Gegen die Norm: Spielfeld Stadt

weiter macht das, was man eigentlich nicht macht – wir brechen ungeschriebene Gesetze. Unsere Autorin hat Teile der Redaktion zum Fußballspielen verdonnert. Mitten auf dem Augustusplatz. Und: ohne Ball.

Von Dorothea Hecht

„Jan, Flanke, nimm den Ball an, los!“ Jonathan kommt dazwischen, Ute grätscht, Rückpass – „Ball zu mir!!!“ – ausholen, Schuss, Toooooooor! Oder, ähm … doch nicht? Warum bin ich denn die Einzige, die hier in Jubel ausbricht? Die anderen spielen weiter, als wäre nichts gewesen. Dabei habe ich den Ball doch gerade mitten ins Netz geknallt. Dachte ich zumindest. Aber wer kann das schon genau sagen, wenn der Fußball nur aus Luft besteht?

Abstimmung ist eben alles beim Air Soccer, der weiter-Version der Luftgitarre. Der Fußball fehlt, ansonsten ist alles wie in der Bundesliga: Anstoß, Freistoß, Strafstoß. Schwalbe hinlegen, Vogel zeigen, Fliege machen. Schweiß von der Stirn wischen, übern Spielfeldrand spucken, auf den Rasen rotzen. Oder besser gesagt auf die Pflastersteine. Denn wir spielen natürlich dort, wo auch während der WM die besten Fußballszenen zu sehen sein werden: Public Viewing Area Augustusplatz – alle mal herschauen, bitte!

Zuschauer haben wir nach einer Weile genug. Nur auf die richtige Fankultur warten wir noch. Jubelstürme, Anfeuerungsrufe, Fahnenschwenken – das können die Leipziger wohl nur während der WM. Vielleicht haben wir aber auch noch nicht genug Action gezeigt. Gut, gut, probieren wir’s mit einem Tonnentritt à la Klinsmann. Oder wie Torlegende Toni Schumacher den französischen Stürmer rammen? Kein Problem für unsere Inszenierungskünste. Als der Applaus nach wie vor ausbleibt, ziehen wir den Joker: Jan läuft an, springt, der Gegner merkt’s zu spät, ein schwungvolles Nicken und – zack! Der Zidane-Kopfstoß ist perfekt.

Immerhin scheint das glaubwürdig genug, um einen Zuschauer zu überzeugen, uns den Ball zurück ins Spielfeld zu werfen. „Ja, da beim Brunnen liegt er. Dankeschön!“ Sonst bleiben die Begeisterungsstürme vom Spielfeldrand aus. Für uns ist es zumindest gutes Ausdauertraining bei schönstem Frühlingswetter. Außerdem wir haben unseren Spaß. Und eine kleine Belohnung kriegen wir doch noch für unsere Mühen: Es ist zwar weder nackt noch verrückt, aber ein Kind, das übers Spielfeld rennt, gilt doch als Flitzer, oder?

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: 13. Ausgabe, 23.04.2010, Dorothea Hecht, Geschichten · Etiketten: , , , , , , , ,

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


Von Johannes Kiehl Boxenstopp für Leoliner Die Straßenbahnzüge aus Leipziger Fertigung sind deutschlandweit bekannt – Verkehrsbetriebe aus entlegenen Städten wie ...