Nicht nur reden, sondern anfangen

Wenn die Gründer der Initiative „Synagieren“ von „Ideenriesen“ und „Tatenzwergen“ sprechen, erzählen sie kein modernes Märchen. Vielmehr beschreiben sie ihr Vorhaben, nicht nur über Verantwortung fürs Gemeinwohl zu reden, sondern am besten gleich damit anzufangen.

Von Claudia Laßlop

Bei Synagieren geht es um Anfänge im Kleinen, Schritt für Schritt, hier und jetzt. Die Synagenten sind Tatenzwerge und auf der Suche nach anderen, die anfangen wollen. Bei einem Wirkcamp in Leipzig wollen sie vom 7. bis 9. Mai einiges in Bewegung bringen. Nicht nur aus Leipzig, sondern auch aus zahlreichen anderen Städten kommen Teilnehmer, die in drei Tagen verschiedene Projekte bearbeiten. Nach Würzburg ist Leipzig die zweite Stadt, in der ausgehend von lokalen Besonderheiten Veränderungen begonnen werden sollen – in sozialer wie auch ökologischer Hinsicht, in Bereichen wie Stadtentwicklung, Umwelt oder Energienutzung.

Am Anfang der Initiative stand die namensgebende Idee: gemeinsam handeln, syn-agieren. Nicht nur reden, sondern machen: „Es geht nicht um riesige Projekte. Sondern darum, dass Leute etwas miteinander anfangen, schaffen und merken, dass man schon im Kleinen etwas verbessern kann“, erklärt Ina Weisser von „Synagieren“. Vor allem diejenigen, die vielleicht denken, „Ich würde ja, aber weiß nicht so recht was und wie“, wollen die Initiatoren erreichen und mitnehmen. Diejenigen, die sich von großen Reden eher erschlagen als animiert fühlen.

Zwischen Fachwissen
und dem fremden Blick
Das Wirkcamp ist daher keine exklusive Veranstaltung für engagierte Enthusiasten, sondern auch für solche, die gerade in diesem Moment denken, „klingt eigentlich gut“, ohne zu wissen, welche konkreten Dinge sie selbst anpacken könnten. Und auch wenn es letztendlich um große Begriffe wie Verantwortung und Bewusstsein geht, finden sich bei der Initiative kaum abstrakte Vokabeln, die eher abschrecken als ansprechen würden und die Möglichkeiten eines Einzelnen als zu gering erscheinen lassen: „Wir machen den Leuten kein schlechtes Gewissen. Wir wollen vielmehr von dem ausgehen, was dem Einzelnen wirklich liegt und von den Möglichkeiten, die er in seinem Gebiet hat.“ Dabei gibt es zwar Projekte, die aufgrund bestimmter Interessen- und Fachgebiete entstanden sind, aber „letztlich ist das Spannende auch immer wieder, dass fachfremde Leute einen ganz anderen Blick auf Dinge haben, die Projekte nicht wissenschaftlich angelegt sind und man da relativ schnell reinkommen kann.“

Bereits im Vorfeld gibt es verschiedene Arbeitsgruppe für das Wirkcamp. Die Mitwirkenden kommen aus verschiedenen Fachrichtungen – Geologen, Geografen, Sozialwissenschaftler, Webdesigner, Journalisten, Wirtschaftswissenschaftler, aber auch Hobbyköche, Bastler und kreative Köpfe. Einige von ihnen sind derzeit bereits mit inhaltlichen Vorarbeiten beschäftigt, um das Wirkcamp dann ganz für die Umsetzung der Ideen nutzen zu können. Und auch wenn schon einiges seinen Lauf nimmt, sind die AGs keine geschlossene Gruppen. Weitere Mitmacher für alles, was es noch zu stemmen gilt, sind gern gesehen und die Planungen lassen das Bild eines produktiven Ferienlagers vermuten, von dem schließlich nicht nur die Teilnehmer, sondern die ganze Stadt etwas hat.

Aus Brachfläche mach Bolzplatz
Inhaltlich beschäftigt sich das Camp mit Leipzig und seinen lokalen Eigenheiten. So soll beim Wirkcamp etwa ein interaktiver Stadtrundgang entwickelt werden, der anhand verschiedener Beispiele die Verbindung von Konsum und Globalisierung sichtbar macht. Eine andere AG will – ausgehend von der Idee der Stadtentwicklung – eine Brachfläche in einen Bolzplatz verwandeln: „Dabei geht es nicht nur um den ökologischen Aspekt. Ein Fußballplatz ist auch Anlaufpunkt für Jugendliche, an dem sie mehr tun können als zuhause rumhängen“, so Ina Weisser. Diese Vorhaben zeigen, dass Synagieren in allen Städten möglich ist. So denken sich das auch die Initiatoren und gern würden sie sehen, dass die Idee übernommen und in anderen Städten einfach weiter gesponnen wird. So sind die Wirkcamps in Würzburg und Leipzig vielleicht nur der Anfang und machen auch anderen Städten Lust auf Synagieren.
In Leipzig stehen sowohl jetzt als auch dann im Mai für Kurzentschlossene die Synagieren-Türen offen. Beim Wirkcamp wird es einen open space geben, ideal für das spontane Mitmachen und Reinschnuppen, ohne zeitlichen oder inhaltlichen Vorlauf: „Wir wollen jemandem, der sich engagieren will, auf keinen Fall die Möglichkeit nehmen, das zu tun. Jeder kann mit Ideen kommen und Leute finden, die mitmachen oder auch einfach kommen, weil er oder sie Lust hat, irgendwas zu machen, ohne schon zu wissen, was genau.“

Synagieren in Leipzig
und danach überall
Das Augenmerk der Projekte liegt dabei immer auf Machbarkeit, auf der Umsetzung einer Idee innerhalb von drei Tagen. Und das nicht nur mit Tatendrang, sondern auch mit Humor und Kreativität. Das erste Wirkcamp im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass es oft um erste Anstöße geht, die schließlich nachwirken. So wurden in Würzburg unter dem Label „Xtinct“ T-Shirts entworfen, die sich auf trag- und vorzeigbare Weise mit der Bedrohung der Artenvielfalt beschäftigen. Kein erhobener Zeigefinger, dafür aber ein schickes T-Shirt mit Beutelwolf-, Riesenseekuh- oder Dodo-Motiv. Oder die Idee von „little bird“ – einem Catering für Unternehmen ohne eigene Kantine. Die Idee: täglich frisch zubereitete Speisen liefern. Umgesetzt von Jugendlichen, die aus verschiedenen Gründen nicht in die Ansprüche des Arbeitsmarktes passen und durchs so genannte Raster fallen. Eine Idee, die in Mannheim in Kooperation mit „Arbeit für alle“ bereits umgesetzt wurde und nun in Leipzig weiter geführt werden soll. Und gern sollen beim Wirkcamp in Leipzig weitere spannende Projekte entstehen oder angestoßen werden, die nachwirken, Nachahmer finden und den Synagieren-Gedanken weiter streuen.

Im Internet: www.synagieren.de

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

Veröffentlicht unter: 11. Ausgabe, 26.03.2010, Claudia Laßlop, Geschichten · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , , , ,

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