Neubürger mit Fell, Flossen & Flügeln

Das Leben in der Stadt hat viele Vorteile – und die entdecken immer mehr wilde Tiere für sich. Allerdings stoßen Leipzigs neue Bewohner hier nicht nur auf Tierliebe.

Von Claudia Laßlop


Fische schaffen es am ehesten in eine Zeitung, wenn sie auf dem Markt verkauft und eingepackt werden. Darüber hinaus tauchen sie hier oft nur als Teil eines Kochrezeptes oder als Opfer von Öltankerunfällen auf. Zu Lebzeiten jedoch werden Fische kaum beachtet. Dabei ist es bemerkenswert, was sich in Leipzigs Gewässern inzwischen getan hat. Der Bitterling etwa gilt in Mitteleuropa als bedrohte Tierart – doch in hiesigen Gewässern tummelt er sich wieder vermehrt, wie vom Ökolöwe Umweltbund Leipzig zu erfahren ist. Und laut Ökolöwe wurde in der Weißen Elster auch der Rapfen gesichtet, ein karpfenartiger Fisch, der in Sachsen nur in sehr wenigen Fließgewässern vorkommt.

Auch außerhalb des Wassers hat Leipzigs Tierwelt längst mehr zu bieten als Tauben auf den Dächern, Eichhörnchen im Park oder die vielfältigen Tierarten im Zoo. Leipzigs Einwohner heißen vulpes vulpes, procyon lotor und myocastor coypus – mit bürgerlichem Namen: Fuchs, Waschbär, und Nutria.

Igel

Gefährlicher Lebensraum: Viele Stadttiere fallen dem Straßenverkehr zum Opfer – wie dieser Igel. Foto: Claudia Laßlop

Schon ein Spaziergang durch die Leipziger Nacht kann für Tierfreunde spannend sein. Mit etwas Glück trifft man am Roßplatz, im Rosental oder an der amerikanischen Botschaft einen Stadtfuchs bei seinem Streifzug oder seinem Weg in Richtung Unterschlupf: vorzugsweise ruhige Ecken wie Friedhöfe. Nach Angaben des Stadtförsters beherbergt Leipzig bis zu 1000 Füchse. Die genaue Zahl ist nach Meinung von Leonhard Kasek vom Naturschutzbund (Nabu) in Leipzig jedoch schwierig zu ermitteln. Genauere Zahlen gibt es dagegen über tote Füchse: Zur Begrenzung der Population werden laut Stadtforstamt jährlich bis zu 300 Füchse in Leipzig getötet – 40 Prozent davon allein im Straßenverkehr.

Nicht alle tierischen Neuzugänge sind in Leipzig also gern gesehen. Das hat allerdings nichts mit mangelnder Tierliebe zu tun. Die Neozoen, wie Waschbär, Marderhund und Mink in Fachsprache genannt werden, machen zwar bisher keine Probleme. Weil sie sich aber bestens anpassen können, sich nach Kräften vermehren und in Städten keine natürlichen Feinde haben, beobachtet der Landesjagdverband Sachsen die Neozoen aufmerksam. Sie sind wie Fuchs und Marder Fleischfresser – da landen schnell die Nester von Singvögeln in den Mägen, etwa dem eines Marderhundes. Er ist aus Ostsibirien zugereist und sieht eher aus wie ein verrücktes Kuscheltier – eine Mischung aus Marder und Hund mit Waschbärengesicht. Doch das knuffige Erscheinungsbild trügt: Der Marderhund hat einen ausgeprägten Jagdinstinkt und kümmert sich nicht darum, dass er mit seinem Fressverhalten heimische Arten und damit auch die biologische Vielfalt gefährden könnte. Bisher kommen Marderhunde in Leipzig jedoch nur vereinzelt vor.

Unbeliebter Untermieter

Dagegen gibt es Waschbären überall im Stadtgebiet, wenn sie sich auch unauffällig verhalten. Erfahrungen in anderen Städten zeigen, was Waschbären anrichten können: Kassel gilt als europäische Waschbärenhauptstadt und hat gezeigt, wie ungemütlich der pelzige Zorro als Untermieter und Nachbar werden kann. Geschlossene Türen interessieren ihn nicht, schon durch kleinste Öffnungen wie verschobene Dachziegel bricht der Bär in Häuser ein – er ist schließlich ein äußerst geschickter Kletterer. Schon 2001 zeigte eine Untersuchung, dass in Kassel auf jedem Quadratkilometer 50 Waschbären leben. Um Verhältnissen wie in Kassel vorzubeugen, haben die sächsischen Jäger nach Angaben des Landesjagdverbands allein im Jagdjahr 2007/2008 1210 Waschbären erlegt.

Wie der Waschbär ist auch der Mink ursprünglich Nordamerikaner und hat sich an Leipzigs Gewässern eingerichtet. Hier trifft er auf eine alte Bekannte aus seiner Heimat – die Bisamratte. Die beiden sind Fressfeinde, wobei der Mink auch gern die Bisamratte selbst frisst. Ihre komplizierte Beziehung setzen die beiden in ihrer europäischen Wahlheimat fort, weshalb Bisamratten in Leipzig in den vergangenen Jahren laut Leonhard Kasek vom Nabu wieder seltener vorkommen.

nutria_by_wandersmann_pixelio.de

Exoten mit schönem Fell: Nutrias.
Foto: wandersmann / PIXELIO

Während es auch heimische Wildtiere wie Feldhasen, Rehe, Wildschweine und Fischotter längst in Richtung Leipziger Stadtgebiet gezogen hat, gehören Nutrias noch zu den exotischeren Neubürgern. Diese Biberratten haben zwar unschön gelb-orangene Zähne – dafür aber schönes Fell. Ihre Vorfahren stammen immerhin von Pelztierfarmen und kamen ursprünglich aus den Subtropen Südamerikas. In Leipzig sind sie nun vor allem an Flüssen anzutreffen, am ehesten in der Dämmerung. Auch die Rotwangenschildkröte hat es sich an den größeren Gewässern Leipzigs gemütlich gemacht. Sie stammt ursprünglich aus Florida und lässt sich im Sommer beim Sonnenbaden beobachten – wenn sie auch vom deutschen Sommer kaum so verwöhnt werden dürfte wie in ihrer Heimat.

Gift treibt Vögel in die Stadt

Alles andere als verwöhnt sind zahlreiche Vogelarten, die die Landflucht nach Leipzig getrieben hat: „Sie können in der freien Agrarlandschaft nicht mehr überleben“, erklärt Leonhard Kasek. Vertrieben werden sie durch intensiven Gifteinsatz, der Felder und damit Vogelnahrung vergiftet. Wiesen, Hecken und Büsche werden beseitigt – das macht sie zu gefiederten Obdachlosen. Die Amsel zum Beispiel wurden laut Kasek erstmals 1872 in Leipzig gesichtet, heute ist sie einer der häufigsten Vögel in der Stadt. Ihr folgen Fasane, Wachteln, Rotkehlchen, Waldkauze …

Keine lokale Besonderheit sind übrigens die vielen rot-orangenen Käfer, die derzeit überall in Leipzig zu finden sind. Sie kommen ursprünglich aus Asien und durchschwirren die Stadt in großen Schwärmen. Dem hier bekannten Marienkäfer sehen sie mit ihren schwarzen Punkten auf rotem Grund ein wenig ähnlich – ob sie aber auch als Glücksbringer funktionieren, ist bisher nicht bekannt.

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

Veröffentlicht unter: 1. Ausgabe, Claudia Laßlop, Geschichten

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