Soziales Leipzig: Lernen in m²

Drogen, Schwierigkeiten mit den Eltern oder die falsche Clique. Die Jugendlichen in der Leipziger „Krähenhütte“ haben zwar unterschiedliche Probleme, aber das gleiche Ziel: Wohnen.

Von Helena Tsiflidis

Mittwochabend in Connewitz. Die Streetworker Guntram Fischer und Susanne Ziebula sind auf dem Weg zur „Krähenhütte“. Dort sammeln sich in einem kleinen Raum im Erdgeschoss nach und nach ein paar Jugendliche um einen Holztisch. Ein Schlagzeug steht in der Ecke. Die Stimmung ist bedrückt. Ein Junge hat die Mütze tief ins Gesicht geschoben, will seine Augen verdecken. Andere sitzen einfach herum und warten darauf, dass es losgeht. Heute ist Plenum, wie alle zwei Wochen. Und alle wissen, dass es heikel wird.

Die „Krähenhütte“ in der Bornaischen Straße ist ein Jugendwohnprojekt von „sued-pol“, einer Kontaktstelle des Vereins Jugendhaus Leipzig. Es richtet sich an Jugendliche von 16 bis 25 Jahren, die von Obdachlosigkeit bedroht sind und sich in einer problematischen Lebenssituation befinden. Viele haben Drogenprobleme oder waren schon einmal straffällig und haben deswegen Schwierigkeiten, einen Mietvertrag zu bekommen. Oft spielen auch Probleme in der Familie eine Rolle. Jugendliche können oder wollen dann nicht mehr bei ihren Eltern wohnen. In der „Krähenhütte“ können sie lernen, eine eigene Wohnung zu führen und friedlich mit anderen zusammenzuleben. Dabei unterstützen sie die Sozialpädagogen Guntram und Susanne. „Wir helfen den Jugendlichen bei ihren Lebensaufgaben: der Frage nach Arbeit oder Ausbildung, Straffälligkeit abzubauen und bereiten sie auf eine eigene Wohnung vor“, erklärt Guntram. Besonders intensiv kümmern sich die beiden um Jugendliche unter 18 Jahren, die dem Verein vom Jugendamt vermittelt werden.

Damit die Jugendlichen eigenverantwortliches Wohnen lernen, müssen sie sich im Projekt an Regeln halten. Sie müssen zum Beispiel regelmäßig am Plenum teilnehmen, sich an Ruhezeiten halten und dürfen keine Drogen verkaufen. Wer dagegen verstößt, bekommt eine gelbe oder rote Karte. Zwei rote Karten bedeuten die fristlose Kündigung. Das Plenum ist für das Zusammenwohnen besonders wichtig. Hier werden alle Themen besprochen, die das Haus betreffen. Das können Probleme der Bewohner sein, Verwarnungen wegen Ruhestörung oder Kündigungen. An diesem Mittwoch bekommen drei Jugendliche nach dem Plenum Hausverbot. „Sie müssen sofort ausziehen“, erklärt Guntram, „können aber weiter von uns betreut werden, wenn sie das wollen.“ Das Plenum beschließt zusammen mit den Sozialpädagogen auch, wer einziehen darf. Die Entscheidung im Plenum ist besonders wichtig, weil sich Jugendliche manchmal schon aus der Zeit vor der „Krähenhütte“ über bestimmte Cliquen kennen. „Wenn es da schon Spannungen gab, könnte es auch im Haus schwierig werden“, sagt Guntram.

Das Projekt „Krähenhütte“ gibt es schon seit acht Jahren. Zuerst war es in Dölitz, zog aber im Juni 2006 mit Hilfe der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) in ein unsaniertes Haus in Connewitz. Die Jugendlichen haben hier eine ungewöhnliche Mitbewohnerin – die 70-jährige Hannelore Marquardt. Sie wohnt schon seit 1982 in dem Haus und dachte gar nicht ans Ausziehen, als die „Krähenhütte“ kam. Inzwischen ist sie für die anderen zu einer Vertrauensperson, „der Oma“, geworden. „Ich bin von Anfang an mit allen gut ausgekommen“, erklärt sie. Oft klopfen die Jugendlichen an ihrer Tür, einfach nur zum Quatschen. Zu einigen hat sie sogar eine richtige Freundschaft aufgebaut. Aber Hannelore wundert sich, wie ruhig das Leben in der „Krähenhütte“ ist. „Abends ist hier manchmal eine Totenstille. Man merkt überhaupt nicht, dass hier Jugendliche drin sind. Da frag ich mich manchmal, ob ich ganz allein hier wohne.“

Ein Jugendlicher bleibt durchschnittlich ein bis zwei Jahre in der Krähenhütte. Danach wird er in eine eigene Wohnung begleitet. Wie hoch der Bedarf an begleitetem Jugendwohnen in Leipzig ist, zeigt die lange Warteliste. „Sehr viele Jugendliche wollen hier einziehen“, erklärt Guntram Fischer. Deswegen hoffen alle bald auf ein Folgeprojekt in einem weiteren Haus. Für 2010 wurde ein Antrag beim Jugendamt jedoch abgelehnt. Die finanziellen Mittel fehlen.

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Veröffentlicht unter: 12. Ausgabe, 09.04.2010, Geschichten, Helena Tsiflidis · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , , , ,

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