Talent, Kontakte & Rock‘n‘Roll

An Talent und Hingabe fehlt es bei vielen Leipziger Bands nicht, eher an Aufstiegschancen. Im bundesweiten Business scheint zu gelten: Auf die Bühne kommt, wer schon auf der Bühne war. Die Stadtverwaltung schmückt ihre Veranstaltungen scheinbar lieber mit auswärtiger Semi-Prominenz.

Von Claudia Laßlop und Ute König

Junge Musiker schlagen sich in Leipzig mit vielen Problemen herum. Dabei steht die müßige Suche nach einem bezahlbaren Proberaum sicher ganz oben auf der Liste. Gleich danach aber kommen die Auftrittsmöglichkeiten. Was nützt alles Proben ohne die Aussicht, irgendwann einmal vor Publikum zu treten?

Innerhalb der Stadtgrenzen Leipzigs gestaltet sich das zunächst gar nicht mal so schwierig: „Locations gibt es hier genug“, sagt Shélhôm, Sänger der Band Two Wooden Stones. Genug, um den zahlreichen Bands, die sich in den vergangenen Jahren gegründet haben, Konzerte zu ermöglichen. Two Wooden Stones haben es sogar in relativ kurzer Zeit zu regelmäßigen Auftritten geschafft. Erst vor zwei Jahren kam Sänger Shélhôm aus Frankreich nach Leipzig. Keine Lust mehr, als Englisch-Lehrer zu arbeiten, beschloss er Musiker zu werden.

Seine jetzigen Band-Kollegen Jochen (Schlagzeug) und Matteo (Bass) traf er auf einer Party. Kontakte verhalfen zum ersten Proberaum, Kontakte verhalfen auch zum ersten Auftritt. Inzwischen spielen sie ein bis zwei Mal im Monat in Leipzig. Wenn auch nach wie vor verbunden mit viel Einsatz: „Die Auftritte muss man sich selbst organisieren“, sagt Shélhôm. Das bedeutet viel Aufwand, nicht nur in musikalischer Hinsicht, auch in finanzieller: Die ersten Schritte bezahlen die Bands in der Regel aus eigener Tasche. Aber wer bekannt werden möchte, muss in diese Auftritte nunmal investieren. Und in den Aufbau und die Pflege von Kontakten.

Das kann auch Iona-Gitarrist Norbert bestätigen: „Man ist auf Hilfe angewiesen.“ Aber mittlerweile gebe es einige junge Veranstalter, die es ermöglichen, als Support „irgendwo reinzurutschen“. Oft sind es genau diese Gelegenheiten, ein Publikum zu finden – Auftritte zusammen mit anderen Bands oder als Vorgruppe schon bekannterer Gruppen. Unterstützung von öffentlicher Seite ist diesbezüglich eher rar. Und fast hat man den Eindruck, Leipzig ignoriert seine eigene Bandszene und deren Potenzial gekonnt. Denn gerade bei Gelegenheiten wie dem Stadtfest werden lieber publikumserprobte Künstler von außerhalb geholt – in der Vergangenheit etwa mittlerweile recht prominente Gruppen wie Alphaville oder Die Happy. Dieses Jahr fiel die Wahl der Veranstalter auf Marquess und Peter Schilling. Mit The Butlers schaffen es zumindest Leipziger Urgesteine auf die Bühne. Aber Leipziger Nachwuchs? Fehlanzeige.

Der schafft sich währenddessen seine eigene Öffentlichkeit: Bewährt sich beispielsweise traditionell als Support der alljährlich ausverkauften Weihnachtskonzerte von Phillip Boa in der Moritzbastei. Steht neben längst überregional etablierten Künstlern auf der Bühne des Festivals „Leipzig.Courage zeigen“. Und vernetzt sich etwa in Vereinen wie der Bandcommunity – die große Ziele hat: „Die Rolle des Vernetzers, des Förderers, des Ansprechpartners für jeden, des Organisators, des Veranstalters, des Projektleiters, des Kooperationspartners“, so Stefan Schliewe von der Bandcommunity. „Wir wollen der Verein sein, der in der Mitte steht. Das ist nicht immer einfach, aber an vielen Ecken nützlich.“ Wichtiger Programmpunkt in der Vereinsarbeit ist das Bessere-Zeiten-Festival, das allherbstlich auf der Festwiese stattfindet. Allein 239 Bewerbungen sind dieses Jahr für den Bandwettbewerb eingegangen und nicht nur Leipziger Musiker finden sich auf der Bewerberliste. Selbst wer es nicht unter die zehn Gewinner schafft und schließlich beim Festival auftreten darf, findet sich dennoch in einem großen Pool von Gleichgesinnten und kann munter Kontakte knüpfen – und so auch über die Stadtgrenze hinaus gelangen.

Denn wenn es nicht gerade um den Bereich klassischer Musik geht, erweist sich diese Stadtgrenze als nicht zu unterschätzen. „Obgleich die Leipziger Musik- und Subkulturen oftmals sehr vielseitig, kreativ und auch verdammt begeisternd und mitreißend sind, gelingt – im Vergleich zu den Metropolen Hamburg, Berlin, Köln – leider eher wenigen Künstlerinnen und Künstlern der Sprung über die Stadtgrenzen hinaus“, sagt Matthias Puppe, Pressesprecher der Musikmesse Pop Up. Demnach hätten viele Leipziger Künstlerinnen und Künstler in den vergangenen Jahren meist erst den Sprung nach Berlin und Co. schaffen müssen, „um überhaupt wahrgenommen zu werden“. Und erst das Wahrgenommen-Werden öffnet weitere Türen.
„Von den Veranstaltern bekommt man meistens zu hören: ,Euch kennt keiner, also zahlt keiner, also verkaufe ich wenig Getränke, also nehme ich doch lieber eine lokale Band‘ “, erinnert sich Lucas Hull, Sänger der Band Dante‘s Dream, an die Planungen der Tour, die sie im Frühjahr 2010 in süddeutsche Clubs führte. Dabei geht es noch nicht mal um Zweifel an der musikalischen Qualität. Erst einmal auf der Bühne, spricht die immerhin für sich selbst: „Die Reaktionen sind eigentlich immer gut. Denn wenn man bei einem Konzert erst mal vor Ort ist, nimmt einen die Musik auch meist mit.“ Und auf diese kleinen Erfolge lässt sich dann aufbauen. Die gleiche Erfahrung macht auch Shélhôm von Two Wooden Stones: „Vieles läuft nur über Vertrauen.“ Seit Wochen steckt er viel Zeit in die Planung der ersten Tour. Mehr als 50 Mails verließen bisher sein Postfach. Doch diese formalen Anfragen laufen meist ins Leere. Zusagen bekam die Band lediglich für zwei Auftritte (immerhin in Paris). Um rauszukommen, braucht es viel Durchhaltevermögen und neben einem zufriedenen Publikum auch persönliche Kontakte zu Musikern, die die eigene Band weiterempfehlen oder einladen. Ein Gig in Kanada wäre für Two Wooden Stones beispielsweise gerade einfacher zu bekommen als ein Auftritt in Deutschland – zumindest theoretisch. Die Freundschaft zur kanadischen Band Long Voyage würde es möglich machen, wäre da nicht die extreme Entfernung.

Bei allem Können und Wollen hilft manchmal auch einfach ein bisschen Glück. Die Leipziger Reggae-Sängerin MANJA schaffte es 2007 zu Stefan Raabs Bundesvision Songcontest. Als Vertreterin Sachsens stand sie auf der ganz großen Bühne und vor einem noch größeren Fernsehpublikum. Bis heute wird sie auf diesen Auftritt angesprochen, aber „direkt danach verpuffte viel“. Was sie nicht davon abgebracht hat, ihrer Musik treu zu bleiben. Wenn sie sich mit ihrem aktuellen Album nun wieder auf kleineren Bühnen bewegt, so gelingt ihr das immerhin deutschlandweit. Und nach erfolgreichen Leipziger Künstlern gefragt, muss sie nicht lang überlegen: „Think about Mutation, Die Prinzen, The Firebirds, Mister Sushi, Diario, Lipstix, Die Tornados, Sonic Boom Foundation, Pioneer von Germaica Records ehemals Messer Banzani, die FarEast Band, Jahtari – Leipzigs Musikszene hat für jeden was zu bieten.“ Von den Erfolgen dieser und anderer spricht auch Matthias Puppe und sieht diese meist in bestimmten Nischen, „heute vor allem im Bereich Techno / House: Kassem Mosse, Filburt w/ Good Guy Mikesh, Matthias Tanzmann oder die Jungs von Kann Records.“ Die beiden Letzteren fanden immerhin lobende Erwähnung bei der New-York-Times-Nominierung Leipzigs als einem der „31 Places to go in 2010“. Nicht zuletzt Konzerte und der Charme der hiesigen Veranstaltungsorte wurde da betont.

Aber muss es angesichts einer so abwechslungsreichen und produktiven Musiklandschaft überhaupt um den großen Erfolg einiger weniger gehen? „Ich will in erster Linie Musik machen“, betont Shélhôm und ähnlich klingt es bei den meisten befragten Musikern. „Musik machen ist Idealismus, in den man viel Kraft und Geld investiert, aber ,nur‘ Kraft zurückbekommt. Das muss man schon wollen und aushalten können“, meint Lucas Hull. Während Dante‘s Dream ihr Debüt Ende 2009 schon vorgestellt haben, müssen Two Wooden Stones ihre Zeit momentan mehr in die Produktion ihrer CD als ins Musizieren investieren. Und sich außerdem um die Finanzen und viel anderes Organisatorisches kümmern. Gerne würden sie all das an Dritte weitergeben, um sich ganz auf die Musik konzentrieren zu können. Aber die Zusammenarbeit mit einem Label setzt zuerst einen gewissen Erfolg voraus. Den wollen die Musiker zwar einerseits erreichen, der Traum der Band – wie wohl bei den meisten – ist es nunmal, von der Musik leben zu können.

Doch andererseits soll der Ruhm auch wieder nicht zu weit gehen. Auf das Pausen-Bierchen mit ihrem Publikum und die üblichen Jam-Sessions nach den Konzerten verzichten, das wollen Two Wooden Stones auf keinen Fall. Die eigene Authentizität soll bleiben und die Nähe zum Publikum auch. Shélhôm bringt es auf den Punkt: „I don‘t wanna be famous. I wanna be recognized!“

Wurde 1983 in Stuttgart geboren, ist 2004 nach Leipzig ausgewandert, studiert dort seither Journalistik und Musikwissenschaft, machte 2008/2009 einen Abstecher in den hohen Norden für ein Volontariat in Cuxhaven und setzt nun alles daran, bald ihre Diplom-Urkunde übers Bett hängen zu können.

Veröffentlicht unter: 15. Ausgabe, 21.05.2010, Claudia Laßlop, Geschichten, Ute König · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

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