„Rücksicht erzwingen“

Fahrradstadt Leipzig? Pustekuchen. Gerade einmal 14,4 Prozent der Verkehrsteilnehmer treten hierzustadte in die Pedale. Zu wenig, findet auch Torsten Schönebaum. Der Fahrradfahrer aus Überzeugung kennt die Knackpunkte.

Das Gespräch führten Dirk Stascheit und Jonathan Fasel

Warum Critical Mass?
In der großen Gruppe durch die Gegend fahren – das hat Vorteile. Man wird sichtbarer.

Bedeutet das auch Protest?
Das muss jeder der Teilnehmer für sich selbst entscheiden. Die Leute kommen aus den unterschiedlichsten Gründen zu Critical Mass – um mit der Klingel auf sich aufmerksam zu machen, oder weil sie wollen, dass es mehr Radwege gibt. Manche wollen, dass Autofahrer sie wahrnehmen, sie zum Beispiel nicht zu knapp überholen. Und: Es macht auch einfach Spaß, in der großen Gruppe Rad zu fahren, fetzt.

Ist das nicht gefährlicher, als hintereinander zu fahren?
Das Polizeipräsidium hält es zumindest für gefährlich, sonst würden sie keine Polizeibegleitung schicken. Ich persönlich denke das nicht – Fahrradfahrer sind im Straßenverkehr nichts Außergewöhnliches. 40, 60 Radfahrer sind sehr viel sichtbarer als einer.

Woran fehlt es mehr – Rücksicht der Autofahrer oder radfreundlicher Straßenbau?
Ich glaube, wenn es mehr Rücksicht gäbe, müssten wir nicht wirklich über bauliche Maßnahmen reden. Natürlich könnte man aber durch entsprechende Stadtplanung ein Stück weit Rücksicht erzwingen. Beides hängt voneinander ab.

In zugeparkten Nebenstraßen haben Autofahrer doch gar keine andere Chance, als einen Radler „knapp“ zu überholen …
Doch. Denn zu warten, kostet dich nur ein paar Sekunden. Die Zeit, die sie wegen Rücksicht mit Warten verbringen, das ist etwas, das viele Autofahrer überschätzen. Die innerstädtisch gefahrenen Durchschnittsgeschwindigkeiten von Autos und Fahrrädern unterscheiden sich nicht allzusehr. Wenn man mal 100 Meter hinter nem Radler herfährt, kostet das einen 15, 20 Sekunden, die man anschließend eh gemeinsam an der Ampel warten würde.

Wo sind die unangenehmen Stellen für Radfahrer?
Auf Radwegen, vor allem auf linksseitigen. Radwege-Kritiker nennen die, wegen der roten Farbe auf dem Boden, auch Blutspur. Autofahrer nehmen nur ihr unmittelbares Umfeld wahr, Radfahrer auf Radwegen werden häufiger übersehen. Jeweils wo Kreuzungen sind, Radler wieder auf die Fahrbahn kommen. Vor allem, wenn die Radler die falsche Straßenseite benutzen.

Moment, Radwege als Gefahrenquelle?
Ja. Das ist ein Dilemma. Darauf müsste erstmal aufmerksam gemacht werden, das ist den meisten Menschen unbekannt. Auch baulich kann man etwas erreichen. Indem man Radwege, etwa vor Kreuzungen, rechtzeitig wieder an die Fahrbahn anschwenkt. Das senkt das Risiko etwas – es ist aber immer noch höher, als auf der Fahrbahn zu radeln. Am sinnvollsten wäre es, Radfahrer wieder ganz normal auf der Fahrbahn fahren zu lassen.

Da hat man aber wieder mit Autofahrern zu tun.
Ja, viele Radfahrer werden das auch nicht wollen, zumindest momentan nicht. Ein Kompromiss wären Radstreifen, also quasi Radwege auf der Fahrbahn. Da wird man von den Autofahrern besser gesehen.

Was hältst du vom Vorschlag, die Bernhard-Göring-Straße zur Fahrradstraße zu widmen?
Die Gefahr ist, dass die Fahrradstraße nicht angenommen wird. Radfahrer sind sehr Umweg-sensibel, mehr als Autofahrer. Die fahren den kürzesten Weg. Ein längerer Weg muss schon sehr viel besser sein, damit er benutzt wird.

Das ist ja schon so ein wenig das Konzept Umgehungsstraße …
Die Ziele der Leute liegen zum großen Teil in der Karli. Ich bin skeptisch. Man sieht aber, dass die Stadt auf die Forderungen, die Karli zur Fahrradstraße zu machen, damit ein Stück weit eingeht. Ich finde es aber nach wie vor sinnvoller, die Karli zur Fahrradstrasse zu machen – auch für die Ladenbesitzer wäre das sehr attraktiv.

Wirklich?
Erfahrungen aus anderen Städten, mit Fußgängerzonen, zeigen ganz deutlich, dass die Streits nicht lohnen. Dort halten sich die Ladenbesitzer für blöd, weil sie nicht viel früher mitgemacht haben. Die sagen, dass hinterher viel mehr Leute kommen, weil es nun viel angenehmer ist, durch die Straßen zu flanieren. Die Leute parken in den Seitenstraßen oder kommen per Straßenbahn. Es ist etwas Psychologisches: Hier ist es normal, dass Radfahrer auf der Fahrbahn unterwegs sind und nicht unbedingt überholt werden müssen. Es ist ein Fortschritt, im Vergleich zum bisherigen Vorgehen, an Straßen, die wir sowieso ausbauen oder sanieren, noch Radwege dran zu pappen. Man muss nur sehen, dass es nicht dabei bleibt.

Wären dadurch nicht die Bernhard-Göring- und die Bebelstraße stärker befahren?
Natürlich wird es Verlagerungsprozesse geben. Andererseits gibt es schon jetzt für Autofahrer eine komfortable, breite Alternative zur Karli, die nennt sich B2.

Kann man Verkehrsströme wirklich lenken?
Verkehr ist eine Art selbstorganisierendes System. Es gibt immer soviel Verkehr, wie Angebot da ist. Wenn man den Verkehr beschränkt, wird es am Ende weniger Verkehr geben. Was natürlich die Attraktivität insgesamt steigert.

Ist die Einrichtung dieser einen Fahrradstraße vielleicht ein symbolpolitisches Ablenkungsmanöver der Verwaltung?
Das müsst ihr die Verwaltung fragen. Diese Befürchtung, dass diese mögliche Fahrradstraße in der Südvorstadt ein Alibi-Projekt ist, habe ich natürlich auch. Gerade, wenn man sich anschaut, wie sehr die Stadt mit den Zielvorstellungen heruntergeht. Bisher war geplant, den Radverkehrsanteil bis 2015 auf 20 Prozent zu steigern. Nach den in diesem Jahr vorgestellten Ideen sind das nur noch 17 Prozent. Im Moment hat der Radverkehr in Leipzig bereits einen Anteil von 14,4 Prozent. Da ist nicht mehr viel drin, das ist nicht sehr ambitioniert.

Ist das anderswo mehr?
An sich ist es peinlich für die Stadt, es gibt ja beste Voraussetzungen. Leipzig ist schließlich topfeben. Dresden hat mittlerweile 16 Prozent Fahrradanteil am Verkehr und hat damit Leipzig überholt.

Wie kommt es dazu?
Man traut sich an dieses Thema nicht ran. Radverkehr ausbauen hieße ja auch Kraftverkehr rückbauen – da herrscht immer noch die Meinung vor, man könnte es sich mit den Wählern verscherzen. In der Verwaltung wird Radverkehr als Randproblem wahrgenommen, als ein bisschen Sport und Kinderbespaßung: Die, die sich kein Auto leisten können, erledigen ihre Wege mit dem Rad, die ernstzunehmenden Leute fahren Auto. Die bewusste Entscheidung für das Verkehrsmittel Fahrrad, um schnell und sicher von A nach B zu kommen, können die noch nicht nachvollziehen. Kann sein, dass ich der Stadtverwaltung damit massiv Unrecht tue – aber es wirkt auf mich so.

Beispiel?
Ranstädter Steinweg, vierspurig, der Gehweg an der nördlichen Seite ist an der schmalsten Stelle gerade einen Meter breit. Der Radweg dort hat auch nur Mindestmaß. Dort musste die Verwaltung die Radwegenutzungspflicht auf der Südseite wegnehmen, weil der Radweg zu schmal ist. Da wurde eindeutig zugunsten der Autos der Seitenraum eingeschränkt. Das gleiche droht nun an der nördlichen Karli. Da sollen Parkstreifen hin, dafür soll der Fußweg schmaler werden. Davor kann ich nur warnen. Das wird auch für die Geschäfte dort kein Spaß werden.

Stichwort Wirtschaft. Was haben Radler zu bieten?
Wenn sich die Leute ein Fahrrad anschaffen und dafür ihr Auto abschaffen – zum Beispiel auf Carsharing ausweichen – dann haben sie mehr Geld, das sie anderweitig ausgeben können. Es gibt Untersuchungen, dass Leute, die mit dem Fahrrad zu einem Geschäft fahren im ersten Moment weniger einkaufen als Leute, die mit dem Auto kommen. Aber die Radfahrer kommen häufiger, so dass sie am Ende mehr Geld im Geschäft lassen. Insofern wäre es für die Stadt auch ein Wirtschaftsfaktor, wenn sie versuchen würde, den Autoverkehr ein wenig zurückzudrängen.

Dafür bringen Autofahrer über Kfz- und Benzinsteuer wieder Geld …
Davon hat aber ja die Stadt nichts. Für die bedeuten Autos in erster Linie Kosten. Sie müssen Straßen bauen und Parkplätze bereitstellen. Es gibt Studien vom Ökoinstitut in Freiburg, die besagen, dass die Kosten, die Autofahrer verursachen, durch die Steuern bei weitem nicht gedeckt sind. Kosten heißt Folgekosten für Umweltschäden, Folgekosten durch Unfälle oder für Krankheiten, die durch die Schadstoffbelastung entstehen und die sind durch die Kfz-Steuer nicht gedeckt. Es gibt verschiedene Rechenmodelle, über die kann man sich natürlich streiten.

Was bewegt Menschen vom Auto zum Fahrrad?
Die Alternative ist da. Radfahren ist nicht teuer. Ich halte nicht viel von Auto-Verboten. Helfen würde, wenn die Stadt mal anfangen würde, Werbung fürs Radfahren zu machen. Andere Kommunen haben da gute Erfahrungen gemacht, in Leipzig passiert da seit 20 Jahren nichts oder kaum etwas. Radfahren ist sexy, macht Spaß, ist billig, sicher, teilweise schneller als Autofahren.

Also nicht mit dem SUV in den Wald fahren, zum Joggen?
Gerade in Leipzig ist Radfahren attraktiv, weil es so viele Möglichkeiten gibt, auch abseits der Straßen weiterzuradeln.

Ist Radfahren auf der Straße nicht doch gefährlich?
Nein. Ich habe auch kein Problem, auf der Georg-Schumann-Straße zu fahren. Ich nehme mir aber auch den Platz, den ich brauche, um sicher unterwegs zu sein. Aber gerade dort macht es keinen Spaß. Da fehlt die Rücksicht der Autofahrer. Das geht, dem Vernehmen nach, anderswo in Deutschland besser.

Ist das Wendepsychologie, nach dem Motto: Ich und mein sauer verdientes Auto?
Eher Revierverhalten. Die Fahrbahn ist meins, und alles was scheinbar langsamer ist als ich, hat da nichts zu suchen. Ich hab es erlebt. Nonnenstraße, da sind 30 km/h erlaubt. Ich bin da mit 30 km/h durchgefahren und da hat mich ein Autofahrer mit zu wenig Abstand überholt und gehupt. Ich hab ihn dann in der Post wiedergetroffen und er hat mich angepflaumt. Ich habe ihn gefragt, warum er denn überholen musste, wenn ich doch schon Höchstgeschwindigkeit gefahren bin. Und da meinte er bloß so: „Ich fahre nicht hinter Fahrradfahrern.“

STICHWORT: CRITICAL MASS
Critical Mass (Kritische Masse) ist eine Aktionsform, bei der sich Radfahrer scheinbar zufällig und unorganisiert treffen, um mit gemeinsamen Fahrten und ihrer bloßen Menge auf ihre Belange und Rechte gegenüber dem motorisierten Verkehr aufmerksam zu machen, meist am letzten Freitag des Monats. Die erste Aktion gab es 1992 in San Francisco. Seit 2008 findet Critical Mass auch in Leipzig statt, zunächst noch sonntags. Im Mai 2009 werden nach einer Veranstaltung 25 Bußgeldbescheide an die Teilnehmer der Critical Mass versendet – sie hätten bei rot eine Ampel überquert, behaupten Polizisten vor Ort. Die Verfahren wurden mittlerweile eingestellt – bemerkenswert, da die belastenden Aussagen von Polizisten kamen.

STICHWORT: RADWEGE
Früher war die Benutzung rechter Radwege Pflicht. Durch die Fahrrad-Novelle von 1998 ist dies aufgehoben worden. Benutzungspflichtig sind nun nur noch Wege, die durch die Verkehrszeichen Radfahrer, gemeinsamer Fuß- und Radweg und getrennter Fuß- und Radweg ausgezeichnet sind. Diese Zeichen stehen am Beginn und müssen an jeder Kreuzung und Einmündung wiederholt aufgestellt werden. Mehr Infos zu Radwegen beim ADFC (http://bit.ly/radwege).

Veröffentlicht unter: 12. Ausgabe, 09.04.2010, Dirk Stascheit, Gespräche, Jonathan Fasel · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

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