Hintergrund: Flach und rostrot wie Aldi-Kaffee

Hermann-Liebmann-Straße Ecke Eisenbahnstraße: Ein „D-Zentrum“. So heißt im Jargon der Stadtplaner ein Ort, an dem bis zu 10 000 Menschen regelmäßig für den kurzfristigen Bedarf einkaufen. In einem D-Zentrum gibt es einen Supermarkt, Bäcker, Fleischer, vielleicht einen Geldautomaten, eine Apotheke, einen Schuster, einen Arzt.

Das 2007 erschienene „Stadtentwicklungskonzept“, ein 240-seitiges Planungswerk aus dem Rathaus, nennt das „D-Zentrum“ an der Eisenbahnstraße allerdings „besonders problematisch“: Es gebe „Defizite in der Nahversorgung“. Der Lösungsvorschlag, im Telegrammstil: „Ansiedlung Lebensmittelmagnet“.

Zwischen einem Plan und seiner Verwirklichung vergehen in Leipzig manchmal nur zwei Jahre. Der Nahversorger heißt in diesem Falle Aldi und hat an der Straßenkreuzung im November 2009 einen neuen Markt eröffnet. Genau genommen war es ein Umzug: Der Discounter hat dafür einen anderen, nur 300 Meter entfernt gelegenen Markt zugemacht.

In Wirklichkeit ging der Aldi-Ansiedlung ein jahrelanges Ringen von Wirtschaftsförderern, Stadtplanern und Beratern voraus. Das Problem: An der Kreuzung stand in zweiter Reihe eine alte Markthalle. Ein Gebäude mit Charme und Geschichte – in den zwanziger Jahren war es Kino, in den Sechzigern Mormonentempel. Die Halle ist denkmalgeschützt und steht, wie Anwohner sagen, „seit Jahren voll Wasser“. Für einen Discounter ist das Grundstück überdies zu klein – er kann außen nicht, wie üblich, 80 Kundenparkplätze anlegen.

Um Aldi den Umzug in die schöne Ruine zu versüßen, ließ sich die Stadt allerhand einfallen: Sie genehmigte eine architektonisch gewagte Interpretation des Baudenkmals – der Markt, flach und rostrot wie eine Packung des discountereigenen Kaffees, schiebt sich quer durch die alte Halle hindurch. Die Stadt opferte Freizeitfläche im benachbarten Rabet, damit genügend Parkplätze gebaut werden können. Und gab grünes Licht für einen 140.000-Euro-Zuschuss aus dem Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“, das von Bund und Ländern getragen wird.

Die unternehmerische Entscheidung von Aldi ist ohne Weiteres nachvollziehbar: Der neue Standort ist besser erreichbar, liefert also mehr Laufkundschaft, und der Abstand zu wichtigen Konkurrenten – dem „Reudnitz-Center“ mit Kaufland und Penny – wird größer.

Laut Berater Behling kann man in diesem Fall davon ausgehen, dass nur Geld geflossen ist, das Aldi selbst nicht ausgegeben hätte: „Die hätten doch nur die Standard-Flachschachtel bauen lassen“. Ohne Förderung hätte Michael Behling zufolge niemand die aufwendige Sanierung der Markthalle bezahlen können. Im Übrigen habe auch Aldi Zugeständnisse gemacht: So haben sie sich am Ende mit 72 statt über 80 Parkplätzen zufrieden gegeben.

Veröffentlicht unter: 10. Ausgabe, 12.03.2010, Geschichten

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