Soziales Leipzig: Die Mutter für den Tag

Das Leben als Kleinkind muss ziemlich idyllisch sein. Das Leben der Eltern weniger, vor allem dann, wenn Krippen- und Kindergartenplätze knapp werden. Eine mögliche Alternative ist eine Tagesmutter. Ein Besuch bei Ute Züchner und ihren Zwergen gibt Aufschluss.

Von Helena Tsiflidis

Klein Finn, klein Larissa, klein Kosmas und klein Johannes sitzen in einem alten Holzwagen. Am anderen Ende steht Ute Züchner, den Wagen fest im Griff, und schiebt die Bande Richtung Park. Ihre Augen wandern von den Kindern zur die Straße, von der Straße zum Park und wieder zurück zu den Kindern. Konzentration und Aufmerksamkeit sind gefragt – und das ununterbrochen.

Ute Züchner ist Tagesmutter. Jeden Morgen trudeln fünf Kinder im Alter von 14 Monaten bis zwei Jahren in ihrer Wohnung ein. „Mein Tag fängt um 7 Uhr morgens an“, erklärt Ute, „wir frühstücken dann erstmal zusammen, danach wird gespielt.“ An sonnigen Tagen, wie diesem, geht Ute mit den Kindern in den Park. Wer schon laufen kann, schiebt einen kleinen Holzfrosch vor sich her oder erkundet in kleinen Schritten die Umgebung. Die zweijährige Larissa versucht sich im Seifenblasen. Johannes schiebt einen kleinen Bagger vor sich her. Weil das aber nicht so recht klappen will, kullern schon bald die Tränen. Dann kommt Ute und tröstet.

„Die Herausforderung als Tagesmutter ist enorm. Ich bin immer auf 120 Prozent“, meint die 51-Jährige. Im Vergleich zu den Mitarbeitern einer Krippe oder eines Kindergartens trägt Ute allein die absolute Verantwortung für die Kinder. Das unterschätzen viele, sagt sie. Als Tagesmutter muss sie dafür sorgen, dass die Kleinen gerne kommen und sie mögen. Außerdem muss sie mehrere Kinder gleichzeitig betreuen können. Das wolle gelernt sein.

Ute Züchner war schon früher Erzieherin, verlor aber nach 1989 ihre Arbeit. Zehn Jahre hielt sie sich mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen über Wasser, bis sie Frauen kennenlernte, die als Tagesmütter arbeiten. „Das hat mich total fasziniert. Aber ich wusste nicht, was man machen muss, um Tagesmutter zu werden.“, erinnert sie sich. Mit Hilfe der Kollegen kam sie ihrem Traumberuf Schritt für Schritt näher. Ute machte Weiterbildungen und suchte sich eine Trägergesellschaft, in ihrem Fall das Internationale Bildungs- und Sozialwerk. Da Tagesmütter halb selbstständig sind, ist eine Trägergesellschaft als Unterstützung sehr hilfreich. Ute arbeitet auch mit dem Jugendamt zusammen, wenn es zum Beispiel um Vertragsabwicklungen mit Eltern oder Weiterbildungen geht. Beide Einrichtungen zusammen bilden für Ute eine gewisse Absicherung.

„Auch unter Tagesmüttern gibt es schwarze Schafe.“, meint Ute. Es gebe Fälle, wo Tagesmütter nur als Aufbewahrungsstelle arbeiteten. Die Kinder säßen dort den ganzen Tag im Wagen herum und gingen nur selten raus. Das sei aber selten, sie kenne keinen konkreten Fall.

Insgesamt arbeiten in Leipzig 453 zugelassene Tagespflege, wie die Tagesmütter und auch die 30 Tagespfleger im Beamtensprech heißen. Sie betreuen momentan insgesamt 1814 Kinder, haben aber laut Jugendamt genehmigte Kapazitäten für 1951 Kinder.

Für Ute ist eine gute Kinderbetreuung selbstverständlich. Sie geht mit ihrer kleinen Bande nicht nur oft in den Park. Auch im Garten können die Knirpse toben, die kommunale Wohnungsbaugesellschaft LWB hat ihnen den Garten des Mietshauses, in dem sie wohnt, dafür zur Verfügung gestellt – als Puzzleteil eines Programmes zur Unterstützung von Leipziger Tagesmüttern. Die Kinder haben hier einen großen Spielraum, wo sie sich austoben können. Ute kann sich erst nach zehn Stunden Kinderchaos ein Stück Ruhe gönnen. Nachdem die Kleinen mittags ungefähr zwei Stunden geschlafen haben, wird nochmal gegessen und gespielt. Am Nachmittag werden sie dann nach und nach von den Eltern abgeholt.

Im Laufe der Zeit hat Ute eine starke emotionale Bindung zu den Kindern aufgebaut. Da fällt das Loslassen manchmal ziemlich schwer. Denn mit drei Jahren kommen die Kleinen meist in den Kindergarten und verlassen die Tagesmutter.

Den Bedarf an Tagesmüttern schätzt Ute sehr hoch ein. „Rein preislich ist eine Tagesmutter genauso teuer wie ein Krippenplatz“, erklärt sie. Das bestätigt auch Brigitte Blattmann, Koordinatorin im Jugendamt der Stadt Leipzig.

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Veröffentlicht unter: 14. Ausgabe, 07.05.2010, Geschichten, Helena Tsiflidis · Etiketten:

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