Wo die wilden Rentner wohnen

Altwerden: Das ist Krankheit und Kontrollverlust. Bleibt nur das Altersheim. Oder doch nicht? Zwei unserer Autoren haben Senioren getroffen, die ihr Leben genießen. Und das Altwerden.

Von Franziska Gaube, Claudia Laßlop und Dirk Stascheit

Dirk besuchte Gerlinde (67) und Rolf (78) in ihrer Wohn-Laube im Leipziger Westen.

Ich war lange nicht mehr hier. Es sieht ungewohnt aus, so viele Reihenhäuser, aus manchen Nebenstraßen wurden Vorgärten, aus manchen Wiesen Sackgassen. Nach drei mal Wenden finde ich dann doch die Straße, den Garten. Am hölzernen Tor hängen zwei Klingeln. Ich drücke erst die eine, dann die nächste. Rolf grinst aus 30 Metern Entfernung, erkennt mich, trotz einiger Krankheiten, trotz seines hohen Alters, er ist 78. Und obwohl ich ewig nicht mehr hier war.

Ich war mir nicht sicher, ob sie eher auf Buttercremetorte oder Himbeerschnittchen stehen, Rolf und Gerlinde. Sie sind die Großeltern einer engen Freundin. Früher waren wir oft hier, im Teenageralter. Jetzt wohnen wir in der Innenstadt.

Gerlinde kocht Kaffee, lehnt Kuchen aus Kaloriengründen ab. Rolf entscheidet sich für Himbeer-Quark-Sahne-Schnitte, grinst verschmitzt, und fängt an zu erzählen. Wie es kam, dass sie nun in ihrer Gartenlaube wohnen.

Rolf war Feuerwehrmann, bevor er Rentner wurde, und hatte eigentlich gelernt, Tischler zu sein. Das erklärt vielleicht, wie aus einer kleinen Laube auf einem Grundstück im äußersten Westen Leipzigs nach und nach ein Haus wurde.

Vor acht Jahren wurde aus dem Streifen Bodenreformland dann Bauland. Viele der alten Leute haben mittlerweile ihre Gärten aufgegeben, ihre Grundstücke verkauft. Junge Leute haben sich Einfamilienhäuser gebaut. Nur noch eine Handvoll Menschen wohnen hier wie Gerlinde und Rolf im Bungalow, sei es für den Sommer oder ganzjährig.

Früher, bis vor acht Jahren, wohnten die beiden in einer nicht schönen, aber gemütlich eingerichteten Wohnung in Lindenau. Damals, als Rolf noch als Hausmeister ein wenig dazuverdiente, war die Laube ihr Fluchtpunkt für den Sommer. Dann wurde der Block saniert, viele alte Nachbarn zogen weg. So auch Gerlinde und Rolf.

Gerlinde hatte die Wohnung gefallen. Sie wäre gern geblieben. Sie ist nicht gern allein, wenn Rolf mal wieder ins Krankenhaus muss. Sie hat sich aber mittlerweile an das Leben hier draußen gewöhnt. Es ist ein schöneres Wohnen als in der Stadt, sagt sie. Denn in den Wohnungen kenne man sich ja heute kaum noch. Hier sind sie mit vielen befreundet.

Die städtische Nähe zu Läden fehlt ihnen nicht. Sie können noch Auto fahren, sind noch beweglich. Und in Lindenau sind die Einkaufsmöglichkeiten ja auch nicht viel besser, sagt Gerlinde.
Rolf hatte schon seit den Siebzigern an der Laube geheimwerkt, sie Stück für Stück ergänzt, angebaut. Alles war voller Pflanzen und Obstbäume, wie ein Urwald, sagt Rolf. In der Mitte bauten sie ein Häuschen aus Stein. Das ist jetzt die Küche. Alles andere ist angebaut, auf kanadische Art verplankt und verputzt, wie er sagt. Und winterfest, alles gut isoliert, wie Gerlinde hinzufügt. Gebaut mit dem Einverständnis aller Nachbarn, und der dazu nötigen Ämter.

Die Decke hängt recht tief, aber das heizt sich einfacher als ein Einfamilienhaus. Die Räume sind recht klein, aber auch nicht kleiner als in einer Mietskaserne. Einen Teil der Möbel haben die beiden aus der Wohnung mitgebracht. Eine zweimal vergrößerte hölzerne Terrasse, ein Wintergarten mit Elektrokamin und ein kleines Wohnzimmer bieten Sitzgelegenheiten. Der Tiefkühlschrank ist in den Schlafzimmerschrank verbaut.

„Wir haben immer gebaut“, sagt Rolf, erst die Stube, dann die Schlafstube, dann den Korridor. Dann den Wintergarten. Immer weiter. Auch mal die Küche rausgerissen, neu gemacht. „Ich bin ja frisch, glücklich und froh, dass wir alles fertig haben, jetzt, wo wir alt und krank werden.“ Das Bad hat eine Fußbodenheizung, die Badewanne ist aus der alten Wohnung.

Es gibt Wasser, Abwasser und Gas, „wie in einem normalen Haus“, sagt Rolf. Ein Pfeiler einer ehemaligen Jauchegrube dient nun als Teil des Geländers einer kleinen Brücke, über einen kleinen künstlichen Bach, der mehrere Jahre mehrere kleine Gartenteiche miteinander verband, inklusive Wasserfall. Die Wasserlandschaft musste wieder zugeschüttet werden, denn Rolf kann sich darum nicht mehr alleine kümmern, seitdem er einige gesundheitliche Probleme hatte. Die Brücke steht noch.

Er vermisst die Frösche, die immer in den Teichen saßen und quakten. Elektrisch quakende Frösche aus Ton schlagen nun Alarm, sobald man die Terrassentür öffnet.

Er ist froh, ein ebenerdiges Haus zu haben – nun, wo das Alter Schwierigkeiten bringt. Und fertig zu sein, mit Ausbau, Anbau, Perfektionieren.

Vorn im Garten gibt es auch noch einen kleinen Bungalow. Für die Enkel.

Die Cremetorte haben sie mir wieder mitgegeben.

Franziska erkundete das Wohnprojekt des Vereins „Alter, Leben und Gesundheit“ in der Lene-Voigt-Straße in Probstheida.

Sonne scheint in den Wintergarten. Gemurmel, Geschirr klirrt, Löffel klappern. Eine nachmittägliche Sinfonie. An einem kleinen Tisch sitzt Charlotte Schmidt. In ihren weißen Haaren glitzern Sonnenstrahlen. Ihr Gesicht erzählt von einem bewegten Leben. Sie strahlt, lacht und lächelt abwechselnd. Sie ist 104 Jahre alt. Aber im Altenheim muss sie nicht wohnen. Möglich macht das die Idee vom Service-Wohnen.

„Hier geht es mir gut, es sind alle so nett hier“, erzählt sie. Hier – das ist ihre eigene Wohnung. In einem sanierten Plattenbau in Probstheida im Leipziger Süden, mit wichtigen Anlaufstellen direkt im Haus. Der Verein Alter, Leben und Gesundheit (ALeG e.V.) eröffnete in diesem Gebäude 1995 eine Büro. Das Ziel: Rentnern ermöglichen, zu Hause alt zu werden. „Wenn es nach uns Menschen ginge, würden wir auf das Altwerden gerne verzichten“, sagt Gothild Lieber, Hochschullehrerin und Vorstandsvorsitzende des Vereins. Wer sich ein langes Leben wünsche, komme aber nicht umhin, sich Gedanken über das letzte Drittel seines Lebens zu machen. Das hat sich der Verein Mitte der 90er Jahre überlegt: „Wir haben angefangen mit einem zehn Quadratmeter Bürochen und haben dann die ersten Angebote gemacht. Das waren vor allem Sport und Beratung – das ist von unten gewachsen, nicht so aufgepfropft.“

Ziel des Vereins ist, dass jeder ältere Mensch so lange wie möglich in seiner eigenen Wohnung leben kann und seine Selbständigkeit bewahrt. Aber wenn Hilfe benötigt wird, sind die Mitarbeiter zu Stelle. Das Konzept wird angenommen. Und für Projektkoordinatorin Antje Weede ist es das beste Feedback, „wenn eine Wohnung über drei Generationen weitergereicht wird.“ Auch von Angehörigen komme oft positives Feedback, da sie wissen, dass ihre Eltern oder Großeltern gut betreut werden und sie die Sicherheit haben, dass hier alles läuft. Mittlerweile wollen viele Menschen aufgrund dieses Angebotes hier einziehen.

„Per Definition sind wir ein Verein der offenen Seniorenarbeit, das heißt, wir müssen, sollen, wollen für alle offen sein, also für die ganze Stadt“ so Gothild Lieber. Das ist natürlich problematisch, bedenkt man die Größe Leipzigs. Die meisten Senioren aus dem Verein leben in dem Haus in Prostheida und in der unmittelbaren Umgebung. Um für noch mehr Menschen da zu sein, wurden Zweigstellen gegründet. Zwei Mal findet man den ALeG e.V. in der Innenstadt, zweimal in Probstheida und einmal in Lößnig: „Wir müssen sehen, dass alles noch machbar ist. Es kostet ja schon viel, viel Arbeit, viel Anstrengung. Wir brauchen Mitarbeiter, die die Idee umsetzen und wach halten.“

15 Jahre nach seiner Gründung zählt der Verein heute mehr als 200 Mitglieder und mehr als 70 Mitarbeiter. Die Mitglieder sind zwischen 40 und 104 Jahren alt. Die jüngsten Mitarbeiter sind um die 30 Jahre und auch Jüngere haben hier schon gearbeitet. Vor allem junge Männer sind bei den älteren Damen sehr beliebt: „Die sind die Prototypen des netten Enkels, den die Omas alle zwangsadoptieren“, sagt Antje Weede und lacht.

Neben der Sorge um Senioren stellt der Verein auch eine Chance für Arbeitslose dar. Eine Mischung aus zeitweilig und fest angestellten sowie ehrenamtlichen Arbeitern kümmert sich um die Senioren. Schön findet es Antje Weede, nach einer gewissen Zeit zu sehen, „dass diese Menschen doch ganz viele positive Eigenschaften haben, die man logischerweise erst einmal finden muss“. Manche von ihnen hatten viele Jahre keinen Job. Ihnen fehle das Selbstvertrauen und die Sicherheit, sofort zeigen zu können, was sie drauf haben und wer sie sind. Manche kämen sogar nach Ende ihrer Maßnahme wieder. Wenn auch nur drei Stunden in der Woche, weil sie „ihre“ Rentner nicht im Stich lassen wollen.

Die so geschaffenen Angebote konzentrieren sich auf zwei Bereiche, den individuellen und den sozialen. Ersterer beginnt mit einem „Hallo, wie geht es heute?“, geht weiter mit gemeinsamen Arztbesuchen, zusammen einkaufen und reicht bishin zum Ausfüllen von Anträgen: „Da gibt es eigentlich nichts, was nicht bei uns landet und was wir dann auch versuchen, zu regeln, zu tun und zu machen“, beschwört die Vereinsvorsitzende. Um den Arbeitsaufwand zu bewältigen, kooperiert man außerdem mit Pflegediensten. Das Problem dabei: Kommerzieller Pflegedienst bedeutet Abfertigung im Minutentakt. Anziehen, kämmen, Frühstück hinstellen und schon ist der Nächste dran.

Neben dem Pflegedienst betreuten auch Minijobber die Menschen. Sie setzen sich mit an den Tisch und plaudern mit ihren Senioren, achten nebenbei darauf, dass das Frühstück wirklich gegessen wird und die Tabletten auch wirklich geschluckt werden. Auch gemeinschaftliche Nachmittage, Spiele, Sport, Vorträge, Ausfahrten mit dem hauseigenen Minibus und Gedächtnistraining stehen auf dem Programm. Und während es für verregnete Nachmittage eine Seniorenbibliothek gibt, geht es bei schönem Wetter hinaus auf die „Lange Lene“, eine altergerechte Minigolfanlage hinter dem Haus – all das ist Teil der sozialen Komponente der Vereinsarbeit.

Seine Finanzierung stemmt der Verein aus verschiedenen Mitteln und Töpfen. Durch Mitgliedsbeiträge, Zuschüsse von Land und Stadt, dem europäischen Sozialfonds, durch Spenden und kleine Sponsoren hält man sich über Wasser. Gespendet wurde zum Beispiel das Seniorenbad mitsamt Lift von der „Aktion Mensch“. „Den großen Spender, den reichen Onkel aus Amerika, den hätten wir gerne noch“, sagt Gothild Lieber. Und dabei geht es nicht einmal um die Finanzierung neuer Projekte: „Erstmal ist ein großer Plan – das ist vielleicht auch nicht zu untertrieben –, das zu halten, was wir haben.“ Auch das Wohlergehen der Mitarbeiter stehe ganz oben an. Die Bezahlung soll auf einem möglichst hohen Level bleiben, um ihr Auskommen zu sichern. Die Entwicklung des Angebotes für die Senioren hingegen richtet sich je nach dem bestehenden Bedarf.

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: 13. Ausgabe, 23.04.2010, Claudia Laßlop, Dirk Stascheit, Franziska Gaube, Geschichten · Etiketten: , , , , , , , , , , , , ,

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