Alles fließt. Wasser und Euros

Wie weiter mit Leipzigs Wasserwegen? Wie entstand die Costa Cospuda? Und wie bastelt man einen Fluss? Fragen über Fragen, wir haben – pünktlich zum Start der Paddelsaison – nachgefragt.

Von Hannes Engl, Franziska Gaube und Dirk Stascheit

STADT
Leipzigs Wasserliebhaber kann scheinbar nichts schrecken, weder Smog noch braune Brühe. Sowohl Mitglieder des Rudervereins Triton als auch die Sportler der DHfK, die in den Sechzigern sogar ein neues Bootshaus an der Elster bauten, trotzten lange Jahre der dunklen, undefinierbaren Substanz auf Wasserbasis mit einem Schuss Phenol, die noch vor nicht allzulanger Zeit Leipzigs Flüsse hinab floss.

Als nach dem Zusammenbruch der Industrien in Ostdeutschland das Wasser wieder sauberer wurde, vermehrten sich die Paddler schlagartig. Neben dem harten Kern paddeln nun auch Ausflügler und Fitnessbegeisterte flussauf, flussab durch Elster, Luppe, und unter anderem, gegen den ausdrücklichen Willen der Eisvögel, auch durch den Floßgraben (andere Medien berichteten).

Die Planer von Kommunen und Verbänden erhoffen sich nicht nur ein weiteres Wachstum des Wassertourismus. Mit ambitionierten In-frastrukturprogrammen kann man schließlich auch nebenbei bisher brachliegende Flächen sanieren, zum Beispiel mit dem Stadthafen das ehemalige Heizwerk-Gelände am Schreberbad im Westen des Zentrums. Zwei Fliegen mit einer Klappe, das ist zumindest der Plan. Nach dem bewährten Spruch vom „Wohnen und Arbeiten am Wasser“ soll die Baumaßnahme auch ein Stück Pampa mitten in Leipzigs Westvorstadt zum Stadtteilzentrum aufhübschen.

Wenn man vom Westplatz in Richtung Westen schaut, kann man die goldene Zukunft noch nicht recht erkennen. Da grinsen einen zunächst geschmacklich zweifelhafte Bauwerke aus direkter Nachwendezeit an. Aber fast direkt hinter diesen Fassaden liegt das Areal, auf dem 2011 der neue Stadthafen entstehen soll. Kleiner als ursprünglich geplant, denn einen Investor, der den städtischen Kostenanteil einbringt, hatte man auch nach 20 Monaten Suche nicht gefunden. Nun sollen es statt fast 7000 nun nur noch gut 4000 Quadratmeter Wasserfläche werden. Das wasserbasierte Aufwerten eines ganzen Viertels, wie in Schleußig und Plagwitz, wird hier allerdings kaum gelingen, denn im Westen des Gebiets erstreckt sich das bereits recht edle Bachviertel.

Um von einem Hafen in Fußdistanz der Innenstadt wirklich etwas zu haben, sollten die Wasserwege natürlich idealerweise vernetzter sein. „Es hat sich schon viel entwickelt“, entgegnet Christiane Lindlahr vom Tourismusverband Leipziger Neuseenland. „Sicher gibt es Leute, denen es nicht schnell genug geht“, räumt sie ein, aber es gäbe ja auch reichlich Hürden – Konzepte müssten erstellt, Finanzierungen geklärt werden. „Der Sache muss man schon noch ein paar Jahre Zeit lassen“, so Lindlahr.

Leipzig hat zwar mehr Brücken als Venedig, aber keinen Anschluss an die Wasserstraßen und auch keine geschlossene Verbindung zwischen den Gewässern der Stadt und des Umlandes. Sowohl der Elster-Saale-Kanal, als auch der Lindenauer Hafen sind bis heute langgezogene Stillgewässer. Nur der Karl-Heine-Kanal ist bereits mit der Weißen Elster verbunden.

Was weder Karl Heine noch Carl Friedrich Goerdeler gelang, nämlich die Verbindung zwischen Elster und Saale herzustellen, nennt die Stadtverwaltung zumindest „Vorhaben“. Lediglich der Spatenstich zur Verbindung vom Karl-Heine-Kanal und Lindenauer Hafen ist für November terminiert – vorbehaltlich einer Fördermittelzusage des Freistaats Sachsen.

Wie man sich auf den neuen und alten Wasserwegen bewegt, ist zumindest zum Teil Geschmackssache. Aber Umweltschützer warnen: Die bisher nur per Ausnahmegenehmigung auf manchen Gewässern wie dem Karl-Heine-Kanal zugelassenen Motorboote hätten in den letzten 15 Jahren offenbar Millionenschäden verursacht. Leo Kasek vom NABU sieht Probleme bei der Motorbootnutzung auf dem Karl-Heine-Kanal. Er warnt vor möglichen hohen Unterhaltskosten, sollte der Kanal ab 2011 tatsächlich, wie geplant, als Wasserstraße ausgewiesen werden. Dann nämlich haben Betreiber motorisierter Boote einen Anspruch darauf, dass der Kanal nutzbar ist, und die Stadt müsste aus eigener Tasche eventuelle Schäden beheben, die die Nutzbarkeit einschränken. Die gibt es nach Kaseks Aussage jetzt bereits: Etwa eine Million Euro koste die Sanierung der Uferschäden, die 15 Jahre Wellenschlag verursacht hätten.

LAND
Genauer gesagt: Neuseenland. Am Nordufer des Cospudener Sees stehend mit Blick auf das noch kalte, glasklare Wasser, ist es nicht leicht, sich dies als Kohlegrube vorzustellen. Dabei verdankt Leipzig seine „Badewanne Nummer 1“ dem Braunkohlebergbau.

Der war zwar einer der kurzlebigsten, aber auch rentabelsten in der damaligen DDR. Erst 1981 war mit dem Abbau der Braunkohle zwischen Tagebau Zwenkau und dem südlichen Auewald begonnen worden, der Startschuss fiel am ersten April. Fast genau neun Jahre später wurde die Förderung befristet eingestellt, später dann endgültig. Eine Entscheidung, die mit erwachten Umweltbewusstsein von den nun demonstrationserprobten DDR-Bürgern erkämpft wurde, die Mitte März 1990 zu tausenden sternförmig dorthin marschierten, wo nun im Sommer Badetücher und Coladosen liegen.

Ein Gutteil des Waldgebiets „Oberes Holz“ war im Jahre 1990 schon gerodet und überbaggert worden. Die Wende rettete quasi in letzter Minute noch ein Stück Auewald, da der Bagger sonst auf dem Weg nach Norden wahrscheinlich weder von Ochs’ noch von Esel in seinem Lauf aufgehalten worden wäre.
Das Dorf Cospuden konnte das nicht mehr retten – es kam bereits 1973 unter den Bagger, als Teil der Erschließung des deutlich größeren Tagebaus Zwenkau.

Nach 1992 hieß es dann „Wasser marsch!“. Den Cospudener See per Grundwasseranstieg zu füllen, hätte wohl Jahrzehnte gedauert. Also wurde seit 1998 das überschüssige Wasser aus den noch aktiven Gruben Profen und Zwenkau herbeigepumpt. So musste die Weiße Elster nicht zum Aderlass, allerdings weniger aus Umweltbewusstsein, als aus Kostengründen, wie es scheint. Denn durch die schnellere Flutung fielen deutlich weniger Kosten für Sicherungsmaßnahmen an.
So kostete die Rekultivierung des Sees vergleichsweise günstige 600 000 Euro aus der Tasche der bundeseigenen LMBV GmbH, die für die Sanierung von Bergbauflächen in Ostdeutschland zuständig ist.

FLUSS
Nachdem jahrzehntelang durch Kohlebergbau der Grundwasserspiegel gesenkt wurde, wird es für den Auewald langsam unangenehm. Altarme, Lachen und Senken drohen auszutrocknen, der eigentlich typische Hartholzbestand nimmt immer weiter ab, vor allem Eichen fehlen zunehmend. Dem Ökosystem, das besonders auf Wasser und regelmäßige Überschwemmungsphasen angewiesen ist, setzte auch die schnelle Entwässerung durch, die in den Dreißiger Jahren begradigte neue Luppe zu. In den letzten Jahren wurde mit künstlichen Frühjahrshochwassern experimentiert – „dabei zeigte sich, welches Potential im Auewald steckt, wenn er wieder soviel Wasser bekommt wie früher“, so Heike König vom Grünen Ring Leipzig, einem Zusammenschluss der Kommunen und Landkreise im Raum Leipzig.

Dieser Verband hat sich, unter anderem, die Revitalisierung der Flussauen um Elster, Luppe und Pleiße zum Ziel gesetzt. So auch durch Wiedervernässung. Dabei kam die Idee auf, einen auentypischen Fluss, mangels Alternative, einfach neu anzulegen. Das Projekt befindet sich gegenwärtig in der Planungsphase und sieht vor, rund 40 Kilometer Flusslauf zusammenhängend zu gestalten, davon etwa 15 Kilometer in Sachsen, die restlichen 25 Kilometer in Sachsen-Anhalt.

Dabei sollen größtenteils Vorhandene, aber ausgetrocknete Flussbetten genutzt werden, andere, wie zum Beispiel die Zschampert, führen zwar nach wie vor Wasser, tröpfeln wegen der Wasser abziehenden Wirkung der Tagebaue aber nur traurig vor sich hin. Das Projekt offenbart die Vielfalt wenig bekannter Flussläufe und Flussläufchen – zum Beispiel Rote Luppe, Alte Luppe, Burgauenbach und Bauerngraben. Der fünf bis zehn Meter breite und weniger als einen Meter tiefe Patchwork-Fluss soll am Ende alles können, was ein richtiger Fluss kann – eine Sohle bilden, Wasser in den Auewald eintragen, aber auch Pflanzen und Fischen ein Zuhause bieten. Am Wasserstand wird man den Planungen zufolge drehen können, damit es, wie gewünscht, auch wirklich zu Überschwemmungen kommen kann. So kann man notfalls auch die Wassermenge senken, denn unkontrollierbares Hochwasser will man offenbar dann doch nicht riskieren.

Unklar ist, woher Teile des nötigen Wassers kommen sollen. Klarer ist dagegen, aus welchen Ecken die finanziellen Einmündungen mäandrieren. Das insgesamt auf 10 Millionen Euro veranschlagte Projekt könnte sich aus den Töpfen der EU-Wasserrahmenrichtlinie und der Bundesstiftung Umwelt speisen. Eine andere Form der Finanzierung ist auch denkbar. Der neue Fluss kann auch als Ausgleichsmaßnahme für Natur-Eingriffe anderswo genutzt werden. Statt einem Landwirt in der Region seinen Acker abzukaufen, kann jemand, der ein Stück innenstädtische Wiese zubetoniert, in diese Umweltmaßnahme investieren. Eine Art moderner, umweltfreundlicher Ablasshandel.

Veröffentlicht unter: 11. Ausgabe, 26.03.2010, Dirk Stascheit, Franziska Gaube, Geschichten

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