„Singen schweißt wirklich zusammen“

Sarie Teichfischer managt einen Arbeitslosenchor und ist selber arbeitslos. Zu unserem Treffen kam sie von einem Termin beim Arbeitsamt. Vielleicht, sagt die 31-Jährige, hat sie bald wieder einen Job. Keine Sorge, aus dem Chor fliegt sie deswegen aber nicht.

Das Gespräch führten Dorothea Hecht und Ismene Laraki

Sarie Teichfischer: Ich bin heute mit der Straßenbahn zum Arbeitsamt gefahren, da könnte ich jedes Mal heulen.

Weiter: Warum?
Na, die Linie, die zum Arbeitsamt fährt, da trifft man auf so viel Elend. Wie die Eltern manchmal mit ihren Kindern umgehen, da kommt mir jedes Mal das kalte Grausen. Wenn da eine Mutter droht, ihr Kind vor die Tür zu setzen, dann glaubt das doch eine Dreijährige! Die tun mir so leid.

Trifft es dich so, weil du selber einen Sohn hast?
Ja, seit ich selber ein Kind hab, bin ich da noch viel dünnhäutiger und kann auch nicht mehr weggucken und das ausblenden.

Vielleicht musst du bald gar nicht mehr zum Arbeitsamt …
Ja, ich hab wohl bald einen neuen Job.

Passt er zu deiner Ausbildung – was hast du eigentlich studiert?
Nein, es hätte wieder mit Pressearbeit zu tun, was ich ja schon eine Weile haupt- und ehrenamtlich mache. Studiert habe ich Anglistik, Journalistik und Deutsch als Fremdsprache (DaF).

Die Kombination ist ja schon etwas …
… perspektivlos, sag es ruhig. Ich dachte, mit DaF hätte ich im Ausland immer einen Job, aber dann hab ich das nie praktiziert und jetzt würde ich da wohl kaum was kriegen.

In manchen Ländern wird das aber doch gesucht.
Ja, in Usbekistan oder so. Da musst du erst mal die Sprache können. Früher hätte ich gern als Kultur-Organisator beim Goethe-Institut gearbeitet. Im Ausland Lesungen deutscher Autoren organisieren und so, ein super Job. Aber diese Stellen sind ja unheimlich begehrt, da hast du keine Chance.

Also bist du stattdessen Managerin eines Arbeitslosenchors geworden?
Das war eher Zufall. Nach dem Studium habe ich mich erst für ein Zweitstudium eingeschrieben und nebenbei bei der Post gearbeitet. Danach bin ich für ein halbes Jahr nach Schottland gegangen und hab dort in einer Jugendherberge gearbeitet, ich wollte einfach mal weg. Dann bei RTL im Archiv und 2006 hab ich beim Mitteldeutschen Verlag in Halle angefangen. Die wollten dort eine Pressestelle aufbauen, haben die Sekretärin gefeuert und mich als Pressefrau eingestellt.

Das klingt nach einer sicheren Stelle. Warum hast du dort nach eineinhalb Jahren schon wieder aufgehört?
Es war relativ stressig und als ich schwanger wurde, bin ich für ein Jahr in Elternzeit gegangen und hab danach einfach gemerkt, dass es nicht mehr geht. Das ist locker ein 50-Stunden-Job und das konnte und wollte ich als Mutter nicht leisten.

Noch dazu bist du alleinerziehend.
Ja, seit mein Sohn eineinhalb Jahre alt ist. Da war ich auf einmal alleine, arbeitslos, hab einen Job gesucht, eine Wohnung und einen Krippenplatz für meinen Sohn. Das war ein ganz schlimmes Jahr. Irgendwann hatte ich dann endlich den Krippenplatz und konnte in Ruhe eine Wohnung suchen und einrichten. Und als ich damit fertig war, bin ich in ein Loch gefallen. Ich saß allein in meiner fertigen Wohnung, mein Kind in der Krippe und hatte nichts zu tun. Ich hatte jetzt Zeit zur Arbeit zu gehen, aber ich hatte keine Arbeit.

Hast du bei Familie und Freunden Halt gefunden?
Die haben gar nicht gemerkt, wie schlecht es mir ging, weil ich mit letzter Energie versucht habe, mir nach außen hin nichts anmerken zu lassen. Ich hab teilweise wie hinter einer Glaswand gelebt. Beim Einkaufen zum Beispiel, da waren die Leute für mich in einer anderen Welt. Meinen Sohn morgens in die Kita zu bringen und abends wieder abzuholen, das war meine einzige Anstrengung am Tag. Mehr hätte ich zu dem Zeitpunkt gar nicht geschafft.

Was hast du dagegen gemacht?
Ich bin irgendwann zur Psychologin gegangen und habe gesagt, es geht nicht mehr, ich muss irgendetwas tun. Die hat mich dann in die Tagesklinik überwiesen. Da bin ich morgens hin und erst nachmittags wieder nach Hause. Das hatte so eine Regelmäßigkeit und Struktur wie Arbeit, genau das Richtige.

Und dann kam der Arbeitslosenchor?
Fast. Ich hatte schon vor längerer Zeit eine Anzeige gelesen im Kreuzer: „Manager für Arbeitslosenchor gesucht“. Da hab ich nur gedacht: Genial. Ich bin arbeitslos, ich kann managen und ich singe gerne. In dem Moment, in dem ich das gelesen habe, wusste ich auch, den Job krieg ich. Tatsächlich haben sie mich genommen, obwohl es noch 14 andere Bewerber gab.

Trotzdem war es kein „richtiger“ Job.
Nein, es war ein Zuverdienst zum Arbeitslosengeld I und später zu Hartz IV. Es waren ja auch nur 10 Stunden die Woche, aber mehr wollte ich in dem Moment auch nicht. Im Laufe der Zeit hab ich aber viel mehr als diese 10 Stunden für den Chor gearbeitet, freiwillig, denn es hat Spaß gemacht, und es war viel zu tun.

Wie hast du dich auf das erste Chor-Treffen vorbereitet? Hattest du Angst, dass niemand kommt?
Auf jeden Fall. Es war ja schon schwierig, die Flyer zu gestalten. Spricht man die potentiellen Sänger jetzt mit „Sie“ an oder mit „Du“? Es sollten sich ja alle angesprochen fühlen, egal ob jung und alt.

Und dann der Name: Arbeitslosenchor. Klingt ein bisschen wie Gefangenenchor.
Ja, wir fanden den Namen auch furchtbar und haben lange überlegt, wie wir uns nennen könnten. Die Frau unseres Chorleiters Michael Reuter hatte dann die Idee: „La Bohème“. Das hat uns super gefallen, weil es einen Bezug hat: Arbeitslose Künstler, die von ihrer Kunst nicht leben können – das passt auf uns und klingt auch noch gut.

Wie war das erste Treffen?
Wir – also der Chorleiter und ich – waren richtig aufgeregt und so froh, als die ersten angedröppelt kamen. Einer nach dem anderen, die meisten schüchtern. Und dann waren tatsächlich 24 Leute da. Rentner, Mütter mit Kleinkindern, ein junger Mann Mitte 20, ein ehemaliger Marktschreier, der sich die Stimmbänder ruiniert hatte – richtig schön durchmischt.

Das klingt so … normal.
War es auch. Wir haben dann sofort losgelegt mit Singen, keine Vorstellungsrunde oder so. Wir wollen schließlich keine Selbsthilfegruppe sein.

Du singst ja auch selber mit. Welche Rolle hast du im Chor übernommen?
Offiziell war ich natürlich die Organisatorin und Pressefrau. Ich glaube aber, intern bin ich für viele die Chor-Mama geworden, der man alles erzählen kann. Das ist auch in Ordnung, solange es nicht Überhand nimmt. Eine Zeit lang habe ich zum Beispiel ständig Anrufe bekommen, auch spätabends. Das wurde mir dann zuviel. Zumal ich auch zunehmend zu den abenteuerlichsten Zeiten von der Presse angerufen wurde. Seit der Vereinsgründung im Dezember bin ich im Vereinsvorstand.

Ständig mit den Problemen anderer Leute konfrontiert zu sein – wie schaltest du da ab?
Der Chor war und ist eine gute Lektion im Kurs „Abgrenzung üben“. Zum Glück kann ich mit Freunden gut drüber reden. Auch mit unserem Chorleiter, wir sind ein gutes Team. Und ich liebe es zu tanzen. Ich hoffe, dass ich mir Tanzstunden bald wieder leisten kann.

Was passiert eigentlich, wenn jemand plötzlich nicht mehr arbeitslos ist – fliegt er dann aus dem Chor?
Das ist tatsächlich ein Problem. Dieses Jahr haben schon fünf Leute eine Arbeit gefunden. Die werfen wir dann nicht raus, aber sie haben erstmal keine Zeit mehr für den Chor. Die Proben sind ja auch vormittags.

Dir geht es ja vielleicht genauso, wenn du bald einen neuen Job anfängst.
Als ich das vor kurzem auf der Probe angesprochen habe, war das auch ziemlich traurig. Ich habe im Chor so viele Leute kennengelernt, die richtige Freunde geworden sind. Das ist genau so, wie ich es mir damals vorgestellt habe, als ich die Anzeige gelesen habe. Singen schweißt wirklich zusammen.

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: 14. Ausgabe, 07.05.2010, Dorothea Hecht, Gespräche, Ismene Laraki · Etiketten:

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