„Schwein sein, das ist heute noch viel aktueller“

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Er war der Vorzeige-Ossi, sang über sein Fahrrad und wenn ihn eine Sache richtig nervt, dann sind das Nazis: Sebastian Krumbiegel ist einer der bekanntesten Leipziger Bürger. Und einer, der ungeniert den Mund aufmacht. Auch, wenn sein Gegenüber Roland Koch heißt.

Das Gespräch führten Jonathan Fasel und Katharina Seibt

Ein Szene-Café in der Leipziger Innenstadt. Krumbiegel hat das Spizz abgelehnt, will sich hier treffen. Wegen der Parkplätze: Er fährt mit einer Familienkutsche vor. Hat eben noch die Kinder weggebracht. Sofort ist er im Gespräch, fixiert sein Gegenüber. Seine Stimme ist überraschend tief.

Wann packst Du das Fahrrad wieder aus?
Ich bin den ganzen März auf Tour. Aber ich freue mich schon jetzt auf den Frühling, wenn ich wieder Fahrradfahren kann. Ich wohne im Süden, da kann ich innerhalb kürzester Zeit im Wildpark oder am Cospudener See sein. Da gibt‘s ellenlange, unglaublich schöne Wege.

Wie oft halten Dich heute noch Leute auf der Straße an mit den Worten: „Du bist doch der von den Prinzen?“

Erkannt werde ich bestimmt viel, angekreischt aber nicht mehr so sehr. Das genieße ich. Ich merke, dass mir die Leute einen gewissen Respekt entgegen bringen. Früher hätten mich die Leute am liebsten in ihr Poesiealbum geklebt. Am schlimmsten finde ich, wenn irgendwelche so genannten Prominenten herumjammern, dass sie so oft erkannt werden. Da sage ich: Hey, dann macht was anderes.

In euren Anfängen wart Ihr eine Art Aushängeschild für Ostdeutschland. War das damals eine bewusste Entscheidung?
Nein. Das kannst Du gar nicht entscheiden. Fakt ist, dass uns das geholfen hat. Dass es aber auch ein Stempel war, der uns aufgedrückt wurde. Am Ende sagten die Leute im Osten: „Unsere Jungs, da sind wir stolz drauf.“ Und die Leute im Westen sagten: „Kuckt mal hier, die Ossis! Wenn die sich ein bisschen Mühe geben, dann geht das doch.“ Heute fragt keiner mehr eine Band, ob sie aus dem Osten oder Westen kommt.

Ist das auch euer Verdienst, dass heute keiner mehr fragt?
Nein, das glaube ich nicht. Ich bin mit dem Begriff „Verdienst“ sehr vorsichtig. Es gab damals bestimmt viele Bands, die ähnlich originell waren wie wir. Wir haben damals in den Zeitgeist gepasst.

Du engagierst Dich in verschiedenen sozialen Projekten. Nach welchen Kriterien suchst Du die aus?

Wenn ich kein Sänger wäre, den ein paar Leute kennen, würde ich‘s genauso machen. Es würde nur nicht so auffallen. Wie ich auswähle? Das ist schwierig. Es darf nicht heißen: „Ach, da ist wieder was Karitatives – ach, und der Krumbiegel ist schon wieder dabei.“

Woher der Wille zum Engagement?
Unterm Strich geht es auch darum, wie man erzogen ist. Meine Eltern haben mir gesagt: Du kannst was beeinflussen, Du kannst etwas verändern. Das ist mein Motor: Willst du dich auf die Politik verlassen oder kannst Du nicht selbst in deinem kleinen Umfeld vor Deiner Tür kehren und Dich einmischen? Bei Problemen den Finger in die Wunde legen und sagen: „Das passt mir nicht!“?

Das Gespräch wird kurz unterbrochen, ein Interviewer stößt dazu. „Sebastian“, stellt sich Sebastian vor. „Man merkt, dass man älter wird, weil man gesiezt wird.“

Woher dieses Bewusstsein, sich gegen Probleme stemmen zu wollen?

Natürlich hat das damit zu tun, wie deine Eltern Dich erziehen. Meine Mutter hat mir schon zu Ostzeiten gesagt: Wenn dir was nicht passt, zähl erst mal schön bis zehn. Aber versuche, in der Sache klar zu sein. Das kann jeder, das sollte jeder tun. Auch Du als Journalist.

Warst Du am 17. Oktober bei „Leipzig nimmt Platz“?

Nein.

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Warum nicht?
Da war ich nicht da. Aber ich finde das Konzept richtig: protestieren, auszutesten, wie weit du gehen kannst. Ich mag zivilen Ungehorsam. Das mache ich voller Freude. Gewalt bringt nichts, das schaukelt sich nur hoch. Ich habe noch nie einen Stein auf irgendeinen Polizisten geworfen, auch wenn ich manchmal gedacht habe, jetzt reicht es mir.

Wie ernst ist die Gefahr durch Nazis?
Mit den Nazis werden wir schon fertig. Die Leipziger Demos sind ja zu großen Teilen abgesagt worden. Und auch am 13. Februar in Dresden haben die Gegendemonstranten es geschafft, wunderbar. Das war vergangenes Jahr noch ganz anders: 8000 Nazis aus ganz Europa, das war gruselig.

Hat es Dich mal in die Politik gezogen?
Eigentlich nicht. Ich habe gute Freunde in der Politik, vor allem in der SPD – Thomas Fabian zum Beispiel, der Sozialbürgermeister. Der ist für mich ein Beispiel, dass Politik nicht immer den Menschen korrumpieren muss. Joschka Fischer hat mal gesagt: Die Veränderung des Menschen durch das Amt ist viel größer als die Veränderung des Amtes durch den Menschen. Da ist echt was Wahres dran.

Verändert das Promi-Dasein auch?
Als wir mit den Prinzen auf einmal auf großen Bühnen standen und uns jeden Abend 10.000 Leute angekreischt haben … da passiert was mit dir in deinem Kopf. Du versuchst, dich dagegen zu wehren, aber irgendwas geht bei dir ab. Irgendwann denkst Du: Hey, du bist doch schon ein ganz schön großartiger Typ (lacht).

Lachfalten. Auch Prinzen altern.

Man muss aufpassen, sich nicht selbst zu überschätzen. Das ist in der Politik genauso. Deswegen: Politik ja, Parteipolitik nicht unbedingt. Habt ihr vom „Institut Solidarische Moderne“ gehört?

Da klingelt was.
Googelt das mal. Da bin ich Gründungsmitglied. Die Juso-Chefin Franziska Drohsel hatte mich angesprochen. Ich flirte ja mit der SPD durch die Gegend, habe zwischendurch irgendwelche Sachen im Willy-Brandt-Haus gemacht.

Die Fotografin stößt dazu, Sebastian unterbricht seinen Redefluss über Schröder und das Ansehen von Politikern. „Hi“, sagt er, lächelt, räuspert sich. Sein Latte Macchiato ist immer noch fast unangetastet. Dafür spielt er mit dem iPhone rum.

Warum die SPD?
Ich glaube, weil ich so erzogen bin. Ich mag‘s sozial. Dieses neoliberale Motto, jeder ist seines Glückes Schmied – das finde ich echt daneben. Wir haben vor 15 Jahren gesungen: Du musst ein Schwein sein. Das ist heute noch viel aktueller.

Warum nicht die Linkspartei?
Weil sie sich in vielen Punkten aus der Verantwortung stehlen. Es ist leicht, von außen zu schimpfen und zu sagen: Raus aus Afghanistan! Das ist alles nicht so einfach. Politik hat immer mit Kompromissen zu tun. Deswegen auch das „Institut Solidarische Moderne“: Es geht um einen linken Gegenentwurf zur heutigen Politik.

Immerhin warst Du aber schon mal politischer Funktionär, gewissermaßen: als Wahlmann bei der Wahl des Bundespräsidenten im vergangenen Jahr.
Das war wirklich interessant. Bei der Wahl zum Bundespräsidenten – das war im Bundestag – bin ich von der Seite der SPD rüber gelaufen und habe Leuten bei der CDU Guten Tag gesagt. Am Ende geht es um Inhalte und nicht um Personen, deswegen habe ich damit kein Problem. Einige Zeit vorher hatte ich mit Roland Koch bei der Ministerpräsidenten-Konferenz geredet. Kurz davor hatte er eine Diskussion über kriminelle Ausländer vom Zaun gebrochen. Da bin ich auf ihn zu und habe ihm gesagt: Das war echt kontraproduktiv.

Was hat er erwidert?
Er ist ein extrem kluger Mann. Gleichzeitig aber auch ein Zyniker. Er fragte mich, wie ich meine Kinder erziehen würde. Ob ich ihnen keine Vorschriften machen würde, ob ich antiautoritär wäre. Ich sagte: Nein, bin ich auch nicht, aber trotzdem versuche ich es mit Verständnis. Da erreicht man mehr. Gewaltandrohung schreckt letztendlich nicht ab.

Warum hat es Dich nicht nach Berlin oder Hamburg verschlagen?
Leipzig ist eine ziemlich coole Stadt. Anfang der 90er haben wir viel Zeit in Hamburg verbracht, für die „Prinzen“-Platten. Wir waren ganz fasziniert von den großen Bürgerhäusern und dem ganzen Chic. Und dann kamen wir ein Vierteljahr später wieder zurück nach Leipzig und wieder war ein Baugerüst gefallen und wir stellten fest: Hey, das sieht ja eigentlich genauso aus hier.

Ist Leipzig für Dich großstädtisch oder provinziell?
Ein charmanter Mix aus beidem. Ich bin zum Beispiel ein großer Berlin-Fan. Aber Leipzig ist nicht so abgezockt, und das ist gut.

Ist Leipzig westlicher als der Rest des Ostens?

Ja. Leipzig ist Leuchtturm.

Moment: „Westlich“ ist für Dich also etwas Positives.
Erstmal ja. Was meinst Du denn genau mit „westlich“? Abgezockter?

Das frage ich Dich.
Leipzig ist modern, und irgendwie weltoffen. Im Gegensatz zu Dresden ist Leipzig die Bürgerstadt. Ich will nicht immer auf dem 89-Ding herum reiten, aber da zeigt sich das noch einmal deutlich. Dieser Geist von damals, der fehlt mir heute. Der Europa-Abgeordnete der Grünen, Werner Schulz, hat das zum 9. Oktober im Gewandhaus auf den Punkt gebracht. Er sagte: Wir brauchen heute keine Denkmäler – wir brauchen den Geist von damals. Wir waren nicht das Volk, wir sind es. Das fand ich großartig.

Was fehlt noch in Leipzig?
Mit so einer Frage bin ich überfordert (überlegt). Im Vergleich zu anderen Städten? Vielleicht ein großer Fluss. Oder ein Strand.

Weitergedacht: Was sind Leipzigs größte Probleme?
Ganz klar die sozialen Probleme.

Jetzt ist es passiert: Ein Mittdreißiger mit Brille und Anzug hat Sebastian erkannt, kommt rüber, erzwingt einen Plausch. Die Fotografin hat uns verraten. „Das ist halt Leipzig“, kommentiert Sebastian.

Wir waren bei den sozialen Problemen.
Da brauchst Du dir zum Beispiel nur anzusehen, wie es hier um die Migranten steht. Vor Jahren habe ich mal Burkhard Jung um mehr Geld für „Leipzig Courage zeigen“ gefragt, als er Sozialdezernent war. Da sagte er mir: Ich kann Dir anbieten, dafür den Behindertenfahrdienst zu streichen. Um Gottes Willen, bitte nicht!

Was ist mit anderen Baustellen wie den Wasserwerken, die Millionen verzockt haben? Regt Dich das nicht auf?
Klar regt mich das auf. Ich glaube, Politiker werde durch die Zwänge gelähmt. Sie haben solche Angst, etwas Falsches zu tun, dass sie keine klaren Entscheidungen mehr treffen. Sie haben Sorge, der Käuflichkeit überführt zu werden, und wenn‘s die Pralinenschachtel von einer alten Oma ist. Das ist doch überall so.

Aber es fällt auf, dass Leipzig besonders häufig wegen zweifelhafter Geschäfte und Bauvorhaben in die Schlagzeilen gerät: City-Tunnel, Wasserwerke, Cross-Border-Leasing …
Es ist wichtig, den Finger in die Wunde zu legen. Aber trotzdem sollte man als Lokalzeitung auch über Positives berichten. Klar kann man über den City-Tunnel rumnörgeln, aber das war doch bei der Sanierung des Hauptbahnhofs genauso. Da haben alle gesagt: Ah, unser schöner Bahnhof, Achtung Baudenkmal, bitte nicht verschandeln. Und heute? Ist er der absolute Hammer. Ich stelle beim Tunnel die Prognose auf: Die Leute werden sich genauso freuen wie über den Bahnhof.

Mäkelt der Leipziger gerne?
Es ist ja erstmal gut, kritisch zu sein. Aber besser ist es, konstruktiv zu sein. Am Beispiel des Courage-Festivals heißt das: für Toleranz, für gegenseitigen Respekt – und nicht immer gegen, gegen, gegen. Ob der Leipziger zu viel mäkelt? Weiß ich nicht. Ich finde, Leipzig ist eine tolle Stadt. Du wirst doch wahnsinnig, wenn Du den ganzen Tag sagst, wie scheiße alles ist.

Sebastian – wir danken für das Gespräch.

Veröffentlicht unter: 10. Ausgabe, 12.03.2010, Gespräche, Jonathan Fasel · Etiketten:

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