„Eben Verwaltung, nicht Gestaltung“

Die Choreografin Irina Pauls ist in Leipzig geboren, lernte in Dresden und Leipzig ihr Metier. Nach über 20 Jahren an Bühnen in aller Welt kam sie wegen des Tanztheaters 2007 zurück in die Stadt ihrer Kindheit – und findet nicht alles rosig.

Das Gespräch führten Katharina Seibt und Dirk Stascheit

Warum Leipzig?
Es ist nicht vorrangig die Stadt, es sind die Menschen, mit denen ich arbeite. Ohne das Angebot vom Leipziger Tanztheater (LTT) wäre ich nicht zurückgekommen. Leipzig ist nach wie vor so offen, wenig besetzt. Ich habe das Gefühl, dass es für künstlerische Prozesse unendliche Freiräume gibt. Ich war ja 13 Jahre weg aus Leipzig. Von außen fand ich es großartig. Was mir hier fehlt: Wenn Orte nicht besetzt sind, dann ist auch nicht genug Input da. Die Breite, Vielfalt und die künstlerische Offenheit und Toleranz sind zu wenig ausgeprägt.

Wie meinst du das?
In Leipzig kennt man sich nicht. Es gibt zu wenig Tanz, zu wenig Aufführungschancen. Wir haben ja hier in Leipzig nur wenige professionelle Tänzer. Viele muss ich von woanders her holen. Ich habe wirklich versucht, aus der Szene und aus der Region Leute zu gewinnen. Es ist mir einfach nicht gelungen. Wir haben keine Tanzszene in Leipzig.

Was haben andere Orte, was Leipzig nicht hat?
Ich bin gern unterwegs, weil ich in meiner Arbeit unmittelbar das reflektiere, was ich erlebe. Ich bin kein „nachschaffender“ Künstler, ich habe keine fertige Vorlage, sondern mache aktuelle und auf Menschen bezogen Stücke. Was mir halt entgegen springt. Jeder Landstrich ist anders, das interessiert mich. Die auswärtigen Kollegen fühlen sich hier nicht heimisch, sie empfinden hier zu wenig Internationalität. Die Entwicklung ist großartig, aber es ist noch nicht so weit. Die innere Bewegung fehlt. Aber man kann solche Prozesse nicht erzwingen. Damals haben wir gedacht: Nun kommt die Wende, und dann geht alles ganz schnell. Doch das war nicht so. 40 Jahre DDR haben so unglaublich tiefe Spuren hinterlassen.

Für Unwissende: Was ist der Unterschied zwischen zeitgenössischem Tanz und Tanztheater?
Es ist schwer, da die Definition von Tanztheater in Westdeutschland ganz anders ist als in Ostdeutschland. Ich sehe es so: Tanztheater integriert zeitgenössischen Tanz und das, was Theater ausmacht. Stoffe, mit denen man sich auseinandersetzt, auch theatral bearbeitet. Im zeitgenössischen Tanz geht es auch um Inhalte, aber hauptsächlich um Technik, Ästhetik und was mit dem Körper passiert. Für mich bedeutet Tanztheater, dass ich nicht eine Form von Tanz finde, die sich mit sich selbst beschäftigt, sondern dass ich mich ganz bewusst abgrenze, indem ich meine Ansichten zu einem Thema sichtbar mache.

Was denkst du, was nehmen die Menschen aus dem Zuschauerraum mit nach Hause?
Das interessiert mich nicht. Wichtig ist, dass alle zusammen da sind, in einem Raum, und etwas für beide Seiten entsteht. Man muss bereit sein, sich selber und seinen Geist mit einzubringen. Diese Wachheit im Geist muss man haben. Und wenn da etwas entstanden ist, ist das für mich perfekt. Mehr muss gar nicht sein. Theater ist sehr vergänglich. Und wenn es vorbei ist, kreieren wir etwas Neues. Das ist eigentlich das Tolle am Theater. Da muss man eben hingehen …

Wie bist du zum Tanztheater gekommen?
Ich bin in der DDR groß geworden, war in der Palucca-Schule in Dresden, deren Konzept damals vollkommen sowjetisch beeinflusst war. Palucca wurde immer mehr zurückgedrängt. Trotzdem haben sie eine Wurzel der Kreativität dort vermittelt. Meine künstlerische Ausbildung in Leipzig an der Theaterhochschule basierte stark auf dem klassischen Repertoire. An zeitgenössische Tanztechniken wurden wir nicht herangeführt. Da war eine Mauer dazwischen. An der Theaterhochschule in Leipzig studierten auch die Theaterwissenschaftler und Schauspieler. Das Loch, das ich empfunden habe, konnte ich füllen, indem ich mich mit dem Schauspiel auseinander gesetzt habe. Und das hat mir ganz viel gegeben. So habe ich eine eigene Theater- und Tanzform für mich finden können.

Ist Tanztheater dein Beruf?
Das hat mit Beruf nichts zu tun. Das ist einfach das Leben. Das hat alles, meinen Werdegang, mein Menschsein beeinflusst. Ich habe dafür und damit gelebt – Stücke zu machen, mit Menschen zusammenzuarbeiten … Gemeinsam etwas zu erfinden ist eigentlich der Sinn meines Lebens. Ich persönlich sehe mich als sehr autarken Künstler, der ein gewisses Netzwerk hat und auch andockt.

Was hat dich am Angebot des LTT gereizt?
Dass sich Tanz dort von der Basis aus entwickeln kann, weil es 360 Kinder und Jugendliche in den Kursen gibt. Die sind unsere potentiellen Zuschauer, die mit ihrem Körper Erlebnisse haben und diese verarbeiten. Das macht sie für Theater und Kunst sensibler. Und dass ein Transfer von den Profis zu den semi-professionellen Tänzern und den Kindern und Jugendlichen stattfinden kann. Ich dachte mir, dass dies alles die Grundlage dafür ist, dass ich in einer Stadt künstlerisch arbeiten will.

Das LTT sucht ein neues Tanzhaus. Warum?
Wir können so nicht mehr arbeiten. In unserem Gebäude in Lößnig müssen sich viele Kinder auf irgendeinem Gang umziehen. Es ist einfach nur zu voll. Darunter leidet die Arbeit total.

Wie steht’s?
Nichts ist offiziell. Das LTT möchte gerne den Lokschuppen am Lene-Voigt-Park, im Mai fällt die Entscheidung. Wenn das geht, wird es noch einige Jahre dauern, bis der Lokschuppen für das Tanztheater einsatzfähig ist. Der Lokschuppen wäre groß genug, vor allem ist dort auch eine Bühne integriert, die für die vielen Kinder groß genug wäre. Man hätte dann für Leipzig einen Raum, in dem Aufführungen stattfinden können, auch mit 300 Zuschauern.

Kostenpunkt?
Das Gesamtvolumen liegt bei etwa drei Millionen Euro. Dabei hängen drei Komponenten voneinander ab: Knapp zwei Millionen Euro reservierte Fördermittel, 600.000 Euro noch zu beantragende städtische Fördermittel für 2011 und 2012 und ein vom LTT finanzierter Anteil von 450.000 Euro. Das Interesse von der Stadt ist da, die künstlerische Arbeit mit den Kindern wird sehr hoch bewertet. Aber es gibt in Leipzig auch viele andere Baustellen, auch in der Kultur. Die Frage ist, welche Baustelle siegt.

„Company and Friends“. Was ist das?
Leipziger Choreografen machen an einem Abend zwei Stücke, der Leiter der Company inszeniert ein Stück. Es tanzt aber in allen drei Stücken dieselbe, die semiprofessionelle Company. Da sieht man an einem Abend verschiedene Handschriften. Dieses Projekt liegt mir sehr am Herzen.

Warum beendest du die Arbeit mit der semi-professionellen Company?
Ich habe viel Input gegeben, jetzt geht für mich der Weg weiter. Nun muss jemand anders neue Impulse setzen, die Nachfolge ist noch offen.

Gibt es in Ostdeutschland eine halbwegs progressive Tanzszene?
Nein! Gar nicht. Die zeitgenössische Tanzszene ist so international geprägt, weil man in dieser Kunst schnell anknüpfen, sich verbinden kann. Aber Ostdeutschland ist nicht international. Da fühlen sich die Tänzer einfach nicht wohl, nicht heimisch. Auch an der Palucca-Schule in Dresden sind viele internationale Tänzer, aber sie bleiben untereinander, reisen zusammen in der Welt herum. Keiner bleibt da.

Veröffentlicht unter: 11. Ausgabe, 26.03.2010, Dirk Stascheit, Gespräche

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