsleben an Wandlung und Wachstums-prozessen oft Monate und Jahre beansprucht, ist auf der Bühne in wenigen Wochen erleb- und durchführbar. Die Bühne bietet einen besonderen Schutzraum, sich auszuprobieren, sich weiter kennen zu lernen und neu zu entwerfen. Gerade gefürchtete oder schon sehnlichst erwünschte Rollenerfahrungen können im Jetzt gemacht werden und sich entsprechend befreiend auf das Alltagsleben auswirken. Neue Strategien können im Rahmen der Gruppe gefunden, geprobt und eingeübt werden. Die Lösung gilt zwar nur für die Bühne, nicht für das Leben, aber es entsteht das Bewusstsein, dass es viele Lösungen für ein Problem gibt.

Ist das Theater also eine Art Therapie?
Genau. Darstellende Kunst als Therapie funktioniert einfach. Ich denke, in den nächsten Jahren wird sich das mehr und mehr entwickeln. Viele große Theater haben jetzt angefangen, kleinere Workshops für jedermann anzubieten, nicht nur für Schauspieler. Menschen, egal in welchem Alter, unabhängig von ihren Fähigkeiten, können hier dazulernen.

Was genau passiert da?
Ich möchte natürlich am liebsten jeden Menschen auffordern, mal den Theaterraum als Spielender zu betreten, da auch erhebliche Unterschiede zwischen der Theater- und Lebensbühne existieren, die nützlich sind. Es gibt Probleme, die jeder hat. Das sieht man im Alltag, wenn man zum Beispiel mittags um zwei eine Kneipe betritt: Da sitzen drei Leute im Raum verteilt an verschiedenen Tischen und starren vor sich hin. Zu dritt und doch allein. Wir alle haben Probleme mit Kommunikation, inklusive derer, deren Job es ist, zu kommunizieren. Durch Theater verstehen wir, wie andere Leute denken, verstehen, warum sie ticken, wie sie ticken. Wir können sie nicht mehr abstempeln, weil wir sie ja selber spielen, in diesem Moment.

Was sind die Ziele der Workshops?
Das Ziel der Workshops ist, die Hemmschwelle der Menschen so niedrig wie möglich zu bekommen. Wie niedrig, hängt letztendlich vom Teilnehmer selber ab. Das Ergebnis ist bei jedem anders. Menschen und ihre Ziele sind alle unterschiedlich. Jeder hat ein anderes Leben, andere Erfahrungen und Erwartungen.

Mit wem würdest du gerne mal arbeiten?
Am liebsten würde ich mal mit einer Gruppe von Rassisten arbeiten. Ich möchte ihr Verständnis für andere Kulturkreise wecken. Etwas Fremdes kann für die Leute durch Theater bekannt werden, wenn sie offen genug sind, mitzumachen. Und so kann man anfangen zu verstehen und Dinge von verschiedenen Seiten betrachten.

Veröffentlicht unter: 15. Ausgabe, 21.05.2010, Franziska Gaube, Gespräche, Ismene Laraki · Etiketten: , , , , , , , , , , , , ,

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