Soziales Leipzig: Leben auf der Kippe

Peter Küchler konnte sich immer gerade so über Wasser halten. Ein Tiefschlag reichte jedoch aus, um sich auf der Kehrseite der Gesellschaft wieder zu finden. Ohne Hilfe wäre er in der Obdachlosigkeit gelandet. Eine Geschichte aus Lößnig.

Von Helena Tsiflidis

„Als die Arbeit nicht mehr da war, war alles weg.“ Es ist kurz vor Weihnachten, vergangenes Jahr. Siebzehn Jahre hat Peter Küchler für ein deutsches Versandhaus gearbeitet. Doch als das Unternehmen sich auflöst, muss auch er gehen.

Viel Geld hat er nie gehabt, dafür offene Rechnungen und Mietschulden.

Als Peter Küchler die Kündigung bekommt, fällt sein Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Schlagartig fehlt das Geld. Die Rechnungen türmen sich und die Mietschulden werden immer größer. Seinen Alltag kann Peter Küchler kaum mehr bewältigen. Freunde, die ihm helfen könnten, gibt es nicht. Seine Familie kann ihn nicht unterstützen, denn sie ist mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Kurz vor Silvester wird ihm der Strom abgestellt. Die fristlose Kündigung für seine Wohnung und eine Räumungsklage hat er schon bekommen.

Um nicht obdachlos zu werden, sucht Küchler schließlich Hilfe bei Anka Trinks. Sie ist eine von sechs Sozialarbeitern, die die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft mbh (LWB) als Teil ihres Sozialmanagements beschäftigt, um Mieter in sozialen Notlagen zu unterstützen. Schon im ersten Gespräch bemerkt sie, dass Peter Küchler nicht nur bei seinen Mietschulden Hilfe braucht. „In der Beratung war es erstmal schwierig zu verstehen, was Herr Küchler eigentlich sagen will, weil er Probleme hatte, sein Anliegen zu artikulieren“, erklärt Trinks. Denn neben der finanziellen Not hat Küchler auch soziale Schwierigkeiten. „Wenn ich bei einem Amt bin, dann kommt nichts bei raus. Ich kann nicht reden. Das ist so wie ein Sprachfehler“, sagt Küchler.

Mit Hilfe von Anka Trinks hat Peter Küchler nun Hilfe beim Caritasverband Leipzig gefunden. Das Ambulant Betreute Wohnen des Verbands unterstützt Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind und sich in einer Krisensituation befinden. Die Mitarbeiterin  Sylwia Martin betreut Peter Küchler seit Anfang Februar. Zusammen wollen sie nach und nach seine finanzielle Situation absichern. Da ihm der Umgang mit Geld schwer fällt, teilt es Sylwia Martin jede Woche ein. „Das ist auch besser so für mich“, meint er. Auch seine Post bringt er regelmäßig zur Caritas, um sie mit seiner Betreuerin gemeinsam zu lesen und zu beantworten. Zusammen sind sie auch zur Leipziger Oase gegangen, einer Tageseinrichtung für wohnungslose Menschen. Peter Küchler kommt oft hierher. Für knapp einen Euro bekommt er eine warme Mahlzeit und kann seine Wäsche waschen. Aber das Wichtigste ist: Peter Küchler kommt mit anderen ins Gespräch und hat das Gefühl, wirklich willkommen zu sein. „Wo lernt man heutzutage schon noch jemanden kennen?“, murmelt er.

Nach einem Monat im Ambulant Betreuten Wohnen hat Peter Küchler wieder Strom. „Alleine hätte ich das nie gepackt.“, erklärt der 55-jährige. Aber nicht nur, weil er gut mit der Caritas zusammenarbeitet, geht es Stück für Stück aufwärts. Es ist vor allem der Wille, es aus eigener Kraft zu schaffen. „Jemand, der nicht aus eigener Motivation seine Situation verbessern will oder Hilfe sucht, wird es kaum schaffen“, bestätigt auch die Sozialarbeiterin Anka Trinks.

Küchlers Helferin von der Caritas, Sylwia Martin, wird nicht immer da sein. Denn das Ambulant Betreute Wohnen ist auf achtzehn Monate begrenzt. In dieser Zeit soll Peter Küchler lernen, sein Leben selbstständig zu meistern. „Meiner Ansicht nach werden auch in Zukunft Schwierigkeiten mit dem Geld bleiben, auch wenn Herr Küchler gut mit uns zusammenarbeitet“, sagt Martin. Deswegen bespricht sie mit ihm gerade die Möglichkeit, einen gesetzlichen Betreuer einzusetzen, der ihm dauerhaft zur Seite stehen soll. Küchler steht dem inzwischen offen gegenüber – auch, weil er gemerkt hat, dass die Arbeit mit den Sozialarbeiterinnen sein Leben wirklich verbessert hat. „Am Anfang war es schwierig, weil ich alleine gar nichts konnte. Jetzt fühle ich mich wohler, weil ich meine Betreuerin habe.“

Peter Küchler wohnt im neunten Stock eines Plattenbaus. Wenn man aus dem Fenster schaut, hat man einen schönen Blick über Leipzig. Die Wohnung ist ein wahres Sammelsurium. Eine Kiste voller Uhren steht neben einem Meerschweinchenkäfig, dazwischen sein Kater, der so wild ist, dass man ihn nicht auf den Arm nehmen kann. Die Tapete hat der Kater schon längst zerkratzt, an manchen Stellen blättert sie ab. „Eigentlich müsste ich das mal neu machen“, sagt er. Vielleicht wäre das nicht nur ein weiterer Schritt für mehr Ordnung in seinem Leben, sondern auch ein Symbol für neue Hoffnung.

TRANSPARENZ

An dieser Stelle veröffentlicht weiter ab sofort die Artikelserie „Soziales Leipzig“. Wir erzählen hier Geschichten aus Leipzigs teils trister, teils hoffnungsvoller sozialarbeiterischer Realität.
Dabei unterstützt uns die LWB – mit Kontakten, und mit einem Druckkostenzuschuss. Das heißt aber nicht, dass wir käuflich sind. In diesen Artikeln kommen zwar LWB-Mitarbeiter und LWB-Projekte vor. Aber eben im Kontext von Projekten und Aspekten, die wir bei Weiter auch ohne diese Kooperation für berichtenswert hielten. Zudem ist die Serie klar als gesponserter Inhalt gekennzeichnet. Es ist kein Platz zum Veröffentlichen werblicher Texte oder Pressemitteilungen.
Trotz oder gerade wegen dieser Gemengelage recherchieren und schreiben unsere Autoren unabhängig – das ist uns wichtig, und für uns eine ethische Grundvorraussetzung für eine solche Kooperation.
Wir freuen uns auf einen spannenden Dialog – über den Stand, die Chancen und die Risiken sozialer Arbeit. Und über diese, unsere, journalistische Gratwanderung.
redaktion@nochweiter.de

Veröffentlicht unter: 10. Ausgabe, 12.03.2010, Geschichten, Helena Tsiflidis

2 Antworten zu "Soziales Leipzig: Leben auf der Kippe"

  1. Anonym sagt:

    Wertes nochweiter.de -Team,

    euer Beitrag hinterlässt bei mir nur fassungsloses Kopfschütteln. An eigenem Problem musste ich in den letzten Wochen die “sozialen ” Projekte der LWB kennen lernen und anscheinend denken Sie mit dieser Geschichte ein besseres Image zu bekommen.

    Nach fristloser Kündigung bin auch ich zur LWB gegangen, in der Hoffnung dass Sie mir eine günstige Wohnung anbieten könnten. Bei weitem habe ich nicht die Probleme der o.g. Person und verdiene auch mein eigenes Geld, aber alles das interessiert die LWB überhaupt nicht.

    Selbst ein mühsam beantragter weißer Wohnberechtigungsschein mit Weisung der Stadt Leipzig mir ein Wohnungsangebot zu offerieren ist kein Grund um mit mir ein paar Worte wechseln zu wollen.

    Auch die hoch angepriesenen Gewährleistungswohnungen für in Not geratene Familien – Alles Humbug und Nichtig – die gibt es nicht.

    Somit wäre dies ein Aspekt für Ihre journalistische Arbeit, sich nicht nur von erfundenen Geschichten der LWB blenden zu lassen.

    Mit freundlichen Grüßen

  2. Dorothea Hecht sagt:

    Liebe/r nochWeiter-Leser/in,

    vielen Dank für Ihren Kommentar.
    Natürlich bemühen wir uns immer, gründlich zu recherchieren und korrekt zu berichten – was unsere Autorin auch in diesem Fall getan hat. Dennoch erheben wir für unsere Geschichte keinen empirische Anspruch und können nicht davon ausgehen, dass die beschriebene Situation stellvertretend für alle anderen steht, in denen die LWB eine Wohnung vermittelt.
    Vielleicht haben Sie ja Lust, uns Ihre eigene Geschichte zu erzählen. Wir freuen uns darauf, diesbezüglich mit Ihnen in Kontakt zu treten.

    Mit besten Grüßen,
    Dorothea Hecht für das nochWeiter.de-Redaktionsteam

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