Äthiopier, Löwe und Co.

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Sollte man im neuen Tierpark, den Leipzigs äthiopische Partnerstadt Addis Abeba gerade mit Unterstützung von Leipziger Zoomitarbeiter plant, Sachsen ausstellen? Eher nicht. Und doch machte Leipzigs Zoo-Gründer vor 100 Jahren ziemlich genau das mit Äthiopiern, finanzierte damit das erste Raubtiergehege.

Von Jonathan Fasel, Franziska Gaube und Dirk Stascheit

Wir schreiben das Jahr 1906. Lautes Wehklagen erfüllt den Leipziger Südfriedhof. Eine seltsame Prozession wandelt unter den Bäumen. Die Gruppe aus Äthiopiern und Deutschen trägt einen Sarg.

Die Äthiopier beklagen laut den Verlust eines ihrer Männer: Hassan Essaha. Er war 33 Jahre alt, als er hier in Leipzig bei einer Völkerschau an Lungenentzündung erkrankte und schließlich verstarb.

Der Sarg wird in ein namenloses Grab hinabgelassen und mit Erde bedeckt. Die Völkerschauen gehen weiter, noch fast 30 Jahre. Hassan Essaha ist nicht der erste Tote. Und auch nicht der Letzte.

Völkerschauen wurden in ganz Europa und Amerika veranstaltet. Auch in Leipzig, etwa 40 zwischen 1875 und 1931. Die Darsteller waren „Schauspieler“, keine ausgebildeten zwar, aber in fremden Ländern unter anderem unter dem Aspekt des schauspielerischen Könnens ausgewählt. Denn das war es, was sie taten: eine Show darbieten, ein bisschen wie im Zirkus. Menschenzoo.

Klischees über Exoten

Die Besucher, die an den „Exoten“ interessiert waren, bekamen ihre bereits vorhandenen Klischees dargeboten und bestätigt. Diese waren natürlich durchsetzt mit rassistischen Vorstellungen, dennoch wurden die Vorurteile pseudowissenschaftlich ernst genommen. „Das war schon nach dem Motto: ,Wir beschäftigen uns damit wissenschaftlich‘, nicht menschenverachtend wie bei den Nazis“, sagt Oliver Kobe, Student der Kulturwissenschaften, der seine Magisterarbeit über die Völkerschauen verfasste.

Die Darsteller tourten durch Deutschland, wie es heute Bands und Sänger von Gig zu Gig zieht. Nach einem festgelegten Programm und unter der Knute ihres Impresario, des Veranstalters, trat man immer wieder vor Publikum auf, die angeblich originalen exotischen Bräuche vorführend. Wie das Anwerben in den Heimatländern der Darsteller vonstatten ging, bleibt im Dunkeln und lässt sich nur schwer rekonstruieren. Auch der Rückweg, aus Deutschland in die Länder ihres Ursprungs, lässt sich heute kaum noch nachvollziehen.

Carl Hagenbeckals Vorbild Ernst Pinkerts

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Grafik: Yvonne Bölzle

Hier in Deutschland hatten sie keine Rechte, durften den Zoo nicht verlassen und schliefen oft in den „Kulissen“, also den nachgestellten Dörfern, in denen sie sich am Tag bestaunen ließen.
Der, der diesen Wirtschaftszweig nach Deutschland brachte, trägt einen bekannten Namen: Carl Hagenbeck. Der Sohn eines Hamburger Fischhändlers, dessen Vater schon Seehunde zur Kundenbelustigung herangeschafft hatte, eröffnete nicht nur Hamburgs bekanntesten Zoo, er verdiente sein Geld auch mit dem Ausstellen von Menschen. Ein profitables Geschäft, so profitabel, dass der frischgebackene Wirt des Leipziger „Pfaffendorfer Hofs“, Ernst Pinkert, sich mit diesem Geschäft das Startkapital für den heutigen Zoo Leipzig verdiente.

In den Anfangsjahren konnte man diese Unternehmung noch nicht als „Zoo“ bezeichnen. Pinkert lockte Gäste mit allerhand Attraktionen raus „aufs Land“, um sein Gastgewerbe zu beleben. Vor allem mit exotischen Tieren. 1875 wurden allerdings auch erstmalig Menschen als Attraktion vorgestellt. Zwei Jahre später gründete Pinkert den heutigen „Zoologischen Garten“, nun fanden auf der Völkerwiese und auf der Völkerbühne (ab 1901) jährlich Völkerschauen statt. Die Kassen klingelten, denn diese Schauen wurden schnell Publikumsliebling, zogen riesige Menschenmassen an.

Von den Impresarios wird berichtet…

Der Zoo selbst war fast immer nur Gastspielort. Bis auf eine Schau einer „Beduinen-Karawane“, die von Zoogründer Pinkert selbst initiiert wurde, war meist Carl Hagenbeck der Impresario der Schauen.

Von den Impresarios wird berichtet, sie hätten ihre Darsteller wie Kinder behandelt. Man unterstellte ihnen, zu dumm für eigene Entscheidungen zu sein. Weshalb man ihnen einfach alle abnahm. Zur Belohnung gab es ein bisschen „Naschwerk“, zur Strafe wurde „durchgegriffen“, schreibt Lydia Baleshzar in ihrem Aufsatz über Leipziger Völkerschauen im Buch „Auf der Suche nach Vielfalt“.

Der Tod war kein seltener Gast, vor allem bei den ersten Völkerschauen. Die Darsteller starben an Mumps, Masern und Röteln. Auch Lungenentzündungen waren nicht selten, vor allem bei afrikanischen Teilnehmern. Viele starben namenlos, wurden vergessen. Ihre Beerdigung wurde zu einem Schauspiel, viele Menschen strömten herbei, um einen Blick auf die „Exoten“ zu werfen, ohne Eintrittsgeld bezahlen zu müssen. Für die Impresarios war das die beste Werbung überhaupt.

Der Tod war kein seltener Gast

Ob diese Todesfälle hätten verhindert werden können? Natürlich hätte man die Menschen impfen können, gleich bei den ersten Völkerschauen, schreibt Baleshzar. Aber man wusste eigentlich nichts. Nicht, dass die Krankheiten für sie schlimmer verlaufen würden als für die Europäer, nicht, wie sie auf die veränderten Klimabedingungen reagieren würden. Später lernten die Impresarios dazu, und nicht nur die medizinische Versorgung verbesserte sich. In den späteren Jahren wurden sogar richtige Künstlerverträge ausgestellt, die auch die Höhe der Gage regelten.

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Das Grab des Äthiopiers. Man sieht nichts mehr.Foto: Karolin Maria Keybe

Heute ist diese Episode des Leipziger Zoos fast vergessen. Ein Aufarbeitungsversuch findet sich im Buch „Die Spur der Löwen“, welches zum 125-jährigen Bestehen des Leipziger Zoos erschienen ist. Der Städtepartnerschaftsverein Leipzig – Addis Abeba müht sich, Hassan Essaha und andere nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. 2006 legten sie Blumen auf dem Grab des Äthiopiers nieder, 100 Jahre nach seinem Tod.

2004 machte der Verein die Äthiopische Botschaft darauf aufmerksam. Denen war der Umstand nicht bekannt, auch besteht von Seiten der Äthiopier offenbar kein Interesse, die Sache weiterzuverfolgen. „Völkerschauen wurden in ganz Europa und Amerika veranstaltet, das ist in Afrika keine neue Information“, sagt die Sprecherin des Vereins, Alke Dohrmann.

Ein gemeinsames Faible für Löwen

Die Städtepartnerschaft wirkt unbelastet von Vorwürfen. Stattdessen verbindet beide Städte nun eher das gemeinsame Faible für Löwen. 1878 entstand das Leipziger Raubtierhaus. In Äthiopien ist der Löwe quasi Nationalheiligtum, und in Addis Abeba befindet sich direkt im Zentrum ein kleiner Zoo, gebaut in den Vierzigern des vergangenen Jahrhunderts. Der Tierbestand ist, nach europäischen Maßstäben, beschaulich. Zwei bis drei Affenarten, eine Kudu-Antilope, ein paar Vögel und die traditionelle Löwenzucht.

Die in Äthiopien und auch im dortigen Zoo vorkommenden Löwen sind weltweit einzigartig: Die dunkle, dichte Mähne der dadurch leidlich kälteresistenten Hochlandräuber unterscheidet sie von jeder anderen Löwenart. Die Äthiopier verstehen das Handwerk der Löwenzucht – doch dachten die dortigen Zoobetreiber kaum an Geburtenkontrolle.

Die majestätischen Tiere vermehren sich fast zu prächtig, seit 2006 geben die Verantwortlichen zu, teilweise den Nachwuchs einzuschläfern, aus Platz- und Budgetgründen.

Die Bevölkerung wie auch die weltweite Fachöffentlichkeit nahmen die Einschläferung jedoch, gelinde gesagt, nicht gut auf. Die Verantwortlichen suchten Hilfe – und fanden sie beim Leipziger Zoo. Man schickte Veterinärmediziner, die mit Hormonstäbchen beim Verhüten halfen.

Frank Oberwemmer ist ein großer, ruhiger Mensch, der leise spricht. Er ist Artenschutzreferent im Leipziger Zoo. „Verhütung in Pillenform wäre bei Löwen zu aufwändig“, erklärt Oberwemmer. „Wir schieben die Mittel unter die Haut. Das reicht dann für ein bis zwei Jahre Verhütung.“ Um sicher zu gehen, überprüft man die Wirksamkeit der Mittel aber immer wieder. Seit 2006 sind deswegen Delegationen des Leipziger Zoos regelmäßig in Addis Abeba unterwegs.

Zoo Leipzig hilft beim Projekt “Zoo Addis Abeba”

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Ein Leipziger Löwe. Die Äthiopischen Löwen haben dunklere Mähne.
Foto: Karolin Maria Keybe

Ein Jahr nach Start der Beratungstätigkeit traten Repräsentanten aus Addis an den Zoo heran und äußerten den Wunsch, die Leipziger sollten bei der Konzeption und beim Bau eines neuen, größeren Zoos helfen. „Wir haben die Kollegen bei der Grundstückssuche unterstützt und 2008 eine erste Broschüre erstellt, die sich um die Frage dreht, wie man einen Zoo macht“, erzählt Artenschutzreferent Oberwemmer. Anfang 2010 reiste das Team zu einem sechstägigen Workshop in Addis Abeba, der Fragen vom Artenschutz bis zur Architektur und Verkehrsanbindung behandelte.

Doch warum der großzügige Wissenstransfer? „Für uns entstehen ja nur die Reisekosten“, wiegelt Oberwemmer ab. „Die Städtepartnerschaft ist uns Grund genug“, erklärt er weiter, „zudem können wir einen Beitrag zum Artenschutz leisten.“ Und ja, natürlich denke man auch daran, vielleicht eines Tages eine Linie der einzigartigen äthiopischen Löwen in den Leipziger Zoo zu holen. Eine der beschriebenen Löwen-Unterarten ist heutzutage schließlich der sogenannte Zoo-Löwe, eine wilde Mixtur aller möglichen in der Natur vorkommenden Unterarten. Eine solche Frischzellenkur für den Leipziger Zoo „ist aber in weiter Ferne und nicht Motivation für unser Engagement in Addis“, versichert Oberwemmer.

Oder geht es vielleicht um Wiedergutmachung? Etwas schmallippig reagiert Oberwemmer, als das Gespräch auf die faulen Anfänge kommt. „Darüber gibt es eine ausführliche Untersuchung in der Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum des Zoos“, sagt der Artenschutzexperte und fasst zusammen: „Schlechtes Gewissen? Nein. Verantwortungsgefühl? Ja.“

Veröffentlicht unter: 12. Ausgabe, 09.04.2010, Dirk Stascheit, Franziska Gaube, Geschichten, Jonathan Fasel · Etiketten: , , ,

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